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Von wegen zuckerkrank – ein Blog über glückliches Leben, leckere Ernährung und Sport mit Typ-1-Diabetes

Durchhalten und Etappenziele verfolgen: Was Menschen mit Diabetes von der Bergsportlerin Gela Allmann lernen können

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Es ist schon eine Weile her, dass ich im Februar beim Bundeskongress Chirurgie in Nürnberg einen Vortrag von Gela Allmann gehört habe. Das ist eine Bergsportlerin, die einen Sturz von einem 800 Meter hohen Berg schwerverletzt überlebt hat. Sie hat eine unglaubliche Geschichte zu erzählen, aus der auch Menschen mit Diabetes Kraft schöpfen können. Inzwischen habe ich ihr Buch „Sturz in die Tiefe“ fertiggelesen und kann es euch wärmstens empfehlen.

Es war nicht unbedingt ein typischer Programmpunkt für den Bundeskongress Chirurgie. Und so rieb sich manch einer im Publikum erst ein wenig verwundert die Augen. Denn im Impulsvortrag von Gela (eigentlich Angelika) Allmann, der mit einem mehrminütigen, professionell produzierten Video im Großformat startete, ging es nicht um berufspolitische Prognosen oder philosophische Ausblicke in die Zukunft des Gesundheitswesens. Stattdessen wurde es persönlich. Wie kann man gestärkt aus persönlichen Krisen hervorgehen und sein Leben lächelnd und zuversichtlich meistern?

Viele niedergelassene Ärztinnen und Ärzte sind angesichts der aktuellen gesundheitspolitischen Entwicklungen ziemlich frustriert und können sicher ein paar ermutigende Impulse gebrauchen. Doch auch wir Typ-Einser haben persönliche Motivation manchmal bitter nötig. Und so war ich bei Gelas Vortrag nicht nur als Journalistin, sondern auch privat ganz Ohr.

Wie handeln wir, wenn es hart auf hart kommt?

Die 1984 in Dachau geborene Sportlerin weiß all dies besser als die meisten Menschen auf dieser Welt. Denn sie überlebte im April 2014 nur knapp einen dramatischen Bergunfall und kämpfte sich durch unzählige komplizierte Operationen und eine lange Rehabilitation mühsam zurück ins Leben. Beim Bundeskongress Chirurgie erzählte sie ihre Geschichte, aus der sie ihr Lebens-, aber auch Vortrags- und ­Coaching-Motto „Fight, Smile, Love“ abgeleitet hat. „Mein Motto hat mir auf meinem Weg zurück geholfen. Es geht um persönliche Werte. Darum, wie man handelt, wenn es wirklich hart auf hart kommt.“

„Ich wollte schon immer auf Berge rennen“

Gela studierte Sportwissenschaften, Medien und Kommunikation und arbeitete vor ihrem Unfall als Sportmodel, TV-Autorin und -Reporterin. Ihre ­Karriere bezeichnet sie als wenig geplant, denn für sie war es vor allem wichtig, die Arbeit mit ihrer Leidenschaft verbinden zu können: dem Bergsport. „Ich wollte halt schon immer auf Berge rennen“, erzählte sie. Und dabei war sie auch sehr erfolgreich: Sie gewann als Bergläuferin und beim Skibergsteigen diverse Platzierungen in der Marathon- und Halbmarathondistanz. War immer in Bewegung und auf der Suche nach neuen Herausforderungen.

Beinahe tödliches Ende eines coolen Fotoshootings am Berg

Doch dann kam jener Tag im April 2014, der ihr Leben von Grund auf veränderte. Sie war für einen Modeljob in der isländischen Bergwelt unterwegs. Bei schönstem Sonnenschein stapfte sie zusammen mit den Fotografen die verschneiten Berge hinauf. Die Fotografen baten sie, für ein letztes Bild zu posieren und dafür die Skier auf den Rücken zu schnallen. „Ich hatte ein mulmiges Gefühl dabei. Der Berg war eigentlich zu steil, der Boden zu glatt“, gab Gela zu. Doch sie ließ sich überreden, „ziemlich blöd von mir, aber so ist das manchmal, wenn man als Frau allein mit zwei Kerlen unterwegs ist.“ Sie verlor den Tritt auf dem vereisten Hang und stürzte den 40 Grad steilen Hang hinab, überschlug sich mehrfach und prallte mit ihrem während des Sturzes immer wieder auf Felsen und Eis – über eine Strecke von 800 Metern.

