Süß, happy und fit

Von wegen zuckerkrank – ein Blog über glückliches Leben, leckere Ernährung und Sport mit Typ-1-Diabetes

Panikattacke auf der Köhlbrandbrücke – oder: Tiefkühl-LKW-Fahren und andere stressige Jobs nach der Diagnose Typ-1-Diabetes

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Ihr erinnert euch vielleicht an das Diabetestäschchen, das ich vom Diabetes-Barcamp mitgebracht hatte und für das ich keine Verwendung hatte. Ich habe es dem treuen Blogleser Thomas vermacht, der sich von allen Interessenten am schnellsten gemeldet hatte. Es gingen ein paar E-Mails hin und her, in denen sich herausstellte, dass Thomas einen Job hat, von dem einem bei Typ-1-Diabetes eigentlich dringend abgeraten wird. In einem Gastbeitrag erzählt er davon.

Hiermit erteile ich das Wort also Thomas alias @lowsugaralien!

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Die liebe Antje Thiel von @suesshappyfit hat mich also um einen Gastbeitrag gebeten. Ich denke zwar, es gibt nicht viel zu erzählen über einen Mann, der drölfzig Jobs in einer kleinen 4-Mann-Firma ausübt. Aber nun denn, ich gebe mein bestes um hier dem „journalistischen Standard“ gerecht zu werden. 🙂

ThomasLetztes Jahr, also 2016 am Pfingstmontag, wurde bei mir die Diagnose Diabetes mellitus Typ 1 im Bundeswehr Krankenhaus festgestellt. Dass ich Wochen und Monate schon vorher die bekannten Symptome hatte, hatte ich die natürlich gekonnt verdrängt (ich bin ja ein Mann) bzw. wusste damit nichts anzufangen (Jeanshose rutscht schon wieder von den Hüften, toll! Man Digga, du musst mehr essen!) Ich dachte eigentlich nur an ein Virus oder an eine Sommergrippe, bzw. ich bin überarbeitet. Mein inneres Ich hatte die häufigen nächtlichen Toilettenbesuche auf eine Wasserader in der neuen Wohnung geschoben. Im Kopf waren nur „Überarbeitung“ und zu viele „Probleme“.

Nach einem Meeting in der Firma überkamen mich auf dem Nachhauseweg Heißhunger und Gelüste der besonderen Art. Feinkost Albrecht auf der Elbinsel Wilhelmsburg musste herhalten: Ein 6er Pack Limettenlimonade, eine Packung mit 1,5 Litern Vanilleeis und diverse andere Sachen, also Süßes und frisches Obst, zuzüglich 4 Sechser-Packs Mineralwasser waren mein 2016-Pfingstfest-Überlebens-Päckchen. Und nein, ich gebe nicht zu, dass ich während des Einkaufes bei Aldi einmal auf die Kundentoilette musste. Das Überlebungspaket war allerdings schon am Samstagnachmittag aufgebraucht. Mineralwasser war schon alle, die Toilettenspülung war „heiß gelaufen“ und mein Befinden war der einer ausgeprägten Männergrippe ähnlich.

Nun, ich bin in einer kleinen aber feinen Hamburger Firma angestellt, die tiefgekühlte Backwaren an Tankstellen und Backshops verkauft und ausliefert. Also ein kleiner „großer“ Großhandel. Meine Jobbeschreibung gleicht eher dem gesamten XING-Netzwerk. Also vom Einkäufer über Auftragsbearbeiter, LKW-Disponenten bis hin zum LKW- und Staplerfahrer, aber auch Tiefkühl-Kommissionierer bei minus 30 Grad im Kühlhaus. Die IT-Abteilung habe ich auch unter mir, und all das mache ich mit Hingabe und sehr gerne.

Mir wurde nach der Diagnose im Diabeteszentrum nahegelegt, meinen Beruf aufzugeben und nur noch Bürotätigkeiten auszuführen. Das aber geht aber leider nicht in einer 4-Mann-Firma. Nachdem ich meine Jobbeschreibung abgegeben habe, in Verbindung mit meinem Tagebuch und diversen Einträgen, wurde mir mitgeteilt, dass ich mindestens ein Jahr brauche, um eingestellt werden zu können. Eine Pumpe kam sofort ins Gespräch, wurde aber auch gleich wieder verworfen, weil ich zu starken Temperaturschwankungen ausgesetzt bin und viel zu hektische und zu „enge Arbeitsabläufe“ habe (vollgepackte Sackkarre durch enge Türpfosten schieben, oder doch mal wieder 30 Minuten ohne Schutzkleidung im Tiefkühler oder Schockfroster abhängen)

Ich habe nach meinem Krankenhausaufenthalt und den ersten Besuch in meiner Diabetes-Praxis ein Verbot für „alles“ bekommen: LKW durfte ich nicht mehr fahren. Hochregalstapler – meiner reicht bis ins 3. Obergeschoss – durfte ich auch nicht mehr bedienen. Eigentlich durfte ich gar nix mehr, anfangs funktionierte es auch nicht, da ich mit den Augen noch nicht resettet war. Dieses musste ich auch in der Diabetes Praxis unterschreiben. Ein wenig kam ich mir vor wie „Kevin allein Zuhause“. Alles musste ich mir selber ertasten, erfühlen und ausprobieren.

