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Gastbeitrag: Weitere Gedanken zum Thema ‚Heilung‘ von Arndt Fiolka

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Wie ihr in meinem gestrigen Blogbeitrag lesen konntet, ist das Thema ‚Heilung durch Stammzelltherapie‘ in der Typ-1-Gruppe bei Facebook auf ziemlich großes Interesse gestoßen. Einen Leser hat es nicht losgelassen. Arndt Fiolka, mit dem wir über die IDAA seit vielen Jahren befreundet sind, hat weiterrecherchiert und präsentiert seine Ergebnisse in einem Gastbeitrag.

Ein Hallo in die Runde. Mein Name ist Arndt. Ich bin jetzt  seit fast 50 Jahren Typ-1-Diabetiker und arbeite in der IT-Branche. Beschäftige mich dort mit u. a. mit der Datenanalyse. Zu meinen Aufgaben zählt die Aufbereitung großer Datenmengen aus strukturierten, definierten Daten, wie man sie i.d.R. in Datenbanken findet. Daneben recherchiere ich in meiner Freizeit häufig das, was mich interessiert, im Internet und werde vielfach auch fündig. Anfang Dezember letzten Jahres stellte Antje in einer kleinen fb-Umfrage für einen Artikel im FOCUS Diabetes die Frage, was Heilung für uns Menschen mit Diabetes bedeuten könnte.

Arndt Fiolka (C) K. Radau

Arndt Fiolka, Fotoquelle: K. Radau

Die Sätze in dem Post hatten eine besondere Wirkung auf mich, ich schrieb eine Antwort und fing parallel an, zu recherchieren. Meine ersten Begriffe über Google Search waren ’stem cell diabetes research‘, dann auch cure. Meine bisherige Erfahrung sagte mir, das es mehr Erfolg bringt mit englischen Begriffen zu suchen.
Ich las Artikel über Stammzellenforschung durch, fand den Namen ViaCyte als Firmennamen und landete auf deren Homepage. Es waren dort sehr viele Informationen zu finden: Was bisher erforscht wurde, woran man arbeitet und über den Status der Arbeiten. Hier nur einige Begriffe: stem cell engineeringdevice engineneeringPEC-Encap. Einer der heutigen Ansätze in der Insulinzellenproduktion ist wohl, embryonale Stammzellen zu insulinproduzierenden Inselzellen heranreifen zu lassen und diese dann geschützt durch eine semipermeable Schutzschicht zum Schutz vor Zerstörung oder Abstoßung in den Körper einzupflanzen. Eine von vielen Herausforderungen ist wohl auch, den Zellen genügend Sauerstoff zuzuführen, damit diese in der Kapselung über lange Zeit  funktionsfähig bleiben.

Ich las auch, was in den News über ViaCyte berichtet wurde. Man ist verschiedene Kooperationen eingegangen u.a. mit der Fa. Gore, die das Encapsulation device herstellt. Wenn man jetzt darüber nachdenkt, das auch das Material für Gore-Tex Bekleidung aus derselben ‚Küche‘ stammt, hat man ab jetzt eine andere Beziehung zu der Sportkleidung, so denke ich. Betrachtet man jetzt einmal die finanzielle Seite, so fällt auf, das Viacyte sich aus dem Pharmariesen Johnson & Johnson herausgelöst hat, im letzten Herbst 80 Millionen US$ für weitere Forschungsarbeiten eingesammelt werden konnten und auch Gore weitere 10 Millionen US$ in die Weiterentwicklung des devices steckt.
Auf der Homepage gab es auch einen Link zu Datensätzen in der wohl weltweit größten Registratur für klinische Studien U.S. National Library of Medicine: ClinicalTrials, geführt von der U.S. Behörde. Die Datenbank enthält mehr als 300.000 gelistete Studien seit dem Jahr 2000. Gibt man dort den Begriff diabetes ein, so erhält man noch über 14.000 (nicht nach Typen unterschieden) gelistet. Ist man hier gelistet, finden bereits klinische Studien am Menschen statt, bzw. haben schon stattgefunden. Das Stadium der reinen Tierversuche hat man somit schon hinter sich gelassen. Es wird auch ersichtlich, das die ersten Studien mit Viacyte als ein Sponsor schon 2014 begonnen haben.

Suche ich nach einer vergleichbaren Datenbank für Europa oder Deutschland, so lande ich auf der Webseite der EUROPEAN MEDICINES AGENCY. Auf europäischer Ebene sollen klinische Studien reguliert werden. Eigentlich war geplant, dieses bereits 2014 ‚Go live‘ gehen zu lassen, jedoch verzögern komplexe Anforderungen an die Software und auch die Unsicherheit über den Verbleib Großbritaniens in der EU diesen Termin bis heute. Der neue anvisierte ‚Go-live‘ Termin ist geplant für 2020.

