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Von wegen zuckerkrank – ein Blog über glückliches Leben, leckere Ernährung und Sport mit Typ-1-Diabetes

Diabetes ist… wie den ganzen Tag einen Ballon in der Luft balancieren

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Die meisten Menschen wissen nicht viel darüber, was das Leben mit Diabetes bedeutet. Manchen ist vielleicht bekannt, dass man regelmäßig den Blutzucker checken und ggf. Insulin spritzen muss. Doch wie sich das im Alltag anfühlt und wieviel Aufmerksamkeit der Diabetes in Anspruch nimmt, können nur die wenigsten nachfühlen. Und genau darum geht es bei der #blueballoonchallenge!

Ich bin ein bisschen spät dran mit meinem Beitrag zu dieser coolen Challenge von #dedoc. Aber egal, nun bin ich dabei! Beim (leider sehr flüchtigen) Lesen der ersten Infomail hatte ich zunächst gedacht, dabei gehe es um eine Aktion, bei der Menschen mit Diabetes gasgefüllte blaue Ballons steigen lassen, um auf die Herausforderungen des Lebens mit Diabetes hinzuweisen. Das gefiel mir nicht, weil solche Luftballons nun einmal irgendwann wieder zurück auf die Erde fallen und dann gern als Müll irgendwo im Gebüsch hängenbleiben. Tja, hätte ich die Mail nur ein ganz bisschen aufmerksamer gelesen, wäre mir aufgegangen, dass es genau darum NICHT geht. 🙂

Die Idee hinter der Aktion ist vielmehr diese: Der blaue Luftballon symbolisiert den Diabetes, den man den ganzen Tag hindurch im Blick behalten und ausbalancieren muss. Und kaum probiert man das einmal mit einem Luftballon, kann man auf einmal viel besser nachvollziehen, wieviel Aufmerksamkeit die weitgehend unsichtbare Erkrankung im Alltag erfordert. Das Diaversary-Projekt und #dedoc haben daher mehr als 50.000 blaue Luftballons an Menschen mit Diabetes verschickt. Wer mitmachen will, macht Fotos oder kleine Videos von seinem Versuch, den Ballon zu balancieren und postet das Ganze mit dem Hashtag #blueballonchallenge in den sozialen Medien. (Und lässt den Ballon im Anschluss natürlich nicht irgendwo in der Natur rumliegen, sondern schmeißt ihn ordentlich in den Mülleimer.) Je mehr Menschen mit Diabetes sich an der Challenge beteiligen, umso mehr andere Leute sehen die Aktion und bekommen eine Vorstellung davon, dass Diabetes mehr ist als ein paar Blutzuckermessungen und Injektionen am Tag. Auf der Seite www.blueballoonchallenge.de gibt es einen Kampagnen-Film, der das Ganze sehr schön visualisiert.

Ich beschreibe diese ständige Präsenz meines Diabetes ansonsten gern mit dem Bild eines Börsentickers. Also diese Ticker, die in manchen Nachrichtensendungen im Fernsehen pausenlos am unteren Bildschirmrand durchlaufen. Hätte ich mein Geld in Aktien angelegt, würde ich beim Fernsehen bestimmt ständig mit einem Auge auf die Kurswerte in diesem Ticker schielen. Und genau so habe ich im Grunde rund um die Uhr ein Auge auf meinen Glukosewerten, auch wenn eigentlich ein ganz anderes Programm ansteht.

Das Bild mit dem Luftballon ist aber ebenfalls sehr schön. Denn wer das mal ausprobiert, der weiß: Es reicht ein kleiner Lufthauch, und der Ballon büxt aus. Oder er verfängt sich irgendwo und will nicht mitkommen. Er verhält sich jedenfalls nicht immer vorhersehbar und kooperativ – genau wie unser Diabetes. Wer den Ballon gut unter Kontrolle behalten will, muss ihn bei allen äußeren Einflüssen mitdenken: Oh, da ist spitzes Geäst, das könnte ihn um Platzen bringen! Mist, wo kam denn jetzt dieser Windstoß her, und wo ist der Ballon denn nun hin? Einmal nicht aufgepasst, ist er über alle Berge…

Übertragen auf den Diabetes heißt das: Ich muss ihn immer mitdenken, egal was ich gerade mache. Zum Beispiel im Restaurant beim Studieren der Speisekarte: „Wie viele Kohlenhydrate hat diese Mahlzeit? Gelangen sie eher schnell oder eher langsam ins Blut?“ Oder bei der Bestellung: „Wie lange dauert es in diesem Restaurant wohl, bis das Essen serviert wird – sollte ich schon mal einen Teil des Insulins spritzen oder lieber nicht?“ Oder morgens beim Aufstehen: „Ich habe schlecht geschlafen – na klasse, das heißt nicht nur einen müden Start in den Tag, sondern auch Blutzucker-Chaos…“ Oder bei der Arbeit: „Mir sitzt dieser blöde Termin im Nacken, ich stehe unter Stress – was sagt mein Zucker wohl dazu?“ Oder beim Spaziergang mit einer Freundin:“ Klar können wir spontan noch einen Schlenker dranhängen – ich muss nur kurz schauen, ob mein Zucker das noch mitmacht…“

Ich habe heute Christoph gebeten, für Instagram ein paar Fotos bzw. ein Video von mir bei der Gartenarbeit mit Luftballon zu machen. Ständig ist mir der Ballon ausgebüxt und weggeflogen. Hätte ich ihn wirklich im Griff behalten wollen, hätte ich nur eine Hand frei gehabt für’s Unkrautjäten. Alles ein bisschen unpraktisch. Ach ja, und nach dem Gerupfe und Gezupfe hatte ich tatsächlich eine kleine Hypo – vermutlich, weil ich beim Insulinspritzen für unseren nachmittäglichen Kuchen die anstehende Gartenarbeit unterschätzt hatte. Oder weil die Kohlenhydrate aus der Buttercremetorte langsamer im Blut ankamen als das Insulin. Was auch immer mal wieder dahinter steckte. So ist der Diabetes halt… und es wäre schön, wenn mehr Menschen verstehen, dass zwar nicht immer alles megakompliziert ist mit Diabetes, doch dass man ihn halt immer mit im Blick behalten und seine mögliche Reaktion auf bei allen kleinen Alltagsentscheidungen mitdenken muss. DAS ist es, was das Leben mit Diabetes anstrengend macht, nicht der gelegentliche Piks mit einer Nadel.

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