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Von wegen zuckerkrank – ein Blog über glückliches Leben, leckere Ernährung und Sport mit Typ-1-Diabetes

Was ältere Menschen mit Typ-1-Diabetes (bald hoffentlich nicht mehr) im Krankenhaus erleben können…

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Demnächst soll eine neue Leitlinie zur Behandlung von Diabetes mellitus im Alter erscheinen, die Ärztinnen und Ärzten Empfehlungen für die Therapie und damit mehr Handlungssicherheit gibt. Was daran neu ist: Diese Leitlinie wird erstmals auch Empfehlungen für die Therapie älterer Menschen mit Typ-1-Diabetes enthalten.

Menschen mit Typ-1-Diabetes erreichen mittlerweile dank der besseren Therapiemöglichkeiten häufig ein stattliches Alter, und ihre Lebenserwartung unterscheidet sich gar nicht mehr so stark von der stoffwechselgesunder Menschen. Und trotzdem herrscht in der Öffentlichkeit noch immer das Bild vor, dass Typ-1-Diabetes eine Kinder- und Jugenderkrankung ist. Erschreckenderweise gilt dies auch für den Medizinbetrieb: Auch in der Welt vieler Ärztinnen und Ärzte werden alte Menschen mit Diabetes häufig automatisch in die Schublade „Typ-2-Diabetes“ einsortiert. Und wie man Menschen mit Typ-1-Diabetes im fortgeschrittenen Lebensalter behandelt, dazu gab es bislang keinen Konsens unter den Experten.

In Deutschland sind über 100.000 Menschen mit Typ-1-Diabetes älter als 70 Jahre

Bis jetzt, wohlgemerkt. Denn wie ich bei der DDG-Herbsttagung im November 2017 in Mannheim erfahren durfte, werden etliche medizinische Fachgesellschaften in Kürze eine Aktualisierung der Leitlinie „Diagnostik, Therapie und Verlaufskontrolle des Diabetes mellitus im Alter“ veröffentlichen, die erstmals auch Empfehlungen für den Umgang mit Typ-1-Diabetes im Alter enthält. Wie Dr. Andrej Zeyfang (Stuttgart) beim Kongress berichtete, sind in Deutschland mehr als 100.000 Menschen mit Typ-1-Diabetes älter als 70 Jahre. Wie verändert sich die Diabetestherapie im Alter, wenn möglicherweise geriatrische Symptome wie Demenz oder eingeschränkte Feinmotorik die Fähigkeit zum Selbstmanagement einschränken?

Challenge: In weniger als 45 Sekunden 9,80 Euro genau abzählen

Dr. Zeyfang ist ein großer Fan des sogenannten „Geldzähltest nach Nikolaus“, der Aufschluss über feinmotorische Fähigkeiten, Nahvisus und Kognition gibt. Dabei soll der Patient aus einem Geldbeutel den definierten Betrag von 9,80 Euro abzählen. Wer die Aufgabe in weniger als 45 Sekunden bewältigt, gilt als selbstständig, bei 45 bis 70 Sekunden liegt Hilfsbedürftigkeit und bei über 70 Sekunden erhebliche Hilfsbedürftigkeit vor. Dr. Zeyfang berichtete: „Der Geldzähltest korreliert sehr gut mit der Fähigkeit zur eigenständigen Insulindosierung.“ Will heißen: Wer den Geldzähltest nach Nikolaus im Alter nicht mehr mit Bravour besteht, bei dem müsse man abwägen, ob etwa die gewohnte Insulinpumpentherapie beibehalten werden kann oder ob es sinnvoller ist, auf eine einfachere Therapieform umzuschwenken – selbst wenn damit unter Umständen stärkere Blutzuckerschwankungen einhergehen.

Merke: Ein alter Patient kann ebenso gut Typ-1-Diabetiker sein

Doch es kommt ja nicht nur auf die Fähigkeiten zum eigenständigen Diabetesmanagement an – auch Arztpraxen und Krankenhäuser müssen sich an den Gedanken gewöhnen, dass ein älterer Diabetiker nicht zwingend Typ-2-Diabetes hat, sondern ebenso gut Typ-1er sein könnte. Und natürlich als solcher behandelt werden muss. Das wiederum erinnerte mich an einen Artikel, den ich bereits vor einer ganzen Weile für die Diabetes Zeitung der DDG zu genau diesem Thema geschrieben habe. Es geht um eine ältere Dame mit Typ-1-Diabetes, die bei einem Krankenhausaufenthalt haarsträubende Dinge erleben musste. Doch lest selbst:

Ingrid Schüssler aus Lüneburg ist 66 Jahre alt und seit 29 Jahren Typ-1-Diabetikerin. Sie ist gut eingestellt und managt ihre Erkrankung mit ICT. Im Mai 2016 musste sie sich einem gynäkologischen Routineeingriff unterziehen und wurde hierfür in einer Belegklinik stationär aufgenommen. Dass die Patientin auch im Krankenhaus ihren Diabetes selbst managen wollte, war dort nicht gern gesehen.