Die nächste Frage, die ich mir stellte, war: Wie viele Institutionen, sei es privat oder öffentlich  gibt es weltweit, die auf dem Gebiet der Stammzellentherapie an einer Heilung des Diabetes Typ 1 arbeiten? Über die Suchmasken und bereitgestellten APIs wurde es zunehmend schwierig. Die Datenbank wird seit dem Jahr 2000 der Öffentlichkeit zugänglich gemacht, es sind dort enorme Datenmengen enthalten, viele allerdings in Spalten, die als Freitext deklariert sind.

Das macht die Suche schwierig, denn jeder kann seine Version von Diabetes Typ1 oder Typ1 Diabetes oder Diabetes mellitus Typ 1, oder Diabetes Typ I oder, oder, oder eintragen. In vielen anderen Ergebnisfeldern stehen kurze Beschreibungen von Maßnahmen, die mal mehr mal weniger typische beschreibende Schlüsselwörter enthalten, aber keine harten Kriterien. Es gibt  Ansätze (u. a. BigData Analysis, Machine Learning, AI), um die Daten besser les- und analysierbar zu machen. Denn das Interesse an diesen Daten scheint groß zu sein und man arbeitet auch an Verbesserungen. Ich habe auch an einer Online-Umfrage teilgenommen, in der ich Wünsche äußern konnte, um das zu finden, was ich suche.

Zwischenzeitlich stieß ich bei meinen Recherchen auf eine Website, die weltweit Firmen listet, welche sich der Stammzellentherapie gewidmet haben. Gibt man auf der Website  Bioinformant im Suchfeld diabetes ein, so wird  dort ein Artikel über 15 Firmen gelistet, welche mittels Stammzellentherapie eine Heilung vom Diabetes erzielen wollen. Darunter große, altbekannte Namen wie Novo Nordisk oder Sanofi, aber auch viele neue Namen, wie eben Viacyte, Sernova oder Beta-O2 aus Israel. Dazu später mehr. Ich war ehrlich gesagt überwältigt von diesem Artikel, auch von dieser Website, nach eigenen Angaben der größte Stammzellen-Industrie-Blog weltweit.

Viele der hier gelisteten Firmen kommunizieren auch über fb und andere Social Media-Kanäle und so erfuhr ich quasi automatisch, das Viacyte eine Ende Januar eine Kooperation vom dem Center for Beta Cell Therapy in Brüssel/Belgien eingegangen ist. Und wieder war ich fasziniert. Den ersten Patienten in Europa wurde eine subtherapeutische gekapselte Menge an Betazellen zur Weiterführung der klinischen Studien implantiert. Quasi ganz in der Nähe.

Bei meinem nächsten Termin fragte ich meinen Diabetologen nach Möglichkeiten einer Heilung, gleichzeitig stellte ich ihm meine Rechercheergebnisse vor. Den Namen Viacyte kannte er noch nicht, war aber sehr angetan von den Ergebnissen. Er selbt nannte mir das Uniklinikum Carl Gustav Carus in Dresden bzw. das Deutsche Zentrum für Diabetesforschung als erste Anlaufstelle für Inselzelltransplantationen in Deutschland. Weitere Suche ergab, das die Firma ‚Beta-O2‘ aus Israel an einem Produkt mit dem Namen ßAir arbeitet, welches Inselzellen in einem Gerüst aus Alginat kapselt. Die einzige Bedingung: Einmal täglich muss in eine Vorrichtung zum Auffüllen von Sauerstoff dieser injiziert werden. Meine weitere Suche in der Clinicaltrials Datenbank ergab, das 2014 im schwedischen Uppsala mit Beta-O2 eine klinische Studie begonnen wurde, die im Mai diesen Jahres beendet wird.

In dem Artikel über die 15 Firmen, die an einer möglichen Heilung arbeiten, ist auch die Firma Sernova, welche im Bereich der Regenerativen Medizin arbeitet, gelistet. Drei Säulen bilden die Basis: Das Cell Pouch System als vaskularisiertes System, therapeutische Zellen, wie Inselzellen und Immunsystemschutz durch Mikro-Einkapselung. Die Webseite liefert viele weitere, interessante Informationen. Auf dieser Seite wird die therapeutische Pipeline der Arbeiten ersichtlich, eine Listung in der Clinicaltrials Datenbank ist hier zu finden. Ich habe jetzt schon 3 Firmen gelistet, welche an einer Heilung arbeiten und schon Teilerfolge erzielen konnten.

Ende März habe ich mir dann den Focus Diabetes gekauft und den Bericht ‚Hoffnung aus dem Labor‘ gelesen, der über die Arbeiten von Novo Nordisk auf diesem Gebiet berichtet. 2 Punkte fallen mir jetzt im Vergleich zum bisher Beschriebenen auf:

  • Während Novo Nordisk noch ein einer Kapselung der Zellen arbeitet , haben 3 Firmen die Kapselung bereits geschafft.
  • Rechnet man die geschätzten Zeiten seitens Novo Nordisk zusammen, die evtl. weniger als 5 Jahre bis zu Studien und dann noch einmal 10 – 15 Jahren bis zur Zulassung betragen, haben auch hier die 3 anderen bereits einen zeitlichen Vorsprung von 5 – 10 Jahren.

