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Von wegen zuckerkrank – ein Blog über glückliches Leben, leckere Ernährung und Sport mit Typ-1-Diabetes

Prävention per Knopfdruck: „Wasser zu trinken muss ein ganz normales Ritual werden“

2 Kommentare

 

In der aktuellen Ausgabe der Diabetes Zeitung der DDG ist ein Artikel von mir über ein schönes Präventionsprojekt in Schleswig-Holstein erschienen, von dem ich  mir wünsche, dass es bundesweit Nachahmer findet. Wenn in Schulen Wasserspender an zentralen Orten für die Kinder zur Verfügung stehen, dann gewöhnen sie sich leichter daran, Wasser statt zuckerhaltige Getränke zu trinken. Hier der Artikel in voller Länge.

Lübeck. Zuckerhaltige Limonaden und Säfte meiden, lieber Wasser trinken. Übergewicht und Stoffwechselstörungen bei Kindern und Jugendlichen lassen sich mit recht simplen Mitteln vorbeugen. Weil es aber doch nicht ganz so einfach ist, engagiert sich der Lübecker Diabetologe Prof. Morten Schütt dafür, dass an Schulen in Schleswig-Holstein frei zugängliche Zapfanlagen für Trinkwasser installiert werden.

„Der unkritische Konsum zuckerhaltiger Getränke hat in den vergangenen Jahren drastisch zugenommen“, berichtet Prof. Schütt. Dabei geht es ihm nicht nur um Cola und Fanta, sondern auch um den Fruchtzucker in Säften und Smoothies. „Viele Menschen glauben, dass der regelmäßige Konsum von Smoothies aus Obst gesund sei. Dabei enthalten vor allem fertig zubereitete Säfte und Smoothies sehr viel Zucker.“

Frühzeitige Herzinfarkte und Übergewicht häufen sich

Die Auswirkungen des übermäßigen Zuckerkonsums kann Prof. Schütt in seiner Praxis beobachten: „Wir sehen immer mehr junge Patienten, die bereits als 20- bis 30-jährige alle Facetten eines Typ-2-Diabetes und damit auch ein erhöhtes Risiko für Herzinfarkte und Schlaganfälle aufweisen. Dabei muss diese Altersgruppe in einer Gesellschaft, der ohnehin die jungen Menschen ausgehen, doch fit sein!“ Fit durch mehr Bewegung, gesunde Ernährung, mehr Wasser anstelle von zuckerhaltigen Getränken – klassische Präventionsansätze.

Prävention ist allerdings oft ein mühseliges Geschäft: Politik und Behörden schreiben sie sich nur allzu gern auf die Fahnen – doch wenn es um die Finanzierung konkreter Projekte geht, fühlt sich niemand mehr verantwortlich. In Schleswig-Holstein sind die Voraussetzungen für das Gelingen von Präventionsmaßnahmen immerhin besser als anderswo: „Wir haben bislang als einziges Bundesland seit vielen Jahren eine AG Diabetes, die direkt am Sozialministerium angesiedelt ist“, erklärt Prof. Schütt.

Im Dialog bleiben – Präventionsprojekte fördern

In dieser AG passiert genau das, was WHO und IDF immer fordern: Da sitzen u. a. Mitarbeiter des Ministeriums, Ärzte, KV-Vertreter, Kassen, Apotheker, der MDK und Patientenvertreter an einem Tisch, versuchen einander zu verstehen und tauschen sich darüber aus, wie man gemeinsam Prävention vorantreiben kann. Prof. Schütt ist davon überzeugt, dass eine solche AG mehr bewirken kann als rein ärztliche Initiativen: „Politiker akzeptieren Meinungen eher, wenn sie nicht nur von Ärzten kommen, sondern von einem interdisziplinären Gremium artikuliert werden.“

Prof. Schütt versucht daher, die Vielfalt der AG zu nutzen und die Weichen für die Finanzierung sinnvoller Förderprojekte zu stellen. Ein besonderes Anliegen ist ihm dabei die Ausstattung von Schulen mit Wasserspendern, damit jederzeit kostenlos Trinkwasser für die Schülerinnen und Schüler zur Verfügung steht und sich die Kinder frühzeitig gewöhnen, Wasser anstelle zuckerhaltiger Limonaden zu trinken.

