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Von wegen zuckerkrank – ein Blog über glückliches Leben, leckere Ernährung und Sport mit Typ-1-Diabetes

Diabetes-Blog-Woche: Wenn beim Diabetes-Marathon der „Mann mit dem Hammer“ an der Ecke lauert

2 Kommentare

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Es gibt gesundheitliche Probleme, die gleichen einem Sprint: volle Kraft voraus, dann ist es auch bald wieder vorbei. Ein gebrochener Arm zählt dazu, oder eine Wurzelbehandlung beim Zahnarzt. Augen zu und durch. Und dann gibt es chronische Erkrankungen wie den Diabetes, die eher an einen Marathon erinnern. Und wie beim Marathonlaufen, taucht irgendwann auch einmal der berüchtigte „Mann mit dem Hammer“ auf.

Ich bin noch nie einen Marathon gelaufen, doch ich kenne das Phänomen „Mann mit dem Hammer“ aus Erzählungen von Marathonis zur Genüge: Auf einmal fehlt jegliche mentale und körperliche Kraft, und das Weiterlaufen kostet unendliche Überwindung. Je nach Trainingsstand erwischt es den Läufer früher oder später, bei perfekten Bedingungen vielleicht auch mal gar nicht. Aber die Angst vor dem Mann mit dem Hammer läuft immer ein bisschen mit.

Das Leben mit Diabetes ähnelt einem Marathonlauf, bis auf dass man leider nie im Ziel eintrifft. Wenn es gut läuft, trabt man locker vor sich hin, gerät vielleicht sogar in eine Art „Flow“, bei dem einem alles ohne große Anstrengung von der Hand geht und sich einfügt ins kosmische Ganze. Schöne Glukoseverläufe können einem sogar eine Art „Runner’s High“… pardon… „diabetisches Hochgefühl“ verschaffen (der Begriff „High“ ist bei unsereins ja leider anderweitig belegt), vor allem wenn begeisterte Supporter am Streckenrand stehen und einen anfeuern.

Irgendwann schwinden die Kräfte, sinkt der Mut

Doch wie beim Laufen auch währt so ein Flow nicht ewig. Irgendwann schwinden die Kräfte, sinkt der Mut, fehlt das Licht am Ende des Tunnels. Es erfordert manchmal enorm viel Willensstärke und Durchhaltevermögen, in einer solchen Situation nicht den Kopf hängen zu lassen und weiterzumachen. Weiter mit den ständigen Glukosemessungen, mit der ewigen Rechnerei, mit der Insulindosierung, mit den Korrekturen, mit den Erklärungen für Außenstehende, mit den Arztterminen, mit dem Kampf gegen Hypos und hohe Werte…

Ein paar Streifschüsse vom Mann mit dem Hammer habe ich auch kassiert

Ich persönlich kann von Glück sagen, dass der Mann mit dem Hammer mich bislang nie richtig fest erwischt hat. Vielleicht liegt es daran, dass ich mich generell recht gut auf neue Situationen einstellen und die dazugehörigen Regeln akzeptieren kann. Vermutlich spielt es auch eine Rolle, dass mein Diabetes sich vergleichsweise selten komplett unmöglich gebärdet. Ganz sicher hilft es, dass ich dank meiner glücklichen Ehe, meiner tollen Familie, meines bunten Freundeskreises, meines abwechslungsreichen Jobs und meines guten Einkommens insgesamt wenig Anlass für Sorgen und Ängste habe, dass ich emotional stabil und meist auch recht belastbar bin. Und ganz bestimmt lasse ich (um wieder zu meinem Marathon-Bild zurückzukehren) mein Training nur selten schleifen. All das hilft ungemein. Aber ein paar Streifschüsse vom Mann mit dem Hammer habe ich im Laufe der gut acht Jahre mit meinem Diabetes natürlich auch kassiert. Und zwar immer dann, wenn mir wirklich in erschreckender Deutlichkeit zwei Dinge bewusst wurden: Mein Körper ist an einer wichtigen Stelle ernstlich defekt, und zwar für immer.

Ich war immer unabhängig und sehr stolz darauf

Es fällt mir nicht leicht zu akzeptieren, dass meine Bauchspeicheldrüse mich im Stich gelassen hat und ich deswegen manchmal nicht mehr voll leistungsfähig bin, manchmal Rücksichtnahme und vielleicht sogar Hilfe von anderen benötige. Dass dieser Defekt auf lange Sicht möglicherweise zu Folgeerkrankungen führen kann, die mich sogar dauerhaft in meiner Leistungsfähigkeit einschränken, mich zum Pflegefall machen. Ich, die ich immer so viel Wert auf meine Unabhängigkeit lege! Die viele Jahre als alleinerziehende berufstätige Mutter ihr Kind großgezogen hat, ohne in die Armutsfalle zu rutschen wie so viele alleinerziehende Mütter. Die immer ihr eigenes Geld verdient hat und sich als Selbstständige ihren Namen gemacht hat. Die auf niemanden angewiesen ist, sondern alles allein gewuppt bekommt. Auf einmal: irgendwie latent hilfebedürftig.

Worauf kann ich mich diesem Mängelexemplar von Körper überhaupt verlassen?

Unmittelbar nach der Diagnose war ich deshalb unglaublich enttäuscht von meinem Körper, hatte mein Vertrauen in ihn verloren. Ganz ähnlich erging es mir, als im vergangenen Jahr zusätzlich zu meinem Typ-1-Diabetes eine Schilddrüsenerkrankung festgestellt wurde, die irgendwann einmal wohl in einen Hashimoto münden wird. Welches Organ verlässt mich als nächstes? Wann schlägt mein Immunsystem wieder zu und knüpft sich Nerven-, Muskel- oder sonstige Zellen vor? Was soll der Scheiß? Worauf kann ich mich mit einem solchen Mängelexemplar von Körper überhaupt verlassen? Mir hat dann noch immer der Sport geholfen, das Vertrauen in meinen Körper zurückzugewinnen. Es müssen keine sportlichen Höchstleistungen sein – doch wenn ich spüre, dass meine Beine problemlos mehrere Kilometer am Stück laufen, dass meine Arme mich beim Schwimmen kraftvoll durchs Wasser ziehen, dass meine Lunge und mein Herz meinen Körper eifrig mit allem versorgen können, was er für diese Leistungen braucht, dann geht es mir gleich viel besser und ich hadere nicht mehr ganz so sehr mit meinem Schicksal.

Mein Typ-Eins hat nicht romantisch um meine Hand angehalten

Doch dann wäre da noch die Sache mit dem „für immer“. Wer von euch verheiratet ist, der kennt vermutlich das Gefühl, dass man selbst bei der schönsten Entscheidung seines Lebens für einen kurzen Moment ein bisschen schlucken muss: „Wirklich für immer? Uff! Das ist… sehr lang!“ Nun, anders als für den Liebsten hat sich niemand rosarot verliebt für den Diabetes entschieden. Ich zumindest kenne niemanden, vor dem ein gutaussehender Typ-Eins auf die Knie gefallen wäre und vielleicht sogar mit der Unterstützung von ein paar Karat Edelmetall und Brillanten um die Hand angehalten hätte. Der Diabetes ist ein ungebetener Dauergast, der nicht einmal etwas mitbringt, das man zur Not im Pfandleihhaus zu Geld machen könnte. Da wiegt das ohnehin schon kaum vorstellbare „für immer“ umso schwerer.

Nicht einmal für meine Hochzeitsreise habe ich Urlaub vom Diabetes bekommen

Mir ist dieses „für immer“ endgültig erst gutes Jahr nach meiner Diagnose in vollem Umfang klargeworden. Und zwar bezeichnenderweise während meiner Hochzeitsreise. Christoph und ich waren ein paar Wochen nach unserem wunderschönen Hochzeitsfest für ein paar Tage nach Amsterdam gereist. Alles war schön, wir stratzten durch die Straßen, futterten lecker in einem Restaurant. Und auf einmal maß ich nach dem Essen einen Wert, der höher war als ich vorhergesehen hatte, wenngleich nicht einmal furchtbar hoch. In diesem Moment erwischte es mich wie eine Faust in die Magengrube: „Du kriegst einfach nie Urlaub vom Diabetes, nicht mal auf deiner Hochzeitsreise!“ Das war eine wirklich schlimme Erkenntnis, denn da hatte ich erst so richtig kapiert, was „für immer“ beim Diabetes bedeutet.

„Für immer“ heißt auch: Toll, es kann noch sehr lange so weitergehen!

In solchen bösen Momenten tröstet es mich ein bisschen daran zu denken, dass es letztlich viele Dinge gibt, die mich dauerhaft begleiten und die ich hinnehme, weil sie nun einmal nicht zu ändern sind. Meine Kurzsichtigkeit (inzwischen sogar ergänzt durch Altersweitsichtigkeit und Gleitsichtbrille), meine Neurodermitis oder meinen Tinnitus. Sie sind halt da, nerven manchmal und fügen sich ansonsten irgendwie in meinen Alltag. Es ist so wie es ist, und damit zu hadern führt zu nichts. Ein wenig Hoffnung kann ich auch schöpfen, indem ich mir vor Augen halte, dass dieses „für immer“ schließlich auch bedeutet, dass ich dank Insulin und guter Therapiemethoden noch eine ziemlich lange Lebenszeit vor mir habe. Vor hundert Jahren, als die Lebenserwartung eines frisch diagnostizierten Typ-1-Diabetikers nur ein paar Monate betrug, wäre „für immer“ wohl kaum eine angemessene Bezeichnung gewesen.

Ein Mutmach-Buch für alle, die der Mann mit dem Hammer gerade erwischt hat

Es ist also alles immer eine Frage der Perspektive. Und genau deshalb finde ich es auch in meinem Beruf ungeheuer spannend, mich mit den Blickwinkeln anderer Menschen auf ihren Diabetes oder denen ihrer Angehörigen zu beschäftigen. Menschen mit Diabetes zu interviewen und herauszufinden, womit sie hadern, woran sie verzweifeln, woraus sie Kraft schöpfen, worauf sie stolz sind. Thiel_In guten wie in schlechten Werten_webWie zum Beispiel in meinem Buch (hahaha, jetzt habe ich euch aber geschickt mitten in einen Werbeblock gelotst! 🙂 ) „In guten wie in schlechten Werten“, für das ich 15 Familien und Paare in ganz Deutschland besucht und ihre Geschichten aufgeschrieben habe. Ich habe es ein Mutmach-Buch genannt und hoffe, dass es dem einen oder anderen ein paar schöne Impulse geben kann, der gerade vom Mann mit dem Hammer böse erwischt wurde.


Wow, da habe ich mal wieder eine Menge Wörter zusammengeschrieben. Morgen werden es weniger, denn da geht es in der Diabetes-Blog-Woche um Bilder: Es ist Foto-Freitag. Ein Artikel ohne Worte mit Fotos und Interpretationen zu folgenden Aussagen:

  • Der Diabetes macht Urlaub
  • Dating Diabetes
  • Wear blue – It’s friday
  • Dem Diabetes auf der Spur…
  • Was Diabetes nicht ist
  • I’m sexy and I know it 😉

Ich habe noch keine Ahnung, wie ich das umsetzen werde – lasst euch also überraschen!

2 Kommentare zu “Diabetes-Blog-Woche: Wenn beim Diabetes-Marathon der „Mann mit dem Hammer“ an der Ecke lauert

  1. Moin liebe Antje!

    Was für ein toller Artikel…!!

    Liebe Grüße

    Tina

    Gefällt mir

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