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Von wegen zuckerkrank – ein Blog über glückliches Leben, leckere Ernährung und Sport mit Typ-1-Diabetes

Schlaflose Gedanken nach einem nächtlichen Hypo-Fehlalarm

3 Kommentare

Nächtliche Fehlalarme wegen einer vermeintlichen Unterzuckerung sind das Nervigste, was ein Glukosesensor zu bieten hat. Ich kann dann oft nicht wieder einschlafen und wälze mich mit allen möglichen Gedanken. Heute Morgen um 3 Uhr kreisten sie auf einmal um die fiese Art, wie immer noch mit vielen Menschen mit Diabetes mit Folgeerkrankungen gesprochen wird.

Und das kam so: Ich schlafe gern auf der Seite. Dann wird das Gewebe, in dem der Sensorfaden meines Freestyle Libre 2 sitzt, leider manchmal so stark komprimiert, dass es nur wenig Gewebeflüssigkeit und damit auch kaum Zucker enthält. Der Sensor erkennt dann eine Hypo, obwohl der Glukosewert eigentlich völlig in Ordnung ist. So auch vergangene Nacht. Gegen 3 Uhr weckte mich der Alarm. Ich scannte schlaftrunken den Wert: 53 mg/dl mit stark fallender Tendenz! Das kam mir seltsam vor, also knipste ich das Licht an, kramte ich nach einem Blutzuckerteststreifen und piekste mir in den Finger, um den Blutzuckerwert zu testen.

Warum nicht in Zeigefinger oder Daumen stechen?

Das Ergebnis fiel aus wie erwartet: 104 mg/dl mit gleichbleibender Tendenz. Ein Fehlalarm, danke für nichts. Ich legte mich wieder schlafen. Doch es dauerte ziemlich lange, bis ich wieder zur Ruhe fand. Denn beim Stich mit der Lanzette in meinen linken Mittelfinger kam mir auf einmal in den Sinn, was ich schon manche andere Typ-Einser hatte erzählen hören. Wir sind bei Blutzuckermessungen ja angehalten, in die seitliche Fingerkuppe zu stechen und immer schön zwischen Mittel-, Ring- und kleinem Finger zu wechseln. Daumen und Zeigefinger sollte man aussparen. Grund hierfür ist, dass das Pieksen in der Mitte der Fingerkuppe sowie am Daumen und Zeigefinger einfach mehr weh tut. Muss ja nicht sein.

Tastsinn für das Lesen der Braille-Schrift erhalten

Doch manche Diadocs oder Diabetesberaterinnen der alten Schule, so weiß ich es zumindest vom Hörensagen, scheinen zu glauben, dass Schmerzvermeidung noch kein ausreichend triftiges Argument dafür ist, die Blutstropfen ausschließlich aus den drei anderen Fingern zu pressen. Sie mahnen Menschen mit Diabetes, den Zeigefinger auszusparen, weil sie den später mal zum Lesen der Braille-Schrift benötigen werden. Und dafür sollten die Fingerkuppen nicht durch ungezählte Fingerpiekser abgestumpft sein.

Noch schlimmer als mit Folgeerkrankungen zu drohen

Braille-Schrift? Das ist ja quasi eine Ankündigung, dass man mit Diabetes zwangsläufig irgendwann erblinden wird und sich deshalb stärker auf den Tastsinn verlassen muss. Oder anders gesagt: Da ist nix zu machen, der Diabetes raubt halt irgendwann das Augenlicht, darauf sollte man vorbereitet sein. Dabei ist in Wahrheit die Zahl derer, die im Zusammenhang mit ihrem Diabetes erblinden, in den vergangenen Jahren dank Früherkennung und verbesserter Therapien stetig zurückgegangen. Obwohl etwa ein Viertel aller Menschen mit Typ-1-Diabetes im Laufe ihrer Diabeteslaufbahn mit Schäden an der Netzhaut zu tun haben, schreiten diese nur in den seltensten Fällen so weit voran, dass sie das Augenlicht verlieren. Deshalb ist so eine Aussage in meinen Augen noch einmal härterer Tobak als das unsägliche Drohen mit Folgeerkrankungen im Stile von „Wenn Sie sich nicht besser um Ihren Zucker kümmern, dann wird Ihre Niere versagen / muss Ihnen ein Bein amputiert werden / werden Sie erblinden.“ Dass derartige Drohungen wenig hilfreich sind und auch einer soliden fachlichen Grundlage entbehren, habe ich hier ja schon einmal ausführlich beschrieben. Doch wenn das Erblinden als zwangsläufige, verhaltensunabhängige Folge eines Diabetes dargestellt wird, kann man ja eigentlich nur noch resignieren.

Wie viele von uns tatsächlich mal mit dieser furchtbaren Aussage „nie in den Zeigefinger stechen, damit er später noch zum Ertasten der Braille-Schrift taugt“ konfrontiert wurden, weiß ich nicht. Es wäre toll, wenn es am Ende nichts weiter als eine Urban Legend wäre. Doch wachgehalten haben mich diese Gedanken heute Nacht trotzdem.

3 Kommentare zu “Schlaflose Gedanken nach einem nächtlichen Hypo-Fehlalarm

  1. Ich halte die Alarme einfach ausgeschaltet 😉
    Und, der Daumen und der Zeigefinger ermöglichen den sogenannte Pinzettengriff. Es gehört zur feinmotorischen Entwicklung des Babys, dass es irgendwann lernt, seine Finger auch einzeln einsetzen zu können. Das ist wichtig fürs Essen, aber auch das Erlernen von Besteck zu benutzen gehört dazu. Auch fürs Malen, Schreiben, Puzzeln und für viele weitere Entwicklungsstufen ist der Pinzettengriff wichtig. Mindestens auf diese Fähigkeiten (wenn man sie nicht erweitert hat) will wohl auch kein Erwachsener verzichten … Dass die Feinmotorik wiederum sehr eng mit der kognitiven Entwicklung zusammenhängt ist wahrscheinlich auch bekannt. Einfach gesagt: „Begreifen kommt vom Greifen“. In diesem Sinne wünsche ich euch noch lange greifen, tasten und fühlen zu können 🙂

    LG Lena

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  2. Ich kenne das auch so, jedoch nicht mit dieser Begründung (obwohl man mir das schon vor 30 Jahren gesagt hat), sondern schlicht, weil man Daumen und Zeigefinger auch im Alltag ständig zum Tasten und Fühlen benutzt und braucht. Und wenn ich meine „Hornhaut“ an den letzten drei Fingern jeweils ansehe, macht das zumindest bei mir Sinn … 😉 – Danke übrigens für Ihre tollen Beiträge, liebe Frau Thiel, bin irgendwann durch Zufall auf Sie gestoßen und froh darüber!!

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