Diesen Sommer hatte ich Gelegenheit, einen Tag im Untersuchungsgefängnis Hamburg zu verbringen und mich dort im Zentralkrankenhaus über die Versorgung von Menschen mit Diabetes hinter Gittern zu informieren. An einem weiteren Termin konnte ich einen Insassen mit Diabetes interviewen, der im offenen Vollzug untergebracht ist.
Vielleicht seid ihr ja schon auf anderen Kanälen über meine Reportage gestolpert, denn ursprünglich habe ich sie für die Diabetes Zeitung der DDG und für den Diabetes Anker (beide MedTrix Verlag) geschrieben. Doch ich möchte euch hier auch ein bisschen über das Drumherum dieser spannenden, wenn auch sehr aufwändigen Recherche erzählen. Es war nämlich ursprünglich gar nicht meine Idee, mich mal darüber schlau zu machen, wie man seinen Diabetes während eines Gefängnisaufenthalts behandelt.
Vielmehr war es mein Mann Christoph, der dieses tolle Thema mit nach Hause brachte. Er hatte bei einem Einsatz als Triathlon-Kampfrichter mit einem anderen Kampfrichter geschnackt – und wie Männer das offenbar tun, wenn sie unter sich sind, haben sie sich über die Jobs ihrer Ehefrauen unterhalten. Christoph erfuhr also, dass die Frau seines Kumpels als Krankenschwester und Bereichsleiterin im Zentralkrankenhaus der Untersuchungshaftanstalt ihre Brötchen verdient. Und als Ehemann einer Journalistin witterte Christoph gleich eine gute Geschichte: „Könnte Antje deine Frau vielleicht mal für einen Tag begleiten? Im Knast gibt es doch bestimmt auch Gefangene mit Diabetes… das würde sie garantiert interessieren!“
Wie funktioniert Diabetestherapie hinter Gittern?
Wieder zu Hause, berichtete er mir von seiner Themenidee – und natürlich interessierte ich mich brennend dafür! Geschichten wie diese sind immer ein willkommener Anlass, einmal aus dem üblichen Alltag auszubrechen und in ganz andere Welten einzutauchen. Der Kontakt zu Anke Conrad war schnell hergestellt, und Mitte Juni brach ich tatsächlich auf nach Hamburg, um im Untersuchungsgefängnis mit eine Ärztin und anderen Angehörigen des medizinischen Teams über die Diabetesversorgung hinter Gittern zu sprechen. Ich wollte herausfinden, wie sich die Diabetestherapie im Gefängnis von der ‚draußen‘ unterscheidet, wie z. B. Schulung oder Geräteeinweisung ablaufen, ob die Gefängnisküche Rücksicht auf besondere Ernährungsweisen nimmt und wie man als Inhaftierte*r Bewegung und Sport in den Alltag integrieren kann. Denn wer eine Gefängnisstrafe verbüßt, hat nur bedingt Einfluss auf Art und Zeitpunkt von Mahlzeiten, kann nur zu festgelegten Zeiten Sport treiben und darf kein Smartphone nutzen. Was bedeutet das also für Gefangene mit Diabetes und ihre Therapie? Und wie beeinflussen diese Rahmenbedingungen die ärztliche und pflegerische Versorgung hinter Gittern?
Leider hatten Anke und ihr Team keinen Insassen mit Diabetes davon überzeugen können, mit mir zu sprechen. Ob dies in einer anderen Haftanstalt möglich sein würde, stand zu dem Zeitpunkt noch in den Sternen, doch Anke setzte nach meinem ersten Termin hinter Gittern wirklich alle Hebel in Bewegung, um mir für ein solches Gespräch zu einem späteren Zeitpunkt die Türen zu öffnen.





