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Von wegen zuckerkrank – ein Blog über glückliches Leben, leckere Ernährung und Sport mit Typ-1-Diabetes

Erholsamer Urlaub – trotz oder sogar wegen unfreiwilliger Sensor-Pause

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Eine Woche Urlaub in Dänemark. Juchu, wir schmeißen im Ferienhaus die Sauna an! Kaum war mir aufgefallen, dass ich keinen Ersatz-Sensor dabei hatte, riss ich mir nach der Sauna mein Freestyle Libre vom Arm. Ich musste mich also eine Woche lang wieder mit täglich 5–7 Messwerten begnügen.

Normalerweise bin ich auf Reisen in Sachen Diabetes-Ausrüstung nie ohne Netz und doppelten Boden unterwegs. Auch wenn ich nur für ein Wochenende wegfahre, packe ich immer einen Ersatz-Sensor ein, außerdem ausreichend Blutzuckerteststreifen, um für den Fall der Fälle ganz auf blutige Messungen umsteigen zu können. Genug Insulin und Pennadeln gehören natürlich auch ins Gepäck. Tja, doch Ausnahmen bestätigen die Regel. Und so habe ich unseren Urlaub in Dänemark, von dem wir gestern zurückgekehrt sind, tatsächlich ganz ohne kontinuierliche Glukosemessung überstehen müssen.

Es war der erste Urlaub in diesem Jahr, den wir nicht wegen Corona abblasen mussten. Anfang April wäre ich eigentlich mit meinem Sohn nach Grasse, die südfranzösische Wiege der Parfumeurskunst, geflogen. Im Mai hätte ich Christoph nach Stockholm zum Marathon begleitet. Im Juni hätte unser Jahrgang 30 Jahre Abi gefeiert. Im Anschluss wären wir mit dem Wohnwagen Richtung Toulouse gefahren, wo ein Freund seinen 40. Geburtstag feiern wollte. Auf dem Rückweg hätten wir am Steinhuder Meer Station gemacht, wo meine Eltern ein Familientreffen mit allen insgesamt 5 Geschwistern nebst Familien geplant hatten. Alles musste wegen des blöden Virus ausfallen.

Auto bis unter’s Dach vollgepackt

Wir kamen uns daher beinahe schon verwegen vor, als wir Anfang September doch noch einen Versuch starteten und für Oktober ein Ferienhaus in Dänemark buchten. Und bis kurz vor der Abreise waren wir noch unsicher, ob es wirklich klappen würde: Was, wenn neben Kopenhagen auch die Region um den Limfjord zum Corona-Risikogebiet erklärt würde? Zum Glück geschah nichts dergleichen, und wir konnten unseren Urlaub wie geplant antreten. Damit es uns ganz bestimmt an nichts fehlen würde, packten wir unser ganzes Auto bis unter’s Dach voll: Spiele (4 gewinnt, Scrabble, Trivial Pursuit), Laufklamotten, Wanderschuhe, einen Regalmeter Bücher und Zeitschriften, Handtücher und Bademäntel für die kleine Sauna im Ferienhaus, Feuerholz für den Kaminofen, Lebensmittelvorräte, Fahrräder, Yogamatte etc. pp.

Als wir uns am Samstag vor einer Woche endlich ins Auto setzten und losfuhren, hatte ich mit dem Hin- und Herflitzen im Haus und dem Herumtragen unserer Urlaubsausstattung schon fast 4.000 Schritte auf der Uhr. Doch auf der A7 Richtung dänische Grenze fiel mir ein, dass ich etwas Wichtiges vergessen hatte: einen Freestyle Libre-Ersatzsensor. Ich hatte zwar erst am Dienstag einen neuen Sensor gesetzt, der auch anstandslos lief. Doch auch wenn bei mir nur sehr selten mal ein Sensor rummuckt oder vorzeitig aussteigt, gehe ich auf Reisen eigentlich immer auf Nummer Sicher und packe Ersatz ein. Man weiß ja nie.