„Es bringt schließlich nichts, Kindern zu sagen, dass sie ja auf der Schultoilette den Kopf unter den Wasserhahn halten können“, meint Prof. Schütt. „sie müssen lernen, Wasser wertzuschätzen und Wassertrinken als Ritual etablieren. Das funktioniert nur, wenn Wasser eine attraktive Konkurrenz zu süßen Getränken ist und an einem schönen, zentralen Ort in der Schule angeboten wird.“

Bereits vier Schulen profitieren von dem Trinkwasser-Projekt

Solche zentralen Orte gibt es auf Initiative von Prof. Schütt und dank verschiedener Sponsoren mittlerweile an drei großen Schulen in Timmendorf sowie einer weiteren Schule in Travemünde. Dort können die Schülerinnen und Schüler an einem Wasserspender beliebig oft Wasser mit oder ohne Kohlensäure in mitgebrachte Flaschen zapfen. Auch eine Schule in Lübeck soll demnächst mit einem Wasserspender ausgestattet werden.

Neben der Finanzierung gab es auch bürokratische Hürden zu überwinden: „Wir haben lange mit dem Wasserbeauftragten von Schleswig-Holstein zusammengesessen, denn ein öffentlich in einer Schule installierter Trinkbrunnen braucht ein Hygienezertifikat und muss bestimmte Sicherheitsanforderungen erfüllen.“ Schnell sollte das Zapfen außerdem gehen, damit sich in den Unterrichtspausen keine langen Schlangen vor dem Trinkbrunnen bilden. Letztlich gab es auf dem deutschen Markt nur einen einzigen Hersteller, der alle Anforderungen erfüllte.

Bei den Eltern stieß das Projekt dennoch nicht nur auf Begeisterung: „Manche hatten Fragen zur Trinkwasserqualität, andere wollten ihren Kindern gern weiterhin erlauben, auch in der Schule Limonade zu trinken“, berichtet Prof. Schütt. An der Travemünder Schule lief es daher auf einen Kompromiss hinaus: Bis 11 Uhr darf nur Wasser getrunken werden, danach sind auch andere Getränke erlaubt. Die Kinder sind allerdings auch ganztägig begeistert von dem neuen Angebot – und freuen sich als Nebeneffekt auch darüber, dass ihre Schulranzen nun deutlich leichter sind als zuvor.

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Unter folgenden Links findet man übrigens auch Berichte in der Lokalpresse über das Projekt: Wochenspiegel, LN Online, Timmendorfer Strand.org, Oha-Aktuell.

Und hier findet man den Bericht der Landesregierung SH über das Engagement der besagten AG Diabetes.

2 Kommentare zu “Prävention per Knopfdruck: „Wasser zu trinken muss ein ganz normales Ritual werden“

  1. Das Thema ist sowas von wichtig, das es mich sehr freut, das Du in deinem Blog einen Artikel darüber geschrieben hast. Ich hoffe, dass ganz viele Leute das Lesen. Ich selber habe auch drei Kinder und die zu animieren was zu trinken ist gerade bei den Mädels echt schwer manchmal. Mittlerweile ist es so, das Zuckerhaltige Getränke seit Jahren keine Existenz mehr in unserem Haus haben. Bei uns gibt es Wasser und Tee zu trinken und das aus Glasflaschen, was ich auch ganz wichtig finde !
    Mittlerweile haben wir Eltern auch in der Schule durchgesetzt, dass es zum Mittag keine Cola oder Zuckergetränke gibt sondern eben Wasser! Ich kann sagen, das meine Kinder und natürlich auch wir als Eltern gesund und sportlich durch die Welt gehen und immer kritischer darauf achten, was wir essen und trinken. Leider ist das aber nicht der Schnitt und es tut mir im Herzen weh, wenn ich sehe was Eltern Ihren Kindern mit zu trinken geben!

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  2. An meiner alten Schule (Rheinland-Pfalz) gab es auch einen Trinkwasserspender. Danach leider nie wieder gesehen, trotz Anregungen in der Uni für Mensa & Co. An einer Schule, an der ich unterrichte, wird Mittags nur Sprudel/Selter und Leitungswasser ausgegeben. Manchmal gibt es in Städten auch sogenannte „Refill“-Stationen, an denen man die Trinkflasche kostenfrei auffüllen kann. Unabhängig von deinen genannten Punkten halte ich so etwas auch für sinnvoll, um nicht ständig auf Kiosk und damit auch Nestlé und Co angewiesen zu sein – obwohl hier überall gutes Trinkwasser ist.

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