Das Hamburger Untersuchungsgefängnis ist ein respekteinflößender roter Backsteinbau. Die hohen Mauern und Zäune, die ihn umgeben, sind zusätzlich mit Nato-Draht gesichert. Im Innern dieser Festung gibt es ein Zentralkrankenhaus, in dem von Innerer Medizin über Augenheilkunde, Chirurgie und Zahnmedizin bis zur Radiologie nahezu alle ärztlichen Fachrichtungen vertreten sind. Hier können neben den Untersuchungsgefangenen auch Strafgefangene anderer Hamburger Justizvollzugsanstalten (JVA) behandelt werden. Eine Ambulanz, wie sie auch jede andere Haftanstalt vorhält, kümmert sich um die kontinuierliche medizinische Versorgung der Insassen. Hier war ich mit JVA-Bediensteten verabredet, die mir Einblick in ihre Arbeit gewähren wollen.
Auch für Gäste gilt in Haftanstalten striktes Smartphone-Verbot
Am Eingang musste ich meinen Personalausweis und mein Smartphone abgeben. Ebenso wie für Insassen und Bedienstete, gilt auch für Besucher*innen hinter Gittern striktes Handyverbot. Während meines Aufenthalts in der JVA konnte ich also nicht mit einem Blick auf das Smartphone-Display meine Glukosewerte checken, sondern musste auf Blutzuckermessungen ausweichen. Für einen Tag ließ sich das verschmerzen. Doch auf Dauer würde ich für die Therapie meines Typ-1-Diabetes nur ungern auf moderne Diabetestechnologie verzichten.
Dazu erklärte mir Magnus Magnussen: „Medizinprodukte, die elektrisch betrieben werden, sind im Gefängnis nicht ohne Weiteres einsetzbar.“ Er ist der in der Untersuchungshaftanstalt für die zentrale Beschaffung der gesamten medizinischen Ausstattung zuständig – vom Röntgengerät über Verbandmittel bis hin zu Insulinpens und Blutzuckermessgeräten. Hintergrund für das Smartphone-Verbot sind zum einen allgemeine Sicherheitsbedenken. Schließlich nutzen Kriminelle gern verschlüsselte Mobiltelefone und entsprechende Kryptodienste für ihre krummen Geschäfte. Auch strenge Auflagen in Bezug auf die IT-Datensicherheit erschweren den Einsatz moderner Systeme innerhalb der Gefängnismauern: Immerhin wäre es denkbar, dass Insulinpumpen oder CGM-Geräte – wie jedes andere elektronische Gerät auch – manipuliert werden und damit im schlimmsten Fall die zentrale IT lahmlegen.
Insulinpumpen und CGM-Systeme nutzt hier fast niemand
Entsprechend selten trifft man im Knast auf Menschen, die ihren Diabetes mithilfe von Insulinpumpen und/oder CGM-Geräten managen. Davon abgesehen werde aber grundsätzlich alles beschafft, was die behandelnden Ärzt*innen für medizinisch notwendig erachten, betonte Magnussen. Budgets oder andere Beschränkungen gibt es nicht. Die Anstaltsärztin kann also z. B. auch Gefangenen mit Typ-2-Diabetes, die nicht mit Insulin behandelt werden, in ausreichender Menge Teststreifen für regelmäßige Blutzuckermessungen verordnen – ohne deswegen einen Regress fürchten zu müssen.


Die Internistin Dr. Sabine Jägemann arbeitet seit 2013 im Untersuchungsgefängnis und weiß diese Unabhängigkeit zu schätzen: „Ich kann hier ärztlich ziemlich frei walten.“ Anstelle drohender Regresse, wie sie Vertragsärztinnen ‚draußen’ permanent begleiten, muss sie allerdings jederzeit auf Post von den Anwältinnen der Gefangenen gefasst sein. „Manche versuchen, auf diese Weise Druck auf uns auszuüben. Es ist eine regelrechte Masche, die Haftbedingungen anzuprangern. Da werden oft die absurdesten Dinge behauptet“, erzählte sie. Nicht zuletzt aus diesem Grund wird akribisch auf eine lückenlose Dokumentation geachtet. „Ernstliche juristische Schwierigkeiten hatte ich zum Glück noch nie.“ Wenn Patient*innen unzufrieden sind, dann gilt ihr Unmut eher der Haft selbst als der medizinischen Betreuung. „Die Gefangenen sind hier gut versorgt, doch sie haben keine freie Arztwahl. Das muss man im Hinterkopf haben. Doch das sind Rahmenbedingungen, die ich nicht ändern kann. Daher nehme ich es nicht persönlich, wenn mal jemand schimpft“, meinte die Ärztin.
Patient*innen mit einem breiten Spektrum an Erkrankungen
Ähnlich wie in einer allgemeinmedizinischen Praxis betreut sie in einem kleinen Team alle Patient*innen kontinuierlich von A bis Z. „Allerdings behandeln wir hier nicht das typische hausärztliche Klientel, sondern Patienten mit einem viel breiteren Spektrum an Erkrankungen“, berichtete Dr. Jägemann. Es umfasst Infektionskrankheiten wie Hepatitis – meist die chronische und selten die Akutform – oder Tuberkulose ebenso wie Hypertonie, Frakturen oder infizierte Wunden. Viele chirurgische Fälle. Und natürlich Alkohol- und Drogensucht mitsamt ihren Nebenwirkungen und Entzugserscheinungen.
Denn viele der Insassen sitzen wegen Drogendelikten oder Beschaffungskriminalität in U-Haft. Manche wurden zum wiederholten Mal ohne Fahrschein in der U-Bahn oder beim Ladendiebstahl erwischt und direkt von der Straße aufgelesen – aus dem schlichten Grund, dass sie keine Meldeadresse haben, an die man eine Vorladung zustellen könnte. Andere verbüßen Ersatzhaftstrafen, weil sie eine per Strafbefehl verhängte Geldstrafe nicht bezahlen konnten. Ein Großteil der Gefangenen hat eine andere Muttersprache als Deutsch, etliche können kaum lesen, schreiben und rechnen. Auch traumatisierte Geflüchtete sind unter ihren Patient*innen. „Die sind hier auf die schiefe Bahn geraten, obwohl sie doch eigentlich so viel Lebensenergie mitbringen“, erzählte Dr. Jägemann.


Es fehlt an Geld, stabilen sozialen Kontakten und einer festen Wohnung
Diese Schilderungen machten mich sehr betroffen. Mir war vor meiner Recherche nicht bewusst, wie viele Untersuchungshäftlinge tatsächlich aus derart prekären Verhältnissen stammen. Doch es ist natürlich klar: Menschen mit ausreichend viel Geld auf dem Konto können sich im Zweifelsfall einen Anwalt leisten, die verhängte Geldstrafe zahlen oder eine Kaution hinterlegen, um eine Inhaftierung zu vermeiden. Menschen mit stabilen sozialen Kontakten haben Familie oder Freund*innen, die ihnen in einer solchen Lage mit Geld unter die Arme greifen. Die meisten von uns würden ja vermutlich alles erdenkliche tun, um einen Gefängnisaufenthalt zu vermeiden. Doch wer weder Geld, noch stabile soziale Kontakte oder eine feste Wohnung hat, dem steht diese Option oft nicht offen.
Die prekären Lebensumstände, aus denen viele Gefangene stammen, spiegeln sich auch in ihrem Gesundheitsverhalten. „Reiche Gefangene, die mit Kokainhandel ihr Geld verdient haben, sind oft sehr gesundheitsbewusst und stellen hohe Ansprüche. Doch den meisten Patienten hier ist ihre Gesundheit eher egal, die haben ganz andere Sorgen“, berichtete die Internistin. „Für viele ist es tatsächlich ein Segen, in U-Haft zu kommen. Hier können sie einen Drogen- oder Alkoholentzug machen, zur Ruhe kommen und ihre Erkrankungen behandeln lassen.“ Mehr als einmal schon haben ihr Patient*innen offenbart, es sei gut, dass die Polizei sie aufgegriffen habe, „denn lange hätte ich es draußen nicht mehr ausgehalten“.
Diabetestherapie auf ein möglichst einfaches Schema herunterbrechen
Mit Blick auf Gefangene mit Diabetes ergänzte sie: „Wir haben es hier meist mit einem verwahrlosten oder noch gar nicht eingestellten Diabetes zu tun.“ Im Untersuchungsgefängnis läuft es deshalb meist darauf hinaus, die Therapie alles auf ein möglichst einfaches Schema herunterzubrechen. Denn mit Kohlenhydratschätzungen und Insulinfaktoren wären viele der Patient*innen schlicht überfordert. „Wenn die Werte damit überwiegend unter 200 mg/dl liegen und die Leute nicht unterzuckern, bin ich zufrieden“, meinte Dr. Jägemann. „Wenn jemand dann gut klarkommt, steigen wir ins Feintuning und in eine richtige ICT ein.“ Sprich: eine intensivierte Insulintherapie, bestehend aus einem Basalinsulin und einem Bolusinsulin, das bedarfsgerecht zu den Mahlzeiten gespritzt wird. Also so, wie ich es auch praktiziere.
Den Wunsch nach einer Insulinpumpentherapie hat noch keiner ihrer Patient*innen geäußert. In den meisten Fällen wäre sie auch kaum zu rechtfertigen: „Wir können keine Hochleistungsmedizin betreiben, wenn die Leute in zwei Wochen ohnehin wieder auf der Straße landen und nichts davon fortführen können.“ Doch wenn jemand vor der Haft mit einer Insulinpumpe zurechtgekommen ist und nach der U-Haft voraussichtlich länger einsitzen muss, würde sie durchaus versuchen, ihm diese Therapieform auch hinter Gittern zu ermöglichen – trotz der erschwerten Bedingungen bei der Beschaffung elektronischer Hilfsmittel.
Während der ersten Hafttage haben viele Selbstmordgedanken
Unmittelbar nach der Inhaftierung geht es allerdings eher um die Frage, ob die Gefangenen überhaupt Insulin mit in ihre Zellen nehmen dürfen. „Wenn jemand aufgrund psychischer Auffälligkeiten suizidal ist, dann wird ihm erst einmal alles weggenommen. Gerade die ersten Tage in Haft sind da kritisch“, erklärte Dr. Jägemann. In einem solchen Fall übernehmen Pflegekräfte die Insulininjektionen, bis sich die neuen Insassen halbwegs eingewöhnt haben.
Dann nimmt auch Christina Seidel Kontakt mit ihnen auf. Sie arbeitet seit 2015 im Zentralklinikum und ist in erster Linie für die OP- und Sterilisationsassistenz zuständig. Nebenbei hat sie sich aber zur Diabetesassistentin weitergebildet. Sie versucht, Gefangene mit Diabetes aus allen Hamburger JVA bei ihrer Therapie zu unterstützen. Noch läuft die Diabetesberatung nicht so strukturiert wie sie es sich vorstellt: „Ich würde gern alle Patienten mit Diabetes kennen lernen, um einzuschätzen, ob sie Beratung benötigen. Und dann in die einzelnen Anstalten fahren und Schulungen anbieten“, erzählte Seidel.


Der Suchtdruck ist stärker als der Wunsch nach Gesundheit
Stattdessen kann sie derzeit nur punktuell helfen. Manchmal besucht sie Gefangene mit Diabetes in ihren Zellen: „Dann frage ich sie zum Beispiel, wie viel Insulin sie für bestimmte Nahrungsmittel spritzen und wie es ganz allgemein mit dem Diabetes läuft. Einige haben Vorkenntnisse, bei anderen fängt man quasi bei Null an.“ Bei Gefangenen aus anderen JVA ist es komplizierter – schließlich müssen diese mit einem eigens bestellten, polizeilich begleiteten Gefangenentransport zur Diabetesberatung ins Zentralklinikum gebracht werden. „Manche erscheinen dann trotzdem einfach nicht, weil sie plötzlich einen anderen Termin oder einfach keine Lust haben“, berichtet sie. „Dabei ist es doch wichtig, dass sie sich mit ihrer Krankheit auseinandersetzen und versuchen, danach zu leben!“ Seidel weiß allerdings auch: „Insbesondere Drogenabhängigen fällt das sehr schwer. Der Suchtdruck ist stärker als der Wunsch nach Gesundheit.“
Ganz andere Erfahrungen hat sie hingegen mit Gefangenen gemacht, die wegen anderer Delikte in U-Haft sitzen: „Am besten kommt man mit Mördern klar, die sind total strukturiert“, sagt Seidel, ganz ohne ironischen Unterton. Unsicher im Umgang mit Gefangenen fühlt sie sich nicht, auch nicht mit Schwerverbrechern. „Bei manchen muss man resoluter auftreten und sich Respekt verschaffen“, erzählt die zierliche junge Frau, „viele sind auf der Straße großgeworden und haben eine ziemlich kurze Zündschnur.“ Andererseits kann sie mit ihrem Pieper, wie ihn alle JVA-Bediensteten am Gürtel tragen, jederzeit Alarm schlagen und Hilfe rufen. „Diese Sicherheit habe ich draußen schließlich nicht, wenn ich in der U-Bahn seltsamen Gestalten begegne.“
Teambesprechung: Wer ist neu? Wer macht Stress? Wer braucht Hilfe?
Auch Anke Conrad hat keine Angst vor den Insassen. „Ich habe hier schon meine Ausbildung gemacht und kenne nur die Knastmedizin“, erzählt die Krankenschwester und Bereichsleiterin im Zentralkrankenhaus der Untersuchungshaftanstalt. Die Arbeit sei abwechslungsreich, der öffentliche Dienst als Arbeitgeber eine sichere Bank. Sie nahm mich mit zur Teambesprechung im Zentralkrankenhaus. Hier tauscht sich das medizinische Personal über alle Neuzugänge aus. Diese müssen binnen 24 Stunden gründlich medizinisch untersucht werden. Bei einem von ihnen, dessen Lunge im Röntgenbild einen Schatten aufwies, hatte sich der Verdacht auf Tuberkulose bestätigt. Er musste isoliert werden. Die diensthabende Ärztin und die Pflegekräfte sprachen aber auch über Therapieanpassungen bei Insassen, die schon länger inhaftiert sind. Über die Organisation der Anschlussbehandlung nach der Haftentlassung. Und über Patient*innen, die Stress machen, weil sie unzufrieden mit den Haftbedingungen sind.
In der Gemeinschaftsküche riecht es nach Foccacia alla cipolla
Nach der Teambesprechung führt die Krankenschwester mich durch lange Flure, an deren Ende sie immer wieder schwere Metalltüren auf- und wieder abschließt. „Wie oft ich pro Tag einen Schlüssel umdrehe? Keine Ahnung!“, lacht Conrad. Vereinzelt sehen wir Insassen, die Gefängnisarbeit verrichten, geschäftig durch die Gänge eilen. Andere bereiten sich in einer der Gemeinschaftsküchen unter der Aufsicht eines JVA-Beamten selbst etwas zu essen zu. Es riecht nach gebratenen Zwiebeln. „Das wird eine Foccacia alla cipolla“, erklärt mir der Mann,der mit Pfanne und Rührlöffel hantiert. „Es gibt zwar manchmal auch Carbonara aus der Gefängnisküche, doch daran ist nur der Name italienisch“, meint er und rollt mit den Augen. Gefangene, die wie er selbst kochen möchten, können sich Lebensmittel bestellen, die einmal pro Woche in die Hafträume geliefert werden. Auf der mit kleiner Schrift bedruckten Artikelliste im A3-Format findet man Dosenjagdwurst ebenso wie koschere grüne Oliven, geriebenen Parmesan, Anti-Schuppen-Shampoo oder frische Lauchzwiebeln.
Wer nicht selbst kocht, wird von der Gefängnisküche versorgt. Zusammen mit der Mittagsmahlzeit bekommen die Insassen eine ‚Tagestüte‘ ausgehändigt. Sie enthält Lebensmittel wie Brot, Aufstrich, Obst und Milchprodukte für das Abendbrot und das Frühstück am Folgetag. Für Gefangene mit Diabetes gibt es ein Mittagessen, das grundsätzlich 4 BE enthält. In ihrer Tagestüte finden sich auch kleine Snacks, die sie als Zwischenmahlzeiten oder im Falle akuter Hypoglykämien essen können.
Insassen müssen für fast alles einen Antrag ausfüllen
Der Tagesablauf hinter Gittern ist streng getaktet. Frühmorgens um 6:45 Uhr sehen die JVA-Bediensteten nach den aktuell gut 450 Gefangenen: ‚Lebendkontrolle‘ nennt sich diese Routine. Die Zeit nach dem Frühstück nutzen die Gefangenen dafür, Anträge zu stellen: „Ob man nun ein Buch ausleihen, im Multimedia-Raum ins Internet gehen, mit seinem Anwalt telefonieren oder etwas aus seiner verwahrten Habe bekommen möchte – hier im Gefängnis müssen die Insassen für fast alles einen Antrag ausfüllen“, berichtet Conrad.
Eine Stunde am Tag haben die Gefangenen Hofgang: „Da können sie gehen, aber nicht joggen, denn das würde in dem kleinen Hof die Ordnung stören“, erklärt sie. Wer stärkeren Bewegungsdrang verspürt, kann sich einer der vielen Sportgruppen anschließen. Das Angebot reicht von Ballsportarten über Crossfit und Laufgruppe bis hin zu Tischtennis und Yoga. Gefangene mit Diabetes werden dazu angehalten, auch beim Sport immer Traubenzucker bei sich zu haben. Die Gefahr von Komplikationen wegen einer akuten Hypoglykämie ist aber auch deshalb gering, weil alle JVA-Bediensteten regelmäßig Erste Hilfe-Kurse absolvieren müssen und bei medizinischen Notfällen schnell zur Stelle sind.
Mit Typ-1-Diabetes und Folgeerkrankungen im offenen Vollzug
Feste Zeiten für Mahlzeiten, Sport und jegliche andere Aktivitäten sowie lückenlose Überwachung sind in U-Haft – und im Falle einer Verurteilung auch im anschließenden geschlossenen Vollzug – unvermeidlich. Einer erfolgreichen Diabetestherapie ist diese Form der Fremdbestimmtheit nicht unbedingt zuträglich. Davon berichtete mir der Gefangene Enrico Meißner (den Namen habe ich auf seinen und den Wunsch der Anstaltsleitung geändert und auch keine Fotos gemacht, um seine Privatsphäre zu schützen), den ich ein paar Wochen später in der offenen Vollzugsanstalt Glasmoor besuchte. Dort gibt es weder Stacheldraht, noch vergitterte Fenster. Die Bewohner dürfen die JVA zum Arbeiten, zu Besuchen bei ihrer Familie und manchmal auch für Urlaube verlassen. Die Straftat, für die der 44-Jährige einsitzt, soll hier wie auch sein wahrer Name keine Rolle spielen. Er war nach einer längeren Recherche in verschiedenen Hamburger JVA der einzige Insasse mit Diabetes, der mit einem Interview einverstanden war – und bei dem auch die Anstaltsleitung einem Gespräch mit der Presse zustimmte. Darüber hinaus musste ich meinen Besuch mit der Pressestelle der Justizbehörde abstimmen, die nach der öffentlichen Kritik der vergangenen Monate – zuletzt sorgte sie im Zusammenhang mit der Entlassung des Attentäters von Brokstedt für Schlagzeilen – nicht mit spontaner Begeisterung auf meine Anfrage reagierte. Doch am Ende ging alles gut, es legte mir niemand Steine in den Weg oder versuchte, auf meinen Text Einfluss zu nehmen.

Mein Gesprächspartner Meißner lebt seit 23 Jahren mit Typ-1-Diabetes Zum Zeitpunkt unseres Interviews war es acht Monate her, dass er vom geschlossenen in den offenen Vollzug gewechselt war. Hinter ihm lagen sechs Monate U-Haft und mehrere Jahre regulärer Knast. Mit seiner Entlassung in die Freiheit kann er spätestens Anfang 2025 rechnen. Draußen warten seine Ehefrau und Kinder auf ihn, mit denen er bereits jetzt fast jedes Wochenende verbringt. Wenn er die JVA verlässt, holt er sein Smartphone aus dem Schließfach in der Eingangshalle, nach seiner Rückkehr schließt er es dort wieder ein. Eine ganze Wand voller Schließfächer für die Freigänger*innen, daneben Steckdosen. Dort können sie ihre Mobiltelefone aufladen, während sie sich in den Hafträumen aufhalten. Denn auch im offenen Vollzug herrscht striktes Handyverbot.
„Ich habe in der Vergangenheit viel Dummes angestellt“
Mein Gesprächspartner erschien in T-Shirt und Sakko zu unserem Gespräch. Er machte einen sehr gepflegten Eindruck, sprach reflektiert über sein Leben und seine Erkrankung. Kein Vergleich zu den verwahrlosten Junkies, über die wir im Untersuchungsgefängnis so ausführlich gesprochen haben. Um den Hals trug Meißner eine auffällige Kette aus großen Holzperlen mit einem Kreuz. „Mein Glauben hilft mir, mich besser in meine Opfer hineinzuversetzen. Ich habe in der Vergangenheit viel Dummes angestellt“, erzählte er.
Bevor er sich auf seine kriminelle Karriere konzentrierte, war er eine Weile im Garten- und Landschaftsbau tätig. Er würde gern schon als Freigänger wieder in dieser Branche Fuß fassen, um nach seiner Haftentlassung auf eigenen Füßen zu stehen. Bislang war seine Jobsuche außerhalb der Gefängnismauern noch nicht erfolgreich: „Wer mag schon einen vorbestraften Diabetiker einstellen?“ Dennoch lässt er nicht locker und bewirbt sich weiter. Denn mit einem Arbeitsvertrag ‚draußen’ wäre er auch wieder regulär krankenversichert und könnte sich seine Ärzt*innen selbst aussuchen. Stattdessen arbeitet Meißner aktuell in der Fertigung in einem der anstaltseigenen Betriebe – für seine medizinische Versorgung ist daher die JVA-Ambulanz zuständig.
„Die Pflegekräfte hier machen einen Spitzenjob, denen gilt mein größter Respekt“, betonte er. Doch mit dem Anstaltsarzt, der zweimal pro Woche eine Sprechstunde anbietet, kommt er nicht gut zurecht. Zwar tauscht er dort alte gegen neue Insulinpens, erhält neue Teststreifen und bespricht seine Blutzuckerwerte mit ihm. Doch er wünscht sich mehr Aufmerksamkeit und medikamentöse Therapie für seine Psychosen und Schlafstörungen – auch um seine Blutzuckerwerte besser in den Griff zu bekommen. Denn Meißner macht die psychischen Störungen für seine Insulinresistenz verantwortlich.
Diabetesschulung ‚draußen‘ – aber in Hand- und Fußfesseln…
Derzeit sind seine Blutzuckerwerte regelmäßig viel zu hoch: „Ich fühle mich schon bei einem Wert von 150 mg/dl unterzuckert.“ Allerdings ging es mit seinem Diabetes schon immer auf und ab. „Meine Probleme sind nicht durch die Haft entstanden“, gab Meißner zu. Lange lebte er ungesund, ließ seinen Typ-1-Diabetes jahrelang schleifen. Während der U-Haft geriet sein Stoffwechsel dann vollends außer Kontrolle. „Mit Hilfe von Frau Seidel, der Diabetesberaterin, ist es mir zum Glück gelungen, den HbA1c-Wert von 11,3 auf 8,3% zu senken“, berichtete er. Doch dann kam der geschlossene Vollzug in einer anderen JVA. Er wurde von häufig wechselnden Ärzt*innen behandelt und vernachlässigte sein Diabetesmanagement wieder. „In der Zeit wurde mir ausnahmsweise eine Schulung draußen in einer Diabetespraxis genehmigt. Doch ich durfte nur in Hand- und Fußfesseln teilnehmen. Die anderen Teilnehmer guckten nervös, auch die Diabetesberaterin war verunsichert, und ich konnte mich nicht konzentrieren. Das war für alle Beteiligten nicht schön“, erinnerte er sich.
Seine instabile Stoffwechsellage hat Spuren hinterlassen. Meißner hat eine Retinopathie, wurde deswegen bereits mehrfach an den Augen operiert. Auch eine periphere Neuropathie wurde bei ihm diagnostiziert. Um sein Diabetesmanagement zu verbessern, würde er gern noch einmal ‚draußen‘ in einer Diabetespraxis an einer Nachschulung teilnehmen. Aktuell würde ihm aber lediglich eine Schulung innerhalb des JVA-Systems bewilligt. Was bedeutet, dass er sich für den Zeitraum der Schulung zurück ins Untersuchungsgefängnis verlegen lassen müsste. „Die Aussicht, dann wieder die meiste Zeit des Tages in einer Zelle eingesperrt zu sein, macht etwas mit einem, wenn man sich an die Freiheiten des offenen Vollzugs gewöhnt hat“, erzählte Meißner, „auch wenn es nur für eine Woche ist“.
Etliche Freiheiten im offenen Vollzug
Zu den Freiheiten im offenen Vollzug zählt Zugang zum Internet bei seinen Freigängen ebenso wie offene Türen innerhalb der Gefängnisgebäude. Zusammen mit zwei anderen Gefangenen, die ebenfalls Diabetes haben, hat Meißner in der JVA eine kleine Kochgruppe gegründet. „Wenn wir gemeinsam Essen zubereiten, reduzieren wir gern die Kohlenhydrate in den Rezepten.“ Auch sportlich sind den Insassen weniger Grenzen gesetzt als in U-Haft oder im geschlossenen Vollzug: Es gibt einen Sportplatz und einen Trainingsraum, den die Gefangenen jederzeit für sportliche Aktivitäten nutzen können, eine Fußball- und eine Tischtennisgruppe. „Man rostet hier nicht so schnell ein“, fand Meißner.
Sein Herz schlägt allerdings für’s pädagogische Boxen. Bei diesem preisgekrönten Projekt besuchen Gefangene Jugendliche, die schon einmal straffällig geworden sind, an ihren Schulen. Dreimal pro Woche ist Meißner hier aktiv. Neben Präventionsunterricht steht Boxtraining auf dem Programm. „Wenn man intensiv miteinander Sport getrieben hat und danach verschwitzt in einer Runde sitzt, bekommen die Gespräche eine ganz andere Qualität“, erzählte der Hobbyboxer, „ich kriege dann einiges mit, was in den Familien der Jugendlichen falsch läuft“. Mit seinem ehrenamtlichen Engagement möchte er – nach allem, was er in seiner kriminellen Vergangenheit angerichtet hat – der Gesellschaft etwas zurückgeben. „Wenn ich merke, dass ich bei den Kids etwas Positives bewegen kann, ist das ein tolles Gefühl!“
