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Kontaktallergien und Hautreaktionen auf das Freestyle Libre: Die Acrylate im Kleber scheinen Schuld zu sein!

10 Kommentare

In der Fachzeitschrift „Contact Dermatitis“ ist vor wenigen Tagen ein Beitrag zum Thema Hautreaktionen auf das Freestyle Libre erschienen. Man kann ihn zwar kostenfrei nur als Abstract lesen, doch die Botschaft ist klar: Schuld an den Hautreaktionen, mit denen sich viele Anwender herumschlagen, sind Acrylate im Klebstoff. Genauer gesagt Isobornyl-Acrylat.

Ich bringe deshalb an dieser Stelle mal einen Beitrag von mir, der im März 2017 in der Blood Sugar Lounge zu genau diesem Thema erschienen ist. Er war bis dato noch nicht hier auf meinem Blog zu lesen.

Immer mehr Nutzer von Systemen zur kontinuierlichen Glukosemessung, also FGM und CGM, reagieren mit Hautproblemen auf Sensoren und Pflasterkleber. Der Hamburger Diabetologe Dr. Jens Kröger berichtete beim T1Day in Berlin über das Problem und seine möglichen Lösungen.

Genaue Zahlen darüber, wie viele Menschen in Deutschland das Freestyle Libre Messsystem zur kontinuierlichen Glukosemessung nutzen, gibt es nicht. Der Hersteller Abbot hält sich bedeckt, aber Dr. Jens Kröger schätzt, dass es etwa 50.000 sein müssten. Für ihn ist es deshalb nicht weiter verwunderlich, dass mit der Verbreitung des Freestyle Libre auch die Zahl der Fälle von Hautirritationen zunimmt: Schließlich bleiben die Sensoren mit 14 Tagen Liegedauer deutlich länger auf der Haut als die Pflaster beispielsweise von Pumpenkathetern. Für mich ein sehr interessantes Thema, denn schließlich bin ich in einem früheren Beitrag schon einmal der Frage nachgegangen, ob möglicherweise der Hersteller für diese Hautreaktionen haftbar gemacht werden kann.

Beschwerden beginnen oft erst nach einigen Monaten

„Je länger die Liegezeit, desto höher ist das Risiko für Hautreaktionen“, erklärte Kröger beim T1Day in Berlin. Er bombadierte die Zuhörer dann mit Fachbegriffen wie Irritationsdermatitis, Erysipel sowie Hyper- und Hypopigmentierungen und Urtikaria. Gemeint sind Hautrötungen, Entzündungen, Quaddeln und Farbveränderungen der Haut. Häufig treten die Beschwerden erst nach etlichen Monaten auf, nachdem der Patient bereits etliche Sensoren getragen hat. Eine solche Sensibilisierung lässt sich nicht wieder rückgängig machen, darüber hinaus kommt es in der Folge gelegentlich auch zu Kreuzallergien. „Dann bereitet auf einmal auch der Pflasterkleber des Pumpenkatheters Probleme, der nur zwei bis drei Tage liegt und zuvor problemlos vertragen wurde“, berichtete Dr. Kröger. Wer die Diskussionen in den einschlägigen Facebook-Gruppen verfolgt, kann das bestätigen: Dort berichten viele Anwender, dass die Probleme erst ab Sensor Nummer 8 oder 10 begannen.

Acrylate wurden 2012 als „Kontaktallergen des Jahres“ ausgezeichnet

Als mögliche Verursacher der Hautreaktionen nannte Kröger das Kunststoffgehäuse des Sensors, die Sensornadel bzw. den Sensorfaden und die Zwischenklebeschicht. Hauptverdächtige sind aber die in den Klebstoffen enthaltenen Acrylate. „Sie bergen ein hohes Potenzial für Nebenwirkungen. Man kennt Acrylharze aus Nagelstudios. Für Mitarbeiterinnen von Nagelstudios ist eine Allergie auf Acrylate längst als Berufskrankheit anerkannt.“ Die amerikanische Gesellschaft für Kontaktallergien hat Acrylaten 2012 daher den unrühmlichen Titel „Kontaktallergen des Jahres“ verliehen.

Zusammensetzung der Pflasterklebstoffe ist bei jedem Hersteller anders

Obwohl all dies lange bekannt ist, werden Acrylharze gern für Pflaster verwendet. Die zentralen Argumente lauten: Sie kleben außergewöhnlich gut und sind zudem kostengünstig verfügbar. Alle in der Diabetesindustrie verwendeten Pflasterklebstoffe bestehen aus Acrylatpolymeren. „Das Problem ist, dass die Zusammensetzung der Klebstoffe bei jedem Pflasterhersteller anders ist und von den Herstellern auch nicht herausgegeben wird“, kritisierte Dr. Kröger. Daher könne man auch nicht mit einem Standard-Epikutantest beim Hautarzt feststellen, ob man auf einen bestimmten Klebstoff allergisch reagiert oder nicht. Eine zuverlässige Allergiediagnostik sei nur möglich, wenn beim Pricktest eine Probe des tatsächlich konkret eingesetzten Klebstoffs als Einzelsubstanz verwendet wird – doch die lässt sich beim Hersteller nicht ohne Weiteres beschaffen.

Heidi-Methode, Rocktape, Hydrotape, Blasenpflaster – was hilft?

Betroffene, die trotz der massiven Hautreaktionen nicht auf die neuen Möglichkeiten der kontinuierlichen Glukosemessung durch FGM- oder CGM-Systeme verzichten möchten, sind daher längst selbst aktiv geworden. Sie tauschen sie sich in besagten Facebook-Gruppen intensiv darüber aus, wie man den direkten Kontakt des Klebers mit der Haut durch eine effektive Barriere verhindern kann. Sascha Stiefeling hat auf seinem Blog Sugartweaks einmal ganz heldenhaft sämtliche kursierenden Methoden ausprobiert und bewertet – darunter die vielgepriesene „Heidi-Methode“, Rocktape und Hydrotape, Blasenpflaster, die „Handschuh-Methode“ und seine selbst entwickelte „Beyonce-Methode“.

Nicht nur bei Facebook diskutieren, sondern den Hersteller informieren!

Der Diabetologe Dr. Kröger schien vertraut mit Saschas Ausführungen zu sein: „Da kursieren die abenteuerlichsten Empfehlungen! Da wird einem als Arzt Angst und Bange!“ Doch auch er rät Betroffenen, mechanische Barrieren zwischen Haut und Sensor zu platzieren. Dies könnten Hautschutzprodukte wie Cavillon, Schutzpflaster wie Tegaderm, Silikonpflaster oder Blasenpflaster sein. Auch Schutzplatten, wie sie Stomaträger verwenden (Stomahesive) eigneten sich unter Umständen. Eine wichtige Bitte hatte Dr. Kröger zum Schluss an alle betroffenen Typ-1-Diabetiker im Publikum: „Das Entscheidende ist, dass Sie als Anwender diese Probleme nicht nur bei Facebook diskutieren, sondern den Hersteller darüber informieren und auf Herausgabe der exakten Zusammensetzung des Pflasterklebers drängen. Sonst bleibt es dabei, dass die Hersteller immer weiter nur die Rate der Hautreaktionen in den Zulassungsstudien zitieren, obwohl es mittlerweile viel mehr Fälle mit Hautirritationen gibt.“

10 Kommentare zu “Kontaktallergien und Hautreaktionen auf das Freestyle Libre: Die Acrylate im Kleber scheinen Schuld zu sein!

  1. Pingback: Freestyle Libre - Erfahrungsbericht - PEP ME UP Diabetes Blog

  2. Moin Herbert, danke für den informativen Link! Was die Nutzbarkeit des Libre für die Bolusberechnung angeht: Ich berechne quasi jeden Bolus auf Basis von Libre-Messwerten, nur gelegentlich kontrolliere ich mal mit einer blutigen Messung nach, und meist sind die Werte plausibel nah beieinander. Alles wunderbar. Es wäre ja irre, wenn man vor jedem Bolus blutig messen müsste.

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  3. Nachfolgender Link, ab Seite 44 vielleicht interessant für Betroffene. Ganz interessant

    http://www.shg-insulinpumpentraeger.de/downloads/160329_vortrag_rosiloehr_hautundpumpe%20.pdf

    Ansonsten habe ich versucht von Abbott eine Aussage zu bekommen bzgl. der Nutzbarkeit der Messwerte des Free. Libre für eine Bolusberechnung. So richtig wollte man das nicht beantworten. War wie die Katze um den heissen Brei.