Dramatische Rettungsaktion per Hubschrauber

„Ich habe während des ganzen Falls nicht das Bewusstsein verloren“, berichtete sie, „und deshalb jeden Knochenbruch miterlebt. Ich rechnete jeden Moment damit, dass als nächstes mein Schädel bricht und dass es aus ist. Und ich dachte, warum kann ich nicht einfach bewusstlos werden? Warum muss ich mein Ende so erleben?“ Doch am Ende rettete ihr genau dieser Umstand, dass sie bei Bewusstsein blieb, das Leben: „Ich konnte deshalb meinen Sturz am Ende noch abbremsen, denn 100 Meter weiter wäre ich einen Steilhang hinab ins Fjord gestürzt.“ Die Rettungskräfte, die per Hubschrauber anrückten, bargen Gela mit lebensgefährlichen Verletzungen: Es waren nicht nur diverse Muskeln, Sehnen und Bänder gerissen, das rechte Knie und die linke Schulter zertrümmert. Auch die Oberschenkelarterie im rechten Bein war vollständig durchtrennt. Dass sie den Blutverlust überlebte und ihr Bein nicht amputiert werden musste, obwohl es acht Stunden ohne Blutversorgung war, führt sie zum einen auf die eisigen Temperaturen am Berg zurück, die ihr Bein gekühlt und damit konserviert haben. Doch natürlich auch auf die schnellen und richtigen Entscheidungen des Rettungsteams. Auf die erfolgreiche neunstündige Notoperation durch Spezialisten in Reykjavík, viele weitere Operationen in den folgenden Wochen und eine Reha, dank der sie bereits drei Monate nach dem Unfall wieder die ersten Schritte machen konnte. Und auf ihren unerschütterlichen Optimismus und eisernen Willen, so bald wie nur irgend möglich wieder am Berg zu sein.

Immer fest an die eigene Heilung geglaubt

„Ich habe Bilder von mir auf dem Berg über mein Krankenhausbett gehängt. Nicht um mich selbst zu motivieren, sondern um den Ärzten und Pflegekräften zu zeigen, auf welches Ziel ich gemeinsam mit ihnen hinarbeiten möchte“, sagte sie. „Ich habe immer fest an meine Heilung geglaubt. Auch als das Nerventransplantat anderthalb Jahre brauchte, bis es sich vom Oberschenkel durch das zertrümmerte Bein zum Fuß vorgearbeitet hat.“ Heute, fünf Jahre nach dem Unfall, ist ihr der schwere Unfall zumindest äußerlich kaum noch anzusehen. Klar, als ich sie auf der Bühne sah, trug sie eine lange Hose und ein langärmeliges Top, die ihre sicherlich zahlreichen OP-Narben am ganzen Körper verdecken. Doch dass ein Arm seit der komplizierten Schulter-Operation ein wenig kürzer ist als der andere, fiel mir erst auf, als Gela es für das interessierte chirurgische Publikum explizit erwähnte.

cover Gela Allmann

Foto: Piper Verlag

Inzwischen betreibt sie sogar wieder Bergsport. Laufen möchte sie ihrem Knie zwar nicht mehr zumuten: „Ich habe schließlich im rechten Knie kein einziges Band mehr.“ Doch den Berg hochkraxeln und mit dem Lift wieder herunterfahren, das klappt ebenso gut wie Radeln und Wandern. Seit zwei Jahren kann Gela sogar wieder Skifahren. Sie ist weiterhin als Fotomodell und Moderatorin tätig, versucht darüber hinaus aber auch, in Vorträgen und Coachings anderen Menschen einen Zugang zu ihrer unerschütterlichen Zuversicht zu verschaffen: „Passt auf eure Gedanken auf. Denn aus Gedanken werden Gefühle, daraus werden Worte. Aus Worten werden Handlungen, und daraus wird eure Geschichte.“ Mehr Infos darüber gibt es auf ihrer Website. Darüber hinaus hat sie 2017 ihre Geschichte in einem Buch mit dem Titel „Sturz in die Tiefe“ zusammengefasst, das ich kürzlich in einem Rutsch durchgelesen habe und wärmstens empfehlen kann. Ich glaube, dass auch Menschen mit chronischen Erkrankungen daraus einiges an Motivation ziehen können. Und zwar obwohl sich ihre gesundheitlichen Herausforderungen leider selbst in einer supertollen Rehaklinik nicht wegtraineren lassen. Dafür gibt es andere Dinge, die man durchaus sich bei Gela Allmann abgucken und aktiv trainieren kann. Zum Beispiel:

