Wenn Mitglieder der AG Diabetes und Psychologie der DDG sich bei Fachtagungen austauschen, geht es in der Regel um diabetesbezogene psychische Belastungen, Diabetes-Burnout und das erhöhte Risiko für Depressionen oder Essstörungen. Dieses Jahr gab es – neben den ganzen eher traurigen Themen – auch einen weiteren Block, in dem es um Glück und Zuversicht im Zusammenhang mit Diabetes ging.
Das fand ich toll. Denn so belastend Diabetes unbestritten ist, gibt es zum Glück ja auch gute Momente. Menschen mit Diabetes können sogar Glücksgefühle erleben, die Menschen ohne Diabetes komplett verschlossen bleiben. Deshalb gefiel mir der Vortrag von Svea Krutisch, die seit 2018 ihre Diagnose Typ-1-Diabetes erhielt, in Berlin lebt und sich aktiv in der Diabetes-Community engagiert. Sie sprach bei der Online-Jahrestagung der AG über Resