Süß, happy und fit

Echte Geschichten aus meinem bewegten Leben mit Typ-1-Diabetes

Blutzuckermessung per Smartwatch – vergiss das erstmal!

Ein Kommentar

Seit meinem Wechsel zum Dexcom G7 kann ich nun auch meine Glukoseverläufe auf der Apple Watch sehen. Eine wirklich feine Sache, die ich schon nach wenigen Tagen nicht mehr missen mochte. Sie hat mich aber auch an einen Artikel erinnert, den ich kürzlich für die Diabetesmedien von MedTriX geschrieben habe.

Und da ging es darum, dass – vor allem besonders kostengünstige – Smartwatches definitiv noch nicht eigenständig den Blutzucker messen können. Wie eine Mini-Studie aus Ulm gezeigt hat, macht es für sie tatsächlich null Unterschied, ob man die Uhr um ein menschliches Handgelenk oder um eine Banane schnallt. In beiden Fällen erschienen die immer gleichen Glukosekurven, die mit den tatsächlichen Blutzuckerwerten rein gar nichts zu tun hatten.

Hier also mein Artikel, der in der Diabetes Zeitung der DDG und online im Diabetes-Anker erschienen ist, der sicherlich auch für einige von euch interessant sein dürfte (zumindest sofern ihr ihn dort nicht längst gelesen habt):

Eine schicke Uhr für weniger als 50 Euro, die neben Schrittzahl und Herzfrequenz auch Blutzuckerwerte misst – im Online-Handel findet man etliche Produkte, die mit genau dieser Funktion werben. Doch in einem Pilotversuch am Ulmer Institut für Diabetes-Technologie sind zumindest zwei Modelle krachend gescheitert.

Sportuhren, die mit einem nicht-invasiven optischen Verfahren den Blutzucker messen können, sind bei Herstellern wie Apple oder Samsung seit etlichen Jahren in Arbeit. Über vage Ankündigungen ist die Entwicklung allerdings bislang nicht hinausgekommen. Denn angesichts des komplexen Aufbaus des Hautgewebes und der Vielfalt an Substanzen mit ähnlichen optischen Eigenschaften wie Glukose sind die technischen Herausforderungen immens. Bis heute kann deshalb keine auf dem Markt erhältliche Marken-Smartwatch den Blutzucker messen.

Kostengünstige Alternative zum CGM?

Ungeachtet dessen findet man auf Portalen wie Amazon immer wieder preisgünstige Uhren, die mit der Funktion ‚Blutzuckermessung‘ werben. Im Kleingedruckten wird zwar darauf hingewiesen, dass die Messergebnisse lediglich als Referenz dienen können und „keine vollständige medizinische Funktion“ haben. Doch diese Einschränkung hält unter Umständen nicht alle potenziellen Interessent*innen davon ab, sich eine solche Smartwatch – etwa als kostengünstige und einfache Alternative zu einem CGM-System – anzuschaffen, um die eigenen Glukoseverläufe im Blick zu behalten.

Testkäufe am Ulmer Institut für Diabetes-Technologie (IDT)

Insbesondere wenn man die gemessenen Werte für Therapieentscheidungen nutzen möchte, könnte dies aber ein riskantes Unterfangen sein. Darauf weisen zumindest entsprechende Fallberichte und Anfragen aus der ärztlichen Community hin, die bei der AG Diabetestechnologie (AGDT) der DDG und beim Institut für Diabetes-Technologie (IDT) der Universität Ulm eingingen. Der IDT-Forscher Manuel Eichenlaub berichtet: „Wir haben uns deshalb entschieden, ein paar dieser Uhren einzukaufen und sie zu testen.“ Im Juni 2023 erwarb das Institut online zwei der fragwürdigen Smartwatches für einen Pilotversuch an einer Person mit Typ-1-Diabetes. Beide Geräte – mittlerweile übrigens nicht mehr bei Amazon verfügbar – besaßen einen optischen Sensor, der beim Tragen Kontakt zur Hautoberfläche hatte.

Vollmundige Versprechungen für Messungen etlicher Körperfunktionen

Zu den proklamierten Funktionen zählten neben der Glukosemessung u. a. auch die Möglichkeit, Herzfrequenz, EKG, Sauerstoffsättigung, Aktivität, Körpertemperatur und Blutdruck zu bestimmen. Die Ergebnisse konnten direkt auf den Geräten angezeigt werden, daneben gab es für beide Geräte auch eigene Smartphone-Apps zur Anzeige der Messergebnisse. Wie auch bei anderen Smartwatches dieser Art, wiesen die Hersteller immerhin darauf hin, dass es sich nicht um Medizinprodukte handele und dass die Messergebnisse nicht für medizinische Zwecke verwendet werden dürfen.

Verdächtig: Jeden Tag identische Glukoseverläufe

Doch ob es sich bei den angezeigten Glukosekurven überhaupt um individuelle Messwerte handelt, darf nach dem Pilotversuch des IDT stark bezweifelt werden. Denn die von beiden Smartwaches erfassten vermeintlichen Glukoseverläufe wichen nicht nur deutlich von den parallel durchgeführten Messungen mit einem konventionellen CGM-System ab, sondern waren sogar an allen drei Tagen jeweils identisch. Sie verzeichneten Tag für Tag dieselben Anstiege der Glukosewerte gegen 09:00 Uhr, 13:00 Uhr und 19:00 Uhr, also für die Hauptmahlzeiten üblichen Uhrzeiten. „Damit war klar, dass die Uhren keinen Blutzucker messen können und keinen klinischen Nutzen für die Diabetestherapie haben“, erklärt Eichenlaub.

Kann die Uhr einen Menschen von einer Banane unterscheiden?

„Uns kam dann der Gedanke zu testen, ob die Uhren überhaupt erfassen können, dass sie an einem Menschen befestigt sind“, erzählt der Forscher weiter. Die Wahl des unbelebten Testobjekts fiel auf eine Banane – zum einen aus praktischen Erwägungen, weil man an ihr problemlos eine Uhr befestigen kann. Zum anderen aber auch, um dem Pilotversuch trotz des ernsten Hintergrunds noch eine augenzwinkernde Note zu geben.

Nicht mehr als der Anschein eines echten Glukoseprofils

Tatsächlich kann man sich beim Blick auf die Ergebnisse des zweiten Versuchsteils ein Schmunzeln wohl kaum verkneifen: Auch die Banane wies dieselben, nahezu identischen Glukoseverläufe auf wie an den Tagen zuvor der menschliche Proband. Im IDT vermutet man daher, dass herstellerseitig einfach ein typisches CGM-Tagesprofil in den Smartwatches hinterlegt wurde, das auf dem Display angezeigt wird und den Anschein eines echten Glukoseprofils wecken soll.

‚CE‘ steht hier für ‚Chinese Export‘ und bietet keine Gewähr

Die Chancen, etwas gegen betrügerische Angebote dieser Art unternehmen zu können, schätzt Eichenlaub allerdings als gering ein. Zwar habe die amerikanische Zulassungsbehörde FDA eine offizielle Warnung vor Smartwatches dieser Art ausgesprochen, die fälschlicherweise mit einer Blutzuckermessfunktion werben. „Aber im europäischen Raum gibt es keine Institution, die eine ähnliche Funktion wie die FDA erfüllt“, meint der Wissenschaftler. Das hiesige Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) sei nur für Produkte zuständig, die ein echtes CE-Kennzeichen tragen. Die getesteten Uhren waren zwar mit den Buchstaben ‚CE‘ bedruckt, doch diese stehen bei fragwürdigen Produkten in der Regel für ‚Chinese Export‘ und nicht für ‚Conformité Européenne‘, also Konformität mit den geltenden EU-Richtlinien und -Normen. Es scheint also schwer, von behördlicher Seite etwas zu unternehmen, um Verbraucher*innen zu schützen.

Bislang ist keine nicht-invasive Blutzuckermessung möglich

Eichenlaub und sein Team wollen daher lieber direkt an die potenziellen Anwender*innen solcher Smartwatches herantreten: „Man kann nur immer wieder bekräftigen, dass es bis dato keine Smartwatch auf dem Markt ist, die nicht-invasiv den Blutzucker messen kann.“ Die technischen Hürden für eine optische Blutzuckermessung seien hoch: „Es ist schwer, über das Handgelenk mit einer optischen Methode ein zuverlässiges Signal zu generieren. Es wird unserer Einschätzung nach noch Jahre dauern, bis so etwas auf den Markt kommt – und ob es jemals in einem Gerät verbaut wird, das man locker am Handgelenk tragen kann, wage ich zu bezweifeln.“

Vorsprung der etablierten CGM-Systeme wohl kaum aufzuholen

Abgesehen davon, müssten nicht-invasive Blutzuckermesssysteme sich in Sachen Genauigkeit mit den verfügbaren Systemen zur kontinuierlichen Glukosemessung messen. „Der Vorsprung, den die aktuellen minimal-invasiven CGM-Systeme inzwischen erzielt haben, ist aber so leicht nicht aufzuholen“, meint Eichenlaub. Beim IDT plane man, gelegentlich Smartwatches mit vermeintlicher Blutzuckermessfunktion anzuschaffen und auszuprobieren. „Wir erwarten aber nicht, dass sich an den Ergebnissen groß etwas verbessern wird.“

Warnung vor Smartwatches mit ähnlichen unseriösen Versprechungen

Umso wichtiger ist es den Forscher*innen daher, Menschen mit Diabetes und deren Behandlungsteams vor der Nutzung von Smartwatches zu warnen, die nicht als Medizinprodukte zugelassen sind und auf ähnliche Weise vermarktet werden wie die von ihnen getesteten Modelle. Die Ergebnisse ihres Pilotversuchs haben Eichenlaub und seine Kolleginnen mittlerweile veröffentlicht und auch beim diesjährigen Diabeteskongress der DDG auf einem Poster vorgestellt.

Ein Kommentar zu “Blutzuckermessung per Smartwatch – vergiss das erstmal!

  1. Avatar von mangogenerously92a1fa0a32

    Vielen Dank für diese Darstellung, sehr interessant. Habe gerade eine Werbung für wieder einen solchen Alleskönner (Blutzucker, Blutdruck, Sauerstoffsättigung, Schritte, …) entdeckt: Outfany SuiviPro 2.0. Wen’s interessiert: https://www.outfany.com/fr/products/outfany-trackpro-2-0. Es wird u.a. eine Echtzeit-BZ-Messung (nicht invasiv) angeboten. Ob der Vergleich besser ausfällt als mit der Banane, weiß ich nat. nicht.

    Like

Hinterlasse eine Antwort zu mangogenerously92a1fa0a32 Antwort abbrechen