  • Etappenziele verfolgen. Da liegt ein riesiges Problem vor dir, das dir schier unlösbar erscheint? Betrachte es nicht als Ganzes, sondern zerlege es in viele kleine Häppchen, die du dann Schritt für Schritt angehst. Auf dem Weg zurück auf den Berg hatte Gela nach ihrem Unfall erst einmal „nur“ das Ziel, überhaupt wieder aus dem Bett aufstehen zu können. Dann im Rollstuhl mobil zu werden. Dann ein paar Schritte zu gehen. Dann ohne Krücken zu laufen. Und dann erst wieder zur ersten Bergwanderung aufzubrechen. Wenn beim Typ-1-Diabetes gerade alles aus dem Ruder läuft, kann man auch nicht alle Störfaktoren gleichzeitig angehen. Sondern sollte sich erst einmal darum kümmern, vielleicht wieder eine regelmäßige Messroutine zu entwickeln. Dann erst die Basalrate anzupassen. Dann die Bolusfaktoren. Dann den Spritz-Ess-Abstand feintunen. Und dann erst ein Insulinschema für den ersten Marathon entwickeln.
  • Motivation bunkern. Auch wenn man sich das bei Gelas unglaublich sonniger Ausstrahlung kaum vorstellen kann, hatte sie im Verlauf ihrer Genesung doch auch gelegentliche Durchhänger und Motivationstiefs. Sie war ungeduldig, mochte kurzzeitige Rückschläge nicht akzeptieren. Sie hat es sich zur Gewohnheit gemacht, Erfolgserlebnisse per Videobotschaft an sich selbst zu dokumentieren. Wenn es ihr also zum Beispiel gelungen war, erstmals wieder ihr Knie um ein paar Grad mehr zu beugen, dann hat sie ein Video aufgenommen, in dem sie diese Bewegung vorführt und von ihrer Freude darüber erzählt. An schlechten Tagen haben ihr diese Videobotschaften geholfen, sich wieder neu zu motivieren und bei der Stange zu halten. Mit einer Videobotschaft habe ich persönlich es zwar noch nicht probiert. Aber ich glaube, viele von uns Typ-Einsern tun bereits ganz ähnliche Dinge, wenn wir z. B. Screenshots von schicken geraden Glukoseverläufen mit richtig viel Zeit im Zielbereich machen und mit der Community teilen. Wenn ein Tag zuckertechnisch beschissen läuft, schaue ich mir gern Verläufe von besseren Tagen an und sage mir dazu: „Hey schau mal, eigentlich hast du es doch ganz gut drauf, das wird schon wieder!“
  • Grenzen akzeptieren. Gela Allmann war vor ihrem Unfall ein Mensch, der von allem immer mehr, immer weiter, immer schneller wollte. Ihr sportlicher Ehrgeiz und die damit verbundene eiserne Disziplin haben ihr zwar bei ihrer Genesung enorm geholfen. Doch gleichzeitig hat sie im Verlauf dieses Prozesses auch gelernt, die Grenzen ihres Körpers zu akzeptieren. Bergläufe sind in ihrer heutigen körperlichen Konstitution zu riskant, und in Phasen großer Anspannung oder von Stress meldet sich ihr Knie. Auch bei uns Typ-Einsern sind oft die Zuckerwerte ein Spiegel unserer Seele, und manchmal halten sie uns auch von den Dingen ab, die wir eigentlich gerade gern unternehmen wollen. Da ist es wichtig, nicht unnütz herumzugrollen. Klar gibt es prinzipiell nichts, an dem uns unser Diabetes hindern muss. Aber faktisch setzt er uns dann eben doch manchmal Grenzen – und diese Grenzen sollten wir akzeptieren. Statt auf unsere Defizite sollten wir uns lieber auf die Dinge konzentrieren, die gut funktionieren, umso entspannter können wir durch den Alltag gehen.
  • Hilfe annehmen. Gela Allmann hätte sich nach ihrem Unfall sicherlich nicht so rasch wieder erholt und immer wieder Kraft tanken können, wenn sie nicht ein äußerst stabiles soziales Umfeld gehabt hätte. Ihr Freund (heute Ehemann) und ihre Eltern, Familie, Freundeskreis und Teampartnerinnen im Bergsport haben sie bei ihrer Genesung unermüdlich begleitet und unterstützt. In ihrem Buch beschreibt Gela, wie unangenehm es ihr oft war, sich von anderen Menschen bei der Körperpflege helfen oder in vielen anderen kleinen Alltagsdingen um Hilfe bitten zu müssen. Und dass sie es oft als Makel empfand, wenn alle fröhlich um sie herumsprangen, sie aber schneller als früher müde wurde. Ich denke, auch das kommt uns Typ-Einsern zumindest stückweise bekannt vor: Manchmal braucht man eben Hilfe. Möglicherweise nicht beim Haarewaschen, aber vielleicht bei einer Hypo. Oder beim Kofferpacken, wenn der ganze Diabeteskram unmöglich vollständig in den eigenen Koffer passt. Oder wenn wir ohne eine freundliche Nachfrage glatt vergessen hätten, die tägliche Dosis Basalinsulin zu spritzen. Die Empathie und Unterstützung von Typ-Flern sind unbezahlbar. Wir sollten uns aber auch nicht scheuen, sie anzunehmen.

Wenn ihr also gerade eine kleine Krise durchlebt und nicht wisst, wie ihr euch zum Durchhalten motivieren könnt, dann lasst euch doch mal von Gela Allmann inspirieren. Mich jedenfalls hat ihre Geschichte maximal beeindruckt. ❤

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