Weil meine Sehschärfe sich sehr schnell wieder zurück in die Ausgangsposition verschob und ich bedingt durch Ausfälle in der Firma einspringen musste, habe ich einfach das getan, was wahrscheinlich jeder gemacht hätte. Die Werte sind instabil, aber irgendwie muss der Laden ja weiterlaufen. Durch eine einfache telefonische Rücksprache und der Erklärung, warum und wieso ich jetzt wieder fahren muss, bekam ich das „go to Drive“ unter Vorbehalt. Sprich: Sollte etwas passieren, stehe ich in der Alleinschuld. Ich musste aber nachmittags meine Blutzuckerwerte per E-Mail zur meiner Dia Praxis durchgeben. Außerdem hatte ich für ein paar Wochen WhatsApp-Support von meiner DiaFee. Ich habe also weder eine amtsärztliche Untersuchung gebraucht, noch musste ich zum MDK.

Da meine Arbeitszeit in eine Zeit fällt, in der andere Leidensgenossen mit Typ 1 erst ins Bett gehen, fällt für mich das nächtliche Messen aus, bzw. ich muss meinen „Morgengupf“ schon korrigieren. Da ich mit der Firma über das „modernste“ vernetzt bin, sehe ich also schon nach dem Aufstehen um 2:30 Uhr auf dem smarten Telefon, was los ist. Fahrer hat sich krankgemeldet! Ich muss also gleich auf den Bock! 12 neue Bestellungen!!! Nachpacken bei minus 30 Grad. Schnell schnell, ohne Schutzkleidung… das passt schon! Zack! Augenbrauen durch Kondenswasser gefroren. Die XXX-Tankstelle benötigt bis 4:30 Uhr 325 Franzbrötchen-Teiglinge und 800 Schrippen. Und schwups, STRESS! Ohne KH/BE nur mit schwarzem Kaffee in den Morgengupf springen.

Libre-Verlauf

Bestes Beispiel einer stressigen Nachtschicht

Ich muss an manchen Tagen meine Tätigkeiten ohne Vorbereitung durch KH/BE oder Insulin innerhalb von 5 Minuten switchen können. Dabei kommen dann Verläufe von von 108 mg/dl (hey… perfekt) bis 330 mg/dl innerhalb von 78 Minuten (hier bitte das englische Schimpfwort mit F einfügen) heraus. In den ersten Monaten der Einstellungsphase klappte es natürlich auch bedingt durch mein spontanes Job-Gehoppele nichts so richtig. Zwei Stunden in der Kälte arbeiten, zack Unterzucker. Schnell einen Sattelzug abladen, ca. 8.000 Schritte, zack Unterzucker. Schnell in der Nacht ein paar Kunden nachpacken und verladen, zack Überzucker.

Rückspiegel

Die Hamburger Köhlbrandbrücke im Rückspiegel

Und so verlief meine erste LKW- Fahrt nach Monaten, nach einem „Noteinsatz“ in der Nacht: Thomas aka @lowsugaralien allein in der Firma, Chefetage im Urlaub, es folgte nach der Beladung mit Temperatursturz bei -30 Grad in der Nacht eine Hypo während der LKW-Fahrt, mitten auf der Auffahrt zur Köhlbrandbrücke, also quasi das letzte Teilstück bis zur Mitte der Köhlbrandbrücke zur A7, in der Nacht, klare Sicht, keine Stand-Pannen-Spur. Für Touristem wäre der Ausblick auf das nächtliche Hamburg etwas wert gewesen, für mich war es etwas, das ich nicht noch einmal erleben möchte. Das Korrektur-Insulin wirkte zu schnell und war damals wahrscheinlich zu hoch im Faktor dosiert. Der Blick auf das FreeStyle Libre zeigte LO. Mein Thermo-Unterzieh-Shirt sagte mir, dass mein Deo versagt hatte. Zittern, schwitzen, und ein sehr, sehr komisches Gefühl – ihr kennt das! Panikroom ist ein Schxxxdreck dagegen! Mein Twittername sollte nach diesem Erlebnis eigentlich „der nachts mit Warnblinker auf der Köhlbrandbrücke im Freihafen steht und tanzt“ lauten, doch das ging aber aus Platz- und rechtlichen Gründen nicht.

Scherz beiseite – das ist ein Gefühl, das ich keinem wünsche! Mit der Polizei als Fahrer und einem Streifenwagen als Begleitschutz runtergeführt zu werden, ist nun einmal nicht das, was man in seinem Lebenslauf erwähnen sollte. Übrigens habe ich mich damals spontan entschieden, gegenüber der Polizei ein akutes Kreislaufproblem anzugeben, da ich ja wusste, was mir blüht, hätte ich eine Unterzuckerung preisgegeben. Dies ist natürlich ein Betrug, nicht nur an sich selber, sondern auch an die Staatsdiener, aber in diesem Fall wollte ich meinen Führerschein nicht aufs Spiel setzen. Bitte nicht nachmachen! Fahrzeuge lenken, wie in diesem Fall, ist mit niedrigen und instabilen Werten sowieso verboten. Denkt an die Verantwortung, die ihr habt, egal ob PKW, LKW oder Stapler!

Temperaturanzeige

Die Temperatur im Laderaum beträgt -35 Grad. Beim ersten Kunden die Luft anhalten, sonst gefriert die Lunge 😉

Seit anderthalb Jahren bin ich nun 24/7 Typ-1-Diabetiker. Mittlerweile fahre ich relativ gut eingestellt. Ich habe eine Bananen-Flatrate abgeschlossen (monatlich kündbar). LKW Fahren klappt ganz hervorragend. Witzigerweise muss ich jetzt bei voll beladenen LKW pro Tour mindestens 6 Bananen oder 3 Scheiben Schwarzbrot dabeihaben um nicht abzurutschen bzw. in eine Hypo zu kommen, denn nicht jeder LKW- Fahrtag ist gleich. Durch die starke körperliche Bewegung bekomme ich immer noch trotz Korrektur zu hohe Werte, sobald ich 10 bis 20 Minuten Fahrstrecke hinter mir habe. Fahren bei 130mg/dl, Abladen und laufen, schwups wieder 210mg/dl. Ich fahre auch lieber mit zu hohen Werten als im Zielbereich, denn auf der Ladefläche habe ich auch einen Bereich mit -30 Grad. Durch tektonische Kälte (siehe Foto unten) habe ich zur nächsten Kundenfahrt wieder meinen – Bereich von -25-30 Grad Soll erreicht.

Lagerrfläche

Riesige Kühl Akkus an der Decke montiert, halten die Temperatur im zweistelligen    Minusbereich. Wer einen Kühlpack von Zuhause schon mal länger in der Hand gehalten hat, weiß, dass es irgendwann unangenehm wird. So ungefähr fühlt es sich an, wenn man beim Kunden die Kartons zum Ausliefern zusammenpackt. Also, seht Ihr einen Kühl-LKW in der Stadt, dann habt Mitleid mit ihm, auch wenn er die zweite Reihe auf der Hauptstraße aufgemacht hat. 😉

Extreme Temperaturschwankungen von +21 bis runter auf -30 Grad machen meinem Blutzuckerspiegel immer noch zu schaffen. Innerhalb von 25 Minuten kann ich da um 50-80 mg/dl abrutschen. Es gibt leider manchmal Tage, da vertrage ich den Temperatursturz im LKW beim Abladen nicht so gut und schmiere dann beim Kunden direkt am Tresen ab. Ist praktisch, weil ich mir dann immer leckere Süßigkeiten vom Kiosktresen aussuchen kann. Ich korrigiere erst ab 220mg/dl, wenn der Zucker länger als 2 Stunden trotz Bewegung und körperliche Arbeit stabil bleibt, weil ich mittlerweile ganz genau weiß, dass 10 Minuten nach Feierabend – Stresslevel gemeistert – mein Blutzucker automatisch ohne Insulin wieder runter geht, meistens jedenfalls.

Ansonsten hab ich den ganzen Stress und das, was ich früher vor der Diagnose gemacht habe, wieder voll unter Kontrolle. Also… alles geht. Auch mit Typ-1-Diabetes. Ich hoffe, mein Gastbeitrag wird positiv aufgenommen und stärkt alle neuen Typ-1er, die auch „verrückte Tätigkeiten“ haben. Viele Grüße an alle aus der Community, der dedoc-Gemeinde und der Bloodsugarlounge – Euer Thomas bzw. @lowsugaralien

 

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