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Wenn der Sensor die Haut irritiert: Woran erkennt man eine allergische Kontaktdermatitis?

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Meine Haut verträgt das Pflaster des Freestyle Libre-Sensors zum Glück prima. Allerdings weiß ich von vielen anderen Typ-Einsern, dass sie Probleme mit den Klebstoffen verschiedener CGM-Sensoren oder Katheter-Pflaster haben. Doch woran erkennt man, dass es sich um ein ernstes dermatologische Problem handelt?

Insulinpumpen und Systeme zur kontinuierlichen Glukosemessung können Lebensqualität und Therapieergebnisse von insulinpflichtigen Menschen mit Diabetes entscheidend verbessern. Allerdings führt ihre Nutzung häufig zu Hautreaktionen auf Klebstoffe in Pflastern oder Sensoren. Ich habe darüber schon 2016 hier auf dem Blog schon berichtet, etwa zu der Frage, ob Abbott als Hersteller für derartige Hautreaktionen haftet. Inzwischen haben sich glücklicherweise viele schlaue Leute mit dem Thema befasst. Beim DiaTec-Kongress etwa, der Anfang 2020 (vor Corona, also noch live und in Farbe in einem nach heutigem Empfinden geradezu unanständig und gefährlich überfüllten Vortragssaal) stattgefunden hat, erklärte die Hautärztin und Allergologin Dr. Stefanie Kamann aus Feldafing, selbst Mutter eines Jungen mit Typ-1-Diabetes, worauf man bei Hautirritationen achten sollten. Ihr Vortrag richtete sich in erster Linie an Diabetologen. Ich habe darüber in Ausgabe 7/8.2020 der Diabetes Zeitung der DDG berichtet. Doch auch betroffenen Typ-Einsern dürfte dieses Wissen helfen, weshalb ich den Artikel nun auch hier auf meinem Blog noch einmal veröffentliche.

In den vergangenen Jahren hat sich die Zahl der Menschen mit Diabetes, die Insulinpumpen und/oder CGM-Systeme tragen, kontinuierlich erhöht. Was Diabetologen begrüßen, ist aus dermatologischer Sicht allerdings nicht ganz unproblematisch, da Geräte oder Zubehöre über mehrere Tage an der Haut der Patienten fixiert werden. Insbesondere seit der Einführung von CGM-Systemen, deren Sensoren 10 bis 14 Tage auf der Haut verbleiben, treten gehäuft insbesondere irritative, aber auch allergische Kontaktekzeme auf [1]. In der Vergangenheit lag der Hauptfokus der Hersteller darauf, dass die Komponenten der Geräte günstig zu beschaffen sind, gut kleben und sich nicht vorzeitig von der Haut lösen. Allerdings können Klebstoffe zu Hautirritationen bis hin zu allergischen Reaktionen führen. Insbesondere seit Zulassung des Freestyle Libre Ende 2014 häufen sich die Meldungen über Hautreaktionen auf Glukosesensoren.

IBOA löst häufig Kontaktallergien aus

Bei Hautreaktionen auf Pflaster und Sensoren unterscheidet man zwischen der häufigen irritativen und der selteneren allergischen Kontaktdermatitis (siehe Tabelle). Manchmal ist es über einen längeren Zeitraum nicht möglich hier zu differenzieren. Eine allergische Kontaktdermatitis ist im Zusammenhang mit den aktuellen Systemen meist eine Reaktion auf Isobornylacrylat (IBOA). Dieses hochpotente Allergen konnte 2017 zuerst im Freestyle Libre-Glukosesensor nachgewiesen werden, hier vermutlich in Verklebungen an der Unterseite des Plastikgehäuses.[2] Außerdem findet es sich in der Patchpumpe Omnipod [3] und im Enlite Glukosesensor sowie im Fixierungspflaster des Enlite.[4] Die Pflaster des Dexcom G5 und G6 sowie der Sensor selbst [5], ebenso alle Komponenten des implantierbaren Glukosesensors Eversense (Pflaster, Sensor, Transmitter) hingegen sind frei von IBOA.[6] Inzwischen sind auch weitere relevante Kontaktallergene indentifiziert worden.

Abgrenzung zwischen irritativer und allergischer Kontaktdermatitis

HautreaktionIrritative Kontaktdermatitis (Irritation, Hautreizung)Allergische Kontaktdermatitis (allergisches Kontaktekzem)
HäufigkeitHäufig (50–70% der Anwender)Selten (<5% der Anwender)
UrsacheLange Okklusion der Haut, Schwitzen, Reibung, Pflasterabriss etc.Längere Exposition mit potentem Allergen (Acrylate, IBOA, Kolophonium etc.)
SymptomeLeichte bis stärkere Rötung (Erythem), ggf. Schuppung, ggf. mäßiger wieder abflauender JuckreizRötung, Schuppung, ggf. Bläschen, Pusteln und bakterielle Superinfektion. Starker, persistierender Juckreiz
TherapieOhne Therapie Abheilung binnen weniger Tage. Pflegecreme, ggf. Hautschutzspray und UnterschutzpflasterSymptome halten ohne Therapie ggf. 2-3 Wochen an. Kortisoncreme ggf. mit antibiotischem Zusatz, Allergenmeidung, ggf. Unterschutzpflaster
UnterschiedeBeschwerden treten (oft auch jahreszeitlich) intermittierend aufSymptome treten binnen 1-2 Tagen bei jedem Ankleben und an jeder Lokalisation (Bauch, Oberarm) auf

Eine Kontaktallergie kann grundsätzlich durch einen Epikutantest beim Hautarzt nachgewiesen werden. Für einen solchen Test wäre es aber hilfreich, wenn die verdächtigen Stoffe bekannt wären. Weil die Hersteller nur selten genaue Informationen über die Zusammensetzung von Pflastern und Sensoren herausgeben und zudem durch Hitze, Schwitzen und Abreibung manchmal neue Acrylatverbindungen entstehen, ist es schwierig hier genaue Informationen zu erlangen. Ausserdem sind nicht alle Acrylate standardisiert im Test erhältlich. Daher ist ein Nachweis mittels Epikutantest häufig schwierig. Typisch für eine Kontaktallergie ist eine meist längere Sensibilisierungsphase. Anwender vertragen den Sensor oder das Pflaster oft über etliche Monate gut, bevor erstmals Symptome auftreten. Sobald der Organismus aber sensibilisiert ist, reagiert die Haut bei jedem erneuten Kontakt mit sehr starken Symptomen. Häufig kommt es auch zu Kreuzreaktionen mit verwandten Allergenen.

Okklusion führt häufig zu Hautirritationen

Zu einer irritativen Kontaktdermatitis kommt es nahezu bei jedem Patienten einmal, der im Zusammenhang mit seiner Therapie ein Pflaster verwenden muss. Ursache ist die lange Tragezeit des Sensors/Pflasters, die zu einem Stau von Wärme und Feuchtigkeit unter dem Pflaster führt und so die Hautbarriere geschädigt. Auch das Abreißen der Pflaster nach Ende der Tragezeit oder übermäßiger Druck beim Setzen von Sensoren oder Kathetern können zu Hautirritationen führen. Diese verschwinden aber in der Regel von allein oder durch intensive Hautpflege nach Entfernen von Pflaster oder Sensor.

Eine intakte Hautbarriere toleriert eine längere Okklusion durch Pflaster besser. Deshalb sollten Anwender generell die Klebestellen regelmäßig wechseln und ihre Haut gut pflegen. Wer sehr empfindlich auf das Abreißen des Pflasters reagiert, kann Pflasterlöser anwenden. Die Klebestellen sollten nach dem Entfernen des Pflasters bzw. Sensors gründlich eingecremt werden. Hierfür eignen sich rückfettende Wund- und Heilsalben bzw. Pflegecremes, wie sie auch bei Neurodermitis eingesetzt werden.

Bei stärkeren Irritationen und auch Kontaktallergien sollte nach Entfernen des Pflasters einige Tage lang zweimal täglich eine kortisonhaltige Creme aufgetragen werden. Gute Ergebnisse lassen sich auch mit der Applikation von kortisonhaltigem Nasenspray (Mometason, Fluclitason) auf die Hautläsion erzielen: ein Hub nach der Desinfektion, und vor der Applikation; ein weiterer Hub nach Abnehmen der Pumpe bzw. des Sensors. Hierbei handelt es sich allerdings um eine neue Therapievariante, für die erst eine Studie an einem kleinen (n=13) Patientenkollektiv vorliegt.[7]

Cave! Hautschutzsprays enthalten oft Acrylate

Die häufig empfohlenen Hautschutzsprays, die vor Applikation des Pflasters auf die Haut aufgesprüht werden, eignen sich ausschließlich bei reinen Irritationen, nicht aber bei Kontaktallergien. Da sie die Hautbarriere nur für eine begrenzte Zeit unterstützen, sind sie ggf. hilfreich für Pumpenträger, deren Katheter nur wenige Tage Liegezeit haben. Allerdings werden Hautschutzsprays von Allergologen mittlerweile kritisch betrachtet, da sie z. T. ebenfalls Acrylate enthalten, die zu Kreuzreaktionen führen können und häufig auch irritativ wirken. Auch Kinesiotape, das von vielen Patienten zum Abkleben bzw. zum Schutz der Sensoren oder als Hautbarriere verwendet wird, enthält oft Acrylate.

Bei starken Irritationen oder echter Kontaktallergie gibt es lediglich begrenzte Möglichkeiten, Sensoren oder Katheter weiter zu nutzen. Hierfür kommen Unter- bzw. Schutzpflaster infrage, die zwischen Sensor bzw. Pflaster und Haut appliziert werden. Sie sollten ausreichend groß, nicht durchlässig und acrylatfrei sein. Viele Anwender haben gute Erfahrungen mit Schutzpflastern auf Hydrokolloid- oder Silikonbasis gemacht. Auch Blasen- oder Stomapflaster eignen sich als Schutzschicht. Häufig bleibt als letzter Ausweg aber nur der Verzicht auf die entsprechenden Systeme.

Neue Checkliste der AGDT erleichtert Einordnung

Glücklicherweise beginnen die Hersteller von Sensoren und Insulinpumpen inzwischen umzudenken und weniger aggressive Substanzen und Materialien einzusetzen. So wird bei der Produktion des Freestyle Libre 2 dem Vernehmen nach mittlerweile auf IBOA verzichtet. Um potenzielle Kontaktallergene zu erkennen, wäre es wünschenswert, dass Allergologen, Diabetespraxen und Patienten Hautreaktionen deutlich konsequenter als bisher Hautreaktionen bei den Herstellern und auch dem BfArM melden. Die AGDT hat zudem eine Checkliste [8] entwickelt, die Diabetologen bei der Einordnung von Hautreaktionen auf Pflaster und Sensoren hilft.


Literatur:


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