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Von wegen zuckerkrank – ein Blog über glückliches Leben, leckere Ernährung und Sport mit Typ-1-Diabetes

Diabetes-Blog-Woche: Ich bin dann mal weg – und mein Diabetes bleibt bei dir!

4 Kommentare

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Was wäre, wenn ich meinen Diabetes für einen Tag an jemand anderes abgeben könnte? Hmm, mein Diabetes wird schon mal nicht bei Ebay versteigert oder auf der Straße x-beliebigen Unbekannten in die Hand gedrückt. Da ist mir die Gefahr zu groß, dass ich ihn am Ende meiner kleinen Auszeit verhunzt zurückbekomme. Ich vertraue ihn lieber Christoph an, der seine kleinen Macken schon kennt und ihn sicher pfleglich behandeln würde.

Einen ganzen Tag Urlaub vom Diabetes! Nicht aufwachen und als erstes überlegen, wie sich die Glukosekurve wohl in der Nacht verhalten hat. Beim Frühstücken einen Nachschlag nehmen, ohne nachspritzen zu müssen. Ohne Traubenzuckervorräte aus dem Haus gehen, nur den Haustürschlüssel in der Hosentasche. Sport treiben, wenn es mir passt – und nicht, wenn es vom Glukoseverlauf her günstig ist. Wie gern hätte ich mal eine Auszeit von meinem Diabetes. Schließlich war es eine der bösesten Erkenntnisse kurz nach meiner Diagnose, dass diese Krankheit einfach nie Pause macht, auch nicht im Urlaub oder während der Hochzeitsreise.

Gewerkschaften sollten gesetzlichen Urlaubsanspruch für Diabetiker fordern!

Haben sich die Gewerkschaften eigentlich schon mal um dieses Thema gekümmert? Ich wäre sehr dafür, wenn ein gesetzlich verankerter Mindesturlaub nicht nur für Arbeitnehmer, sondern auch für chronisch Kranke eingeführt wird. Urlaub, in dem sie ihre Akkus aufladen und mal an etwas anderes denken dürfen. Tja, ist aber leider nicht. Und so überlegen wir heute am ersten Tag der diesjährigen Diabetes-Blog-Woche doch mal gemeinsam ganz bescheiden, wem wir unseren Diabetes anvertrauen würden, wenn wir mal wenigstens „einen Tag ohne“ erleben dürften.

Ein Tag Vertretung als Strafe für gedankenlose blöde Sprüche?

Es klingt für manche etwas komisch, aber ich sage ganz bewusst „anvertrauen“. Denn an irgendeinen x-beliebigen Mitmenschen würde ich meinen Diabetes nicht abgeben wollen. Auch wenn es natürlich Leute gibt, die gedankenlos Sprüche klopfen wie „Ach, so schlimm ist Diabetes doch nicht!“ oder „Sei froh, dass du keinen Krebs hast!“ oder „Mit Diabetes kann man heute doch gut leben!“. Diese Sorte Zeitgenossen, denen wir alle schon mal begegnet sind: die Weisheit für sich gepachtet, nie um einen klugen Spruch verlegen, und bestens informiert, was die Heilungschancen von Typ-1-Diabetes angeht: nämlich mit ZimtSmoothieHomöopathieGlobuliYogaMeditationBasenfastenIngwerCurcumaGlutenfreiWhatever. Expertenwissen, das an mir, die ich tagein tagaus mit meiner Krankheit lebe und mich sogar in meinem Job schreibenderweise damit beschäftige, seltsamerweise bislang vorbeigegangen ist. Diesen Leuten würde ich deshalb gern mal einen Tag Diabetes an die Backe wünschen, damit sie am eigenen Leib spüren, dass es eben nicht ganz so einfach ist wie man als Außenstehender manchmal denkt. Und dass man sich schlaue Sprüche deshalb lieber sparen sollte.

Mein Diabetes taugt nicht zum Erschrecken von Sprücheklopfern

Aber wenn diese Leute nun meinen Diabetes in die Finger bekämen, der doch eigentlich ein recht handzahmes Modell ist und wirklich vergleichsweise wenig Aufwand erfordert? Das zumindest ist sehr häufig mein Eindruck, wenn ich die Glukoseverläufe anderer Menschen mit Diabetes sehe. Auch solcher, denen ich durchaus ein kompetentes und engagiertes Diabetesmanagement zutraue und die trotzdem mit heftigen Glukoseschwankungen und unerklärlichen Hypos oder Blutzuckerspitzen zu kämpfen haben. Mein Diabetes will zwar auch den ganzen Tag angemessen beachtet und respektiert werden, doch wenn ich ihm diese Aufmerksamkeit schenke, dann benimmt er sich in der Regel ordentlich und halbwegs vorhersehbar. Mit so einem vergleichsweise umgänglichen Exemplar der Marke Typ-1-Diabetes kann ein gedankenloser Sprücheklopfer wohl kaum einen guten Eindruck davon bekommen, wie doof es sein kann, seinen Alltag mit diesem Mist zu wuppen.

Ein Unbekannter gibt mir den Diabetes hinterher nur verhunzt zurück

Und es gibt noch einen weiteren Grund, warum ich einem in Sachen Diabetes gänzlich unbedarften Gastgeber meinen Diabetes nicht würde anvertrauen wollen. Denn am Ende behandelt er ihn nicht pfleglich und gibt ihn mir völlig verkorkst zurück. Als zickigen, übellaunigen Begleiter, der er aktuell dank meiner gewissenhaften Fürsorge zum Glück nicht ist. Denn wir wissen ja alle: Wenn an einem Tag blutzuckertechnisch erstmal der Wurm drin ist, dann ist nicht mehr viel zu retten. Dann verändern sich Insulinempfindlichkeit, KE-Faktoren, einfach alles ohne Sinn und Verstand. Wenn nun jemand, der Diabetes für eine Lachnummer hält, unbedarft an meinem ganz passabel ausgeloteten Diabetes herumpfuschen würde, hätte ich hinterher mindestens eine Woche Aufräumarbeit zu leisten. Der Erholungswert meines Urlaubstages wäre dahin.

Dann überlasse ich meinen Diabetes doch lieber meinem Mann. Der kennt sich ganz grundsätzlich ziemlich gut in Sachen Diabetes aus und ist auch mit den klitzekleinen Mucken meines persönlichen Exemplars gut vertraut. Ihm könnte ich den lästigen Begleiter übergeben und müsste keine Sorge haben, dass ich ihn nach meinem Kurzurlaub völlig verhunzt zurückbekomme.

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Einmal meine Gefühle hautnah selbst erleben

Der schöne Nebeneffekt wäre: Christoph würde noch ein bisschen besser nachvollziehen können, wie sich mein Diabetes für mich körperlich und seelisch anfühlt. Dass es nervt, wenn der Zuckerwert vor dem Schlafengehen zu niedrig ist, wenn die Zähne schon geputzt sind, das weiß er. Und dass ich mir nicht immer in die Karten schauen lassen mag, wenn ich gerade einen Zuckerwert gemessen habe, kann er auch nachempfinden. Aber wie sich zum Beispiel eine sich anbahnende Hypo wirklich anfühlt, die sich erst mit einem nagenden Ziehen an der hinteren Magenwand bemerkbar macht und dann in Zittern, Schwitzen und Körperpanik mündet? Oder die euphorische, erleichterte Energie, die mich durchflutet, wenn nach einem niedrigen Glukosewert die schnell eingeworfenen Zuckerhelfer zu wirken beginnen? Oder die Freude, wenn die Glukosewerte den ganzen Tag brav im Zielbereich herumgependelt sind? Diese Gefühle könnte er dann einmal hautnah selbst erleben. Und last but not least hätte er nach einem solchen Vertretungseinsatz in manchen Situationen vielleicht sogar ein bisschen weniger Angst um mich. Weil er einmal selbst gespürt hat, dass mein Diabetes nicht ganz so garstig ist wie der vieler anderer Typ-1-Einse, die wir beide so kennen. Das wäre doch schön, für uns beide.

4 Kommentare zu “Diabetes-Blog-Woche: Ich bin dann mal weg – und mein Diabetes bleibt bei dir!

  1. Liebe Antje,

    also das mit den zusätzlichen Urlaubstagen gibt´s natürlich 🙂 Durch den Grad der Behinderung von mindestens 50% gibt es 5 Tage Sonderurlaub im Jahr – allerdings leider mit Diabetes und nicht ohne 😉

    herzliche Grüße
    Iris

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  2. Moin liebe Antje!

    Interessante Idee… ich würde meinen Diabetes glaube ich einem Profi überlassen. Es gäbe dann sicher Praxen, die ihn gut hegen und pflegen und vielleicht auch etwas beibringen würden. So eine Art DiGa…(Diabeteskindergarten) 🙂 Er hätte einen Tag seinen Spaß und könnte mit anderen kleinen Zuckis bisschen spielen. Vielleicht machen ja alle einmal zusammen auch einmal eine Nachtwanderung und ich hole ihn erst nächsten Tag ab. Er wäre gut gelaunt, friedlich, kooperativ und artig… !!

    Ich würde den Tag genießen, schlemmen ohne zu rechnen und ohne schlechtes Gewissen, weil die Nudeln/der Reis/die Pizza sowieso wieder nicht funktionieren werden… Ach das wäre toll und ich sofort dabei!

    Ob ich ihn vermissen würde… man weiß es nicht!

    Schöne Woche!!

    Tina

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