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  4. Alles klar und vielen Dank. Der Produzent zeichnet sich wohlweislich frei. Das Lesegerät sieht aus wie mein Insulinx und bietet anscheinen auch einen Messstreifen Einschub. Bei einer blutigen Messung kann der Bolusrechner aktiviert werden, wenn ich das richtig gelesen habe.
    Meine Frage kam eigentlich auf, weil ich vor einiger Zeit einen Dexcom CGM drei Wochen probiert hatte. Sehr aufschlussreich für mich. In der Gerätebeschreibung wurd expliziet darauf hingewiesen, dass für Terapiezwecke zusätzlich blutig gemessen werden MUSS
    Das interessanteste ist dann wohl bei dem FGM die Trendanzeige. Wenn dem so ist, erscheint mir persönlich ein CGM Gerät angebrachter, zumal mir ganz schwindlig wird bei diesen Verletzungsbildern und der Möglichkeit eine Sensibilisierung eventuell als Dauergeschenk bekommen.
    Das überzeugt mich alles nicht, denn zusätzlich zu Pen und Mesgerät klebe ich mir jetzt noch einen Bobon an den Arm und muss , wenn ich länger verreise, Ersatz dabei haben.

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  5. Nachfolgend ein link vom Insulinclub.de und deren Umfrage bzgl. Hautreaktionen mit dem FGM, das sind prozentual gesehen nicht wenige.

    http://www.insulinclub.de/index.php?page=Thread&threadID=26391

    Es handelt sich anscheinend noch nicht um ein Pflastergate. Wenn ich das richtig verstanden habe, wird man eine derartige Allergie, Kreuzallerfie, sofern man sich die eingefangen hat, nicht mehr los.

    Hat dieses Gerät eigentlich eine Zulassung um mit den gemessenen Werten zu terapieren. Irgendwo hatte ich gelesen, dass das nicht der Fall ist. Da Du diese Scheibe benutzt weisst Du sicher mehr darüber.

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    • Moin Herbert, das Freestyle Libre ist zugelassen zur Messung des Gewebezuckers. Der Hersteller empfiehlt, bei Zweifeln an den Messwerten sowie bei stark schwankenden Werten ergänzend den Blutzucker zu messen. Bei mir in der Praxis läuft das auf ca. 2 blutige Messungen pro Woche hinaus, mehr eigentlich nicht. Wenn ich einen Sensor neu gesetzt habe, kontrolliere ich etwas häufiger blutig, bis ich mir sicher bin, dass die Werte halbwegs übereinstimmen. Da das überwiegend der Fall ist, messe ich nur noch in Zweifelsfällen, wenn mir was komisch vorkommt.

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  6. Nun haben wir also den wissenschaftlichen Beweis , daß das unsere Vermutungen nicht so falsch waren. Was mich etwas irritiert ist, daß im Artikel einmal von Test am Pflaster gesprochen wird („All but 1 were patch tested with a baseline series, and with pieces and/or ultrasonic bath extracts of (the adhesive part of) the glucose sen-sor. „) und später von der Gas Chromatographie (GC-MS). Die GC-MS bestätigte das Vorkommen von Acrylaten im Sensor. ( „GC-MS showed the presence of isobornyl acrylate in the sensors.“). Das könnte man auch so interpretieren daß, sowohl im Pflaster als auch im Sensor selber Acrylate festgestellt worden sind. Wie verstehst Du das ? Würde gern mal den Rest des Artikels lesen.

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  7. Vielen Dank für diesen sehr aufschlussreichen Artikel ans uns Versuchsmäuse.
    Diese Probleme wurden schon vor etlicher Zeit beschrieben im INSULINER. Habe ich zum Glück gelesen und von diesen Geräten Abstand genommen. Auch, weil es sich eigentlich nicht um ein echtes CGM handelt und weil die Gefahr besteht, dass diese „Scheibe“ all meine Daten nach Hause schickt, d.h. in die USA.
    Darüber hinaus messen diese Dinger in einer „Brühe“ von Blut/Zellwasser gleich 1:32. So Dr. Theupe. Vielleicht sehe ich das aber auch zu schwarz.
    Ich kann den INSULINER nur empfehlen (keine Schleichwerbung).

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    • Moin Herbert, danke für den Tipp, den Insuliner kenne ich natürlich auch! 🙂 Also ich finde in der Tat, dass du das ein bisschen zu schwarz siehst. Das FSL hat schon enorme Vorteile gegenüber der BZ-Messung, finde ich. Man muss lernen, damit umzugehen und den zeitlichen Abstand einzukalkulieren. Da ich Hypos gut spüre, bin ich auf eine Alarmfunktion nicht zwingend angewiesen und vermisse sie daher auch nicht. Persönlich habe ich auch keine Probleme mit Hautreaktionen, toi toi toi… Aber ich finde es wichtig, dass man sich mit den kritischen Punkten (z. B. Hautreaktionen und Datenschutz) auseinandersetzt.

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