Ingrid Schüssler erinnert sich an ihren Klinikaufenthalt: „Als mein Blutzucker einmal auf unter 60 mg/dl absackte, bat ich die Krankenschwester um etwas Traubenzucker. Doch die musste sich erst bei der Chefärztin rückversichern.“ Die Chefärztin allerdings war mit diesem Vorgehen nicht einverstanden. „Sie hat mich behandelt, als hätte ich überhaupt keine Ahnung und ordnete an, dass ich statt Traubenzucker zwei Zwieback essen sollte“, erzählt Ingrid Schüssler und ergänzt: „Die Chefärztin, übrigens eine Internistin, sagte mir klipp und klar, sie habe hier das Sagen und sie habe das jetzt in der Hand.“ Hätte die Patientin sich nach ihren Anweisungen gerichtet, wäre sie vermutlich in eine schwere Hypoglykämie gerutscht. Glücklicherweise gelang es ihr, Traubenzucker ans Bett zu schmuggeln, um bei sinkenden Blutzuckerwerten schneller reagieren zu können. Die Chefärztin blieb bis zum Ende ihres Klinikaufenthalts uneinsichtig.

Dass eine Krankenhausärztin derart restriktiv in die Diabetesbehandlung eingreift, ist nach Erfahrung von Dr. Jens Kröger (Hamburg) die absolute Ausnahme. Dennoch sei es gar nicht so selten, dass Typ-1-Diabetiker, zumal die etwas älteren Semester, im Krankenhaus gelegentlich falsch behandelt werden. „Wenn ein etwas älterer Typ-1-Diabetiker, womöglich etwas übergewichtig, ins Krankenhaus aufgenommen wird, dann wird er schnell einmal fälschlicherweise als Typ-2-Diabetiker eingestuft“, berichtet der niedergelassene Diabetologe. Im schlimmsten Fall werde sogar einfach das Insulin abgesetzt. „Beim Typ-2-Diabetes ist es durchaus üblich, vor einem operativen Eingriff das Basalinsulin abzusetzen, doch beim Typ-1-Diabetes gerät der Stoffwechsel dadurch natürlich komplett aus dem Takt.“

Die Gründe für Fehleinschätzungen dieser Art sieht Dr. Kröger vor allem im Zeitdruck, der in den Kliniken herrscht und wenig Raum für eine gründliche Anamnese beim Aufnahmegespräch lässt. Aber auch die mangelnde Attraktivität des Fachgebiets Diabetologie habe ihren Anteil daran: „Viele junge Assistenzärzte streben in ihrer Facharztausbildung heute in die Kardiologie, die Diabetologie hingegen ist nicht im Fokus des Interesses. Das ist durchaus ein strukturelles Problem.“

Dr. Kröger bietet seinen Kollegen im Krankenhaus, die seine Patienten im Zusammenhang mit einem stationären Aufenthalt behandeln, daher immer ein diabetologisches Konsil an: „Wir sind eine diabetologische Schwerpunktpraxis und beraten auf Wunsch gern Klinikärzte aus Fachrichtungen wie zum Beispiel Urologie oder Orthopädie, die mit Diabetes nicht so viele Berührungspunkte haben. Unter meinen Patienten sind pro Jahr sicher etwa 20 bis 30 Fälle, in denen auf mein Anraten hin bei der Blutzuckereinstellung im stationären Umfeld nachjustiert werden muss.“

Der Hamburger Diabetologe rät seinen Krankenhauskollegen aber auch, den Diabetikern selbst besser zuzuhören. „Wenn bei der stationären Aufnahme genauer nachgefragt wird, um welchen Diabetestyp es sich handelt, wie der Diabetes behandelt wird und ob der Patient im Alltag gut mit seiner Erkrankung zurechtkommt, dann kann auch ein junger Kollege rasch feststellen, wie es um das Diabetesmanagement des Patienten bestellt ist. „Im Zweifelsfall würde ich immer dazu raten, im Vorfeld einer Operation Insulin nie komplett abzusetzen, sondern allenfalls die Dosis zu reduzieren.“

Wenn die neue Leitlinie dazu beiträgt, dass solche Fälle in Zukunft nicht mehr vorkommen, dann wäre in meinen Augen schon viel gewonnen. Habt ihr auch schon einmal gruselige Erfahrungen mit eurem Typ-1-Diabetes im Krankenhaus gemacht? Und wie stellt ihr euch das Leben als alter Mensch mit Diabetes vor? Glaubt ihr, dass ihr bis ins hohe Alter Lust habt, immer die neuesten technischen Trends mitzumachen? Oder meint ihr, dass es bis 2050, wenn wir alle (also zumindest ich…) alt und schrullig sind, ohnehin eine Heilung für Typ-1-Diabetes geben wird?

2 Kommentare zu “Was ältere Menschen mit Typ-1-Diabetes (bald hoffentlich nicht mehr) im Krankenhaus erleben können…

  1. Dieses Problem würde es nicht geben, wenn es endlich unterschiedliche Namen für die verschiedenen Krankheiten geben würde, für Typ 1 z. B. „Insulinmangeldiabetes“. Dann müsste man sich auch nicht mehr Kommentare wie „meine Oma hat das auch, ist ja nicht so schlimm“ oder „ich hab das auch, aber mit konsequenter Diät und Sport voll im Griff“ anhören.

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  2. Pingback: „Meine Oma hat auch Diabetes…“ ist für mich kein Spruch zum Aufregen mehr | Süß, happy und fit

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