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Hallo Burnout: Wie Diabetesberaterinnen besser mit den psychischen Belastungen ihrer Arbeit umgehen können

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Wer einen Gesundheitsberuf ergreift, verspürt meist den innigen Wunsch, anderen Menschen zu helfen. So geht es auch Diabetesberaterinnen. Doch nicht alle Patientinnen und Patienten lassen sich immer so bereitwillig helfen, wie die Leitlinien es vorsehen. Und dann machen sich schnell Frust und Überforderung breit.

Es war eine der allerletzten Sitzungen der Herbsttagung der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) im November 2019. Und obwohl sich wohl alle schon auf die Heimreise und ein entspanntes Restwochenende freuten, war diese Sitzung rappelvoll. Offenbar fühlten sich viele angesprochen von den Themen Selbstfürsorge bei medizinischem Personal und Teufelkreise in der Kommunikation mit Patientinnen und Patienten.

Es lässt sich nicht leugnen: Wenn wir als Menschen mit Diabetes eine schlechte Phase haben und die Empfehlungen unserer Diabetesprofis ignorieren, dann ist das für unsere Diadocs und Diabetesberaterinnen auch nicht immer leicht wegzustecken. Wie der Psychologe und Diabetes-Experte Prof. Bernhard Kulzer (Bad Mergentheim) berichtete, zählen Angehörige der sozialen und helfenden Berufe zu den Berufsgruppen mit den höchsten Burnout-Raten: „In diesen Jobs kommt man anderen Menschen sehr nahe, und damit steigt die Gefahr, dass man deren Probleme mit nach Hause nimmt.“

„Der Pilot muss überleben – lessons from the front“

Seine Hamburger Kollegin, die Psychodiabetologin Susan Clever, behandelt neben Menschen mit Diabetes deshalb auch immer wieder auch Mitglieder von Diabetesteams, die sich im Job überfordert und ausgebrannt fühlen. Ihnen war der ebenso kurzweilige wie aufschlussreiche Vortrag „Der Pilot muss überleben – lessons from the front“ gewidmet. Darin präsentierte Clever neun Leitsätze, die Diabetesprofis den Umgang mit Patienten erleichtern können. Ich bin ohnehin ein großer Fan von Susan Clever, die immer eine wunderbar plastische und gleichzeitig humorvolle Art hat, psychologiche Phänomene auf den Punkt zu bringen. Ich habe hier zum Beispiel schon mal über einen Vortrag von ihr geschrieben, in dem sie sehr anschaulich und eindringlich die psychosozialen Folgen von Hyperglykämien geschildert hat. Der Vortrag bei der DDG-Herbsttagung ließ mich nachdenklich zurück: Nicht nur wir Menschen mit Diabetes haben offenbar ein erhöhtes Risiko für Depressionen oder Burnout, sondern auch die Menschen in den Praxen, die uns mit unserer Erkrankung begleiten. Die neun Tipps von Susan Clever zeichneten darüber hinaus auch ein interessantes Bild davon, wie medizinische Fachkräfte ihren Job verstehen – und wie sich das zum Teil von unseren Erwartungen an unsere Diabetespraxis unterscheidet.

  1. Menschen mögen weder „abgeholt“ noch „laufen gelassen“ werden. Susan Clever hat beobachtet, dass Diadocs und Diabetesberaterinnen oft nach Tipps und Tricks suchen, wie sie ihre Patienten „knacken“ und damit zu einem anderen Verhalten bewegen können: „Dabei wollen Patienten meist nirgendwo anders hin und wünschen sich erst einmal jemanden, der sich neben sie setzt.“ Ich finde die Begriffe „abholen“ und „laufen lassen“ auch aus sprachlicher Sicht sehr interessant. Wer tatsächlich in diesen Bildern über seine Arbeit denkt, kann im Umgang mit Menschen mit chronischen Erkrankungen vermutlich nur frustriert werden. Denn die wenigsten Menschen lassen sich bereitwillig wie Hunde an der langen oder kurzen Leine ausführen. Das gehört unbedingt auch in meine Liste der Wörter und Begriffe, die man in der Diabetestherapie besser vermeiden sollte.
  2. Je absurder der Auftrag, desto gruseliger der Beratungsprozess. Die Psychologin berichtete, dass Patientinnen und Patienten manchmal mit völlig absurden Erwartungen von der Hausarztpraxis in die Diabetespraxis überwiesen werden: „Wenn der Auftrag lautet ‚Der wiegt 130 Kilo, bitte dringend verschlanken!’, dann kann es nur gruselig werden“, erklärte Clever. Na klar, denn offenbar hat in diesem Szenario niemand den betroffenen Menschen selbst mal gefragt, was er oder sie eigentlich möchte – und was er oder sie hierfür in der Lage ist zu tun.
  3. Die Frage „Wie geht es Ihnen?“ kann der Anfang einer sehr langen, unglücklichen Beziehung sein. Manche Menschen bringt eine solche offene Frage ins Reden. Sie freuen sich, dass die Diabetesberaterin zuhört – auch wenn sie überhaupt nicht über ihren Diabetes sprechen. „So etwas ufert schnell aus zu einer hobbypsychologischen Sitzung“, warnte Clever. Ihr Tipp: gleich zu Beginn des Termins vereinbaren, über was heute gesprochen werden soll – und den Patienten daran erinnern, wenn er vom Thema abschweift. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass es Patientinnen und Patienten gibt, die sonst niemanden zum Reden haben und in der Diabetespraxis dann einfach mal alles abladen, das ihnen gerade auf dem Herzen liegt. Zielführend ist das sicherlich für beide Seiten nicht. Obwohl ich selbst keine Diabetesberaterin bin, habe ich mir diesen Kommunikations-Kniff auch gleich mal gemerkt. Könnte mir vielleicht nützlich werden, wenn ich als Journalistin Menschen interviewe, die lieber zum weltpolitischen Rundumschlag ausholen als auf meine Fragen zu antworten.
  4. „Motivieren“ ist wissenschaftlich betrachtet Unsinn und verschwendet Zeit. In medizinisch-wissenschaftlichen Leitlinien (zum Beispiel in der Nationalen Versorgungsleitlinie der DDG, Seite 42) stolpert man zwar ständig über die Aussage, dass Menschen mit Diabetes zu einem gesünderen Lebensstil motiviert werden sollen, doch laut Susan Clever gibt es keinen wissenschaftlichen Nachweis dafür, dass Menschen andere motivieren können. „Niemand kann erklären, was das auf Verhaltensebene bedeutet. Es funktioniert nicht, lassen Sie es also einfach bleiben“, riet Clever. „Natürlich gibt es Eigenmotivation. Doch man kann nicht durch bestimmte Techniken Menschen zu etwas motivieren, das sie nicht wollen.“ Das fand ich wirklich interessant. Ich hatte diesen Teil der Leitlinien bislang nie bewusst in Frage gestellt. Doch ich weiß aus meinem eigenen Erfahrungshorizont natürlich auch, dass ich niemals andere Menschen motivieren kann, dies oder jenes zu tun – was auch immer das wünschenswerte Verhalten ist, muss der Wunsch in dem Betroffenen selbst reifen. Das lässt sich nicht von außen aufdrücken, den Stress kann man sich wirklich sparen.
  5. Wenn Sie die Rückenlehne Ihres Stuhls nicht spüren, ist es meist ein schlechtes Zeichen. „Wenn man sich nach vorn beugt, um dem Patienten besser zuzuhören, nimmt das Gespräch selten einen guten Verlauf“, so Susan Clevers persönliche Beobachtung. Ihr Rat: zurücklehnen und eine entspannte Körperhaltung einnehmen. Das werde ich bei schwierigen Gesprächen auch mal im Hinterkopf behalten – vielleicht wirkt sich die Körperhaltung tatsächlich auch auf meine Haltung zu dem konkreten Problem aus?
  6. „Engmaschiges Einbestellen“ ist nur sinnvoll bei der Umstellung auf eine neue Therapie. Ein junger Mann, der seinen Typ-1-Diabetes mangels Interesse gerade schleifen lasse, werde kaum stabilere Glukosewerte aufweisen, nur weil er häufiger in der Praxis erscheinen muss, meinte die Psychologin. Wenn man es so schön auf den Punkt bringt, erscheint das absolut logisch. Und doch ist es in vielen Diabetespraxen offenbar üblich, Menschen mit Diabetes häufiger „einzubestellen“, wenn es bei ihnen gerade nicht rund läuft. Dabei müsste man wohl eher etwas an den Beratungsinhalten und nicht zwingend an der Beratungsfrequenz ändern, oder? Jedenfalls ein überflüssiger Stressfaktor für das Praxispersonal, das kann ich mit gut vorstellen.
  7. Patienten lügen aus Angst und Liebe. „Wenn Patienten lügen, dann gelingt ihnen der gewünschte Therapieschritt nicht, sie wollen aber ihre Beziehung zu Ihnen nicht aufs Spiel setzen“, sagte Susan Clever. Meist reagieren Diadocs oder Diabetesberaterinnen eher ungehalten, wenn ihnen auffällt, dass sich jemand erst kurz vor dem Termin in der Praxis hingesetzt und sein Blutzuckertagebuch gefälscht hat. Das ist sogar verständlich, denn aus gefälschten Werten kann man keine vernünftigen Therapieempfehlungen ableiten. Doch die Psychologin empfahl dem Publikum trotzdem, einmal die Perspektive zu wechseln: „Wenn jemand mit so viel Mühe sein Blutzuckertagebuch fälscht, dann ist das kein Verrat, sondern ein Liebesbeweis.“ Also lieber nicht böse sein, sondern wertfrei besprechen, warum das Führen eines Tagebuchs so schwerfällt.
  8. Die tatsächlichen Ressourcen des Patienten sind kleiner als die gefühlten. Diabetesprofis neigen häufig dazu, die Möglichkeiten ihrer Patienten zu überschätzen. „Insbesondere wenn uns jemand sympathisch ist, glauben wir gern, dass dieser Mensch ganz bestimmt unsere Ratschläge beherzigen wird“, sagte Susan Clever. Die eigenen Erwartungen herunterzuschrauben könne vor Enttäuschungen schützen. Auch diesen Aspekt fand ich sehr interessant, nicht nur in Bezug auf den Diabetes. Ganz sicher trifft er auch auf das Verhältnis vieler Eltern zu ihren Kindern zu, oder auf Liebesbeziehungen.
  9. Einige Probleme sind nicht lösbar. „Ein Gefühl von Hilflosigkeit ist ein wichtiger diagnostischer Hinweis“, erklärte Clever, „und wenn Sie sich hilflos fühlen, liegt es nicht an mangelnder Kompetenz, sondern daran, dass auch der Patient hilflos ist.“ Dieser Punkt ist für einen Menschen, der einen helfenden Beruf ergriffen hat, vermutlich besonders schwer zu beherzigen. Doch auch in unserer allgemeinen Umgebung begegnen wir immer wieder Menschen, deren Probleme sich schlicht nicht von uns lösen lassen. Sich das einzugestehen, kann sehr befreiend sein.

Vielleicht konntet ihr ja auch ein paar Aha-Gedanken mitnehmen. Bei der DDG-Herbsttagung war im Publikum anhand der verstohlenen Lacher und betretenen Schweigemomente jedenfalls zu spüren, dass Susan Clever mit ihren neun Punkten für weniger belastende Kommunikation einen Nerv getroffen hatte. Ich hoffe jedenfalls sehr, dass die Anwesenden sich diese Tipps zu Herzen genommen haben – denn wenn Diadocs und Diabetesberaterinnen reihenweise ausbrennen, ist das für alle Beteiligten katastrophal.

 

 

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