Alles dabei – bis auf einen Reserve-Sensor

Dieses Mal also hatte ich um die 70 Blutzuckerteststreifen dabei (und auch ein Ersatzgerät), auch an genügend Reserveampullen Insulin und Pennadeln hatte ich gedacht. An Hypohelfer sowieso. Aber eben nicht an einen Reserve-Sensor. Bei der Aussicht auf lange Saunaabende wurde mir unterwegs zwar etwas mulmig: Beim Schwitzen, häufigen Duschen und Abrubbeln können sich Sensor und Tape eben doch leichter mal lösen. Aber es war schon zu spät um noch umzudrehen, und so sagte ich mir: „Ach, wird schon werden. Ich muss eben ein bisschen aufpassen.“

Kaum angekommen, schaltete ich erfolgreich in den Erholungsmodus. Ich freute mich, dass wir ein Ferienhaus mit unverbautem Blick auf’s Wasser ausgesucht hatten. Nachdem ich monatelang wirklich auf Hochtouren gearbeitet hatte, fühlte es sich unendlich gut an, den Blick weiter als auf Monitordistanz schweifen zu lassen. Das Wasser des Limfjords lag einfach da und bewegte sich nicht. Ganz selten schipperte mal ein kleines Fischerboot durch den Horizont, sonst passierte einfach gar nichts in diesem Panorama. Und dann diese Stille! Uns war vom ersten Moment an klar: Dieser Urlaub wird uns richtig guttun.

Dem Sensor wurde das Tape zum Verhängnis

Am zweiten Abend schmissen wir zum ersten Mal den Saunaofen an. Wirklich toll, in den eigenen vier Wänden vor sich hinzuschwitzen, nackig im Garten herumzuspazieren und dann vor dem Kaminofen zu dösen und zu entspannen! Doch nach dem letzten Gang, als ich gerade aus der Dusche stieg, fiel mir auf, dass sich das Tape über meinem Sensor gelöst hatte. (Ich überklebe den Sensor mittlerweile aus reiner Gewohnheit mit Rocktape, um ihn vor Türrahmen und BH-Trägern zu schützen. Dabei klebt er bei mir eigentlich wirklich gut auf der Haut.) „Ui, das muss ich vor dem Schlafengehen ersetzen“, dachte ich mir. Doch ich wollte alles erstmal gründlich durchtrocknen lassen, dann hält der Sensor erfahrungsgemäß auch nach der Sauna wieder bombenfest. Tja, falsch gedacht. Obwohl ich mich bemühte, mit meinem Arm unfallfrei in den Bademantel zu schlüpfen, spürte ich, wie ich am Tape hängenblieb und mir damit den Sensor aus der Haut riss. Mist! Dabei soll das Tape den Sensor doch eigentlich vor genau diesem Schicksal bewahren!

Urlaub heißt, ein Malheur positiv zu betrachten

Da es mir noch nie gelungen ist, den Teflonfaden des Sensors irgendwie wieder in die Einstichstelle hineinzufriemeln, unternahm ich erst gar keinen Versuch dieser Art. Ich regte mich auch nicht auf, wozu auch? Ich war froh, dass ich zwar nicht für Plan B, aber zumindest für Plan C ausgestattet war. Ich würde einfach so messen, wie ich es in den paar Jahren vor dem Freestyle Libre gewohnt war: mit Blutzuckerteststreifen und der MySugr-App, die ich zu diesem Zweck wieder reaktivierte. Wer weiß, vielleicht wäre ein bisschen „Diabetes-Detox“ auch erholsam? Ich beschloss also, das Malheur positiv zu betrachten: Ein echter Urlaub vom Diabetes wird mir zwar nie vergönnt sein, doch warum nicht mal einen Gang runterschalten und nur in den entscheidenden Momenten nachschauen, wie es dem Diabetesmonster geht?

Glukosewerte scannen als Übersprungshandlung

Denn im Alltag läuft es bei mir so, dass ich um die 20-mal am Tag meinen aktuellen Glukosewert scanne. Meist besteht kein akuter Handlungsbedarf, ich nehme den Verlauf dann einfach zur Kenntnis und habe ihn bei meinen weiteren Aktionen im Hinterkopf. Ich scanne oft, weil ich es halt kann. Manchmal ist es vielleicht auch eine Übersprungshandlung: Ich will mich noch einen Moment um meine nächste Aufgabe herumdrücken und scanne halt schnell mal meinen Zucker. Oder ich scanne, weil ich gerade ein bisschen Langeweile habe. Wie auch immer, längst nicht alle Scans sind wirklich notwendig, damit ich meinen Diabetes ordentlich managen kann.

Weniger Zeit am iPhone zu hängen tut gut!

Allerdings passiert beim Scannen oft auch Folgendes: Da ich überwiegend mit dem iPhone anstatt mit dem Lesegerät scanne (letzteres kommt allenfalls beim Sport zum Einsatz), habe ich dadurch viel zu oft das Smartphone in der Hand. Beim Entsperren fällt mir dann auf, dass da schon wieder ein paar WhatsApp-Nachrichten oder Facebook-Likes eingegangen sind. Wenn ich grad dabei bin, kann ich auch kurz meine Mails checken. Und schauen, was sich auf Spiegel Online tut. Schwupp ist eine halbe Stunde verdödelt, in der meine Augen wieder nur auf das kleine Display gestarrt haben. Eigentlich total bescheuert.