Sehe ich mir jetzt wiederum die 4 typischen Phasen von Klinischen Studien an, so sehe ich auch , das nach der Phase I/II die aufwendigste Phase III erfolgen muss, welche Patiengruppen von 300 – 3.000 Menschen erfordert und vielfach 2 Studien vorliegen müssen, damit eine Zulassungsbehörde wie die FDA diese neue Behandlungsmethode zulässt. Es ist für die Firmen laut Wikipedia der aufwendigste und kostenintensivste Part. Laut meinem Diabetologen dauert dieses i.d.R. allein noch einmal 5 – 10 Jahre.

Es setzt auch voraus, das bekannt ist, Wann und Wo diese Studien stattfinden und es genügend Menschen mit Diabetes Typ1 gibt, die bereit sind, an dieser Studie teilzunehmen. Aus den bisher gelesenen Artikeln sowohl im Internet, den Nachrichten auf Social Media Kanälen, als auch auf gedrucktem Papier ziehe ich Schlussfolgerungen:

Der Wettbewerb

Es wird manchmal behauptet, das Politik und Firmen versuchen, die Stammzellenforschung zu verhindern. Meine Eindrücke sind jetzt völlig andere: Es gibt einen quasi weltweiten Wettbewerb, welche von diesen Firmen als erstes den Durchbruch bis zur Zulassung als Behandlungsmethode von Diabetes schafft. Die Daten lassen sich im Internet ja finden. Nicht nur auf den Diabetes bezogen ist der Mangel an Spenderorganen weltweit knapp, deshalb sucht man hier nach neuen Möglichkeiten. Wenn die Behandlungsmethode in ganz optimistisch geschätzt 10 Jahren zugelassen wird, ist sie disruptiv, d. h. sie wird die bisherige medikamentöse Behandlung des Diabetes Typ 1 meiner Meinung nach weitesgehend ablösen.

Der Standort

Meine 3 gelisteten Firmen haben ihere Stammsitz in den U.S.A. (Viacyte), Großbritannien und Kanada (Sernova) und Israel (Beta-O2). Die ersten beiden haben eine fb – Homepage, auf denen man sich Aktuelles ansehen kann. Beide werden auch von der Juvenile Diabetes Research Foundation, kurz JDRF, unterstützt. Die JDRF unterstützt Forschung zur Heilung des Typ 1 Diabetes. Ich finde so in Deutschland und Europa keine vergleichbare Organisation. Eine Welt ohne Typ 1 ist das erklärte Ziel, sehe ich auf die verunglückte Werbekampagne ‚Sche1sstyp‘ Anfang des Jahres in Deutschland zurück, so habe ich den Eindruck, das in den Staaten deutlich mehr entscheidend bewegt wird. Man spricht in Amerika deutlich offener und häufiger über eine Heilung als in Europa, was auch fb-Posts widerspiegeln.

Mein Antrieb

Ich kann mit meinem Diabetes Typ 1 gut leben, habe mit dem täglichen Mehraufwand im Leben schon viel erreicht und will mich nicht beschweren. Jedoch sehe ich den Diabetes Typ 1 auch als eine schwere Krankheit, der eine Heilung verdient hat. Ich komme weiterhin aufgrund meiner Recherchen zu dem Schluss, dass sich etwas bewegt, die Chancen auf eine Heilung deutlich steigen. Es gibt bisher keine allumfassende Übersicht dazu. Ich habe in meiner Freizeit recherchiert, auch die Schwierigkeiten bei der Recherche erläutert. Meine Recherchen sind keineswegs vollständig, vielleicht habe ich etwas vergessen oder falsch zusammengefasst, wenn jemand Lust hat, etwas zu ergänzen: Immer und Gerne.

Dieses Thema sollte für meine Begriff auf Tagungen, in den (sozialen) (Diabetes)-Medien in Deutschland und Europa bekannter gemacht werden. In Belgien und Schweden wird es Menschen geben, die an klinischen Studien (Phase I/II) bereits teilnehmen, bzw. teilnehmen werden. Die Phase III dieser neuen Behandlungsmethode bis zur Zulassung erfordert viele Menschen mit Diabetes Typ 1, die bereit sind, an der Studie teilzunehmen, damit sie zugelassen wird. Zu wissen Wann und Wo ist da von Vorteil. Schlimm fände ich es, wenn es aufgrund von Mangel an Informationen hier zu Verzögerungen kommt. Ich nehme zum Schluss auch das Wort Transparenz, eine quasi fortlaufende Übersicht über den Stand der Arbeiten von Firmen und Instituitionen zur Stammzellentherapie in den Mund. Eine Transparenz, wie sie in vielen anderen Bereichen des alltäglichen Lebens gefordert wird, tut hier gut. Und: Wer bis zum Ende dieses Artikels mit dem Lesen durchgehalten hat, der weiß jetzt Bescheid 🙂

Arndt

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