Eine Woche Diabetes-Detox hatte für mich tatsächlich zur Folge, dass ich weniger häufig mein iPhone in die Hand genommen habe. Okay, ich habe Fotos damit gemacht. Und etliche davon per WhatsApp mit unserer Familie geteilt. Und auch die Corona-Meldungen verfolgt. Aber ich glaube, ich hatte mein iPhone deutlich weniger als sonst in der Hand, weil mich nicht 20-mal am Tag ein Verlegenheits-Scan in die digitale Welt gelockt hat. Das tat ebenso gut wie der Blick auf die Weite des Fjords.

Wieder bei MySugr: Hello my dear old friend!

Daneben hat es mir auch gefallen, meine Werte mal wieder mit der MySugr-App zu dokumentieren. Ich hatte sie ja 2017 ein wenig widerwillig verlassen, als ich für die Dokumentation meiner Werte auf LibreLink umgestiegen bin. Das MySugr-Monster begrüßte mich freudig, als seien zwischendrin nicht drei Jahre vergangen. Und ich fand es richtig nett, mir zum Messen wieder ein bisschen Zeit zu nehmen, mein Täschchen mit allem Klimbim auszupacken, den Teststreifen ins Gerät zu schieben, mich mit der Lanzette zu stechen, den Blutstropfen aufzutragen, gespannt auf den Messwert im Display zu warten, die Zahl mit ein paar passenden Tags (Urlaub, vor dem Essen, nach dem Essen, Mittagessen, Aktivität etc.) in die App einzutragen. Und dann dem Schmatzen und Rülpsen des Monsters zu lauschen.

Einfach nicht so viel an den Diabetes gedacht

Rechts seht ihr mein Protokoll der Urlaubswoche. Die hohen Werte in den Abendstunden sind (neben 1,5 Kilos mehr auf der Waage…) Quittung für ein paar Schoko- und Chips-Exzesse, die ich mir nach ausgedehnten Spaziergängen durch dänische Städtchen und Landschaften gestattet habe. Abgesehen davon, bin ich zufrieden mit meinem Diabetesmanagement im Urlaub. Tatsächlich glaube ich, dass ich gar nicht viel anders gemacht hätte, wenn ich statt der einzelnen Messpunkte Verlaufskurven gehabt hätte. Doch weil ich die Kurven eben nicht ständig vor Augen hatte, konnte ich wirklich auch mal – zumindest ein bisschen – vom Diabetes abschalten. Ich habe vor den Mahlzeiten und vor dem Schlafengehen gemessen, und dazwischen nur, wenn mir etwas komisch vorkam. Was sich tatsächlich einmal bei einem Spaziergang als Hypo mit 52 mg/dL entpuppte. Doch sonst habe ich einfach nicht besonders viel an meinen Diabetes gedacht. Wenn mich Christoph aus bloßer Gewohnheit gelegentlich fragte: „Und, was macht dein Zucker?“, dann zuckte ich mit den Schultern und sagte: „Ich hab keine Ahnung, wird schon passen!“ Das stimmte (vermutlich) auch, doch wirklich wissen konnte ich es halt nicht. War aber auch einfach mal nicht so wichtig. Und genau das trug – neben der beschaulichen Landschaft, Sauna und Kaminofen – ebenfalls erheblich zur Erholung bei.

Diabetes-Detox in den Alltag rüberretten?

Das heißt allerdings nicht, dass ich nun meine Sensoren im Schrank verstauben lasse und wieder dauerhaft auf Blutzuckermessung umsteige. Kaum waren wir gestern wieder daheim, habe ich mir erstmal einen neuen Sensor gesetzt und heute morgen dann aktiviert. (Es hat sich für mich immer noch bewährt, dem Sensor 18 bis 24 Stunden statt nur 60 Minuten Aufwärmzeit zu gönnen, wie ich es schon zu Beginn hier einmal beschrieben habe.) Es ist schon deutlich komfortabler, seine Glukosewerte ohne Fingerstechen auf dem Display angezeigt zu bekommen. Und Verläufe mit Trends statt nur einzelner Punkte sehen zu können. Doch diese eine Woche ohne war auch nicht übel. Vielleicht sollte ich mal bewusst versuchen, seltener das iPhone zur Hand zu nehmen und nur dann nach dem Glukoseverlauf zu schauen, wenn es einen Anlass dafür gibt. Dann könnte ich ein bisschen meines Diabetes-Detox in den Alltag rüberretten. In Urlaubsbildern schwelgen hilft aber sicher auch dabei, den Erholungseffekt zu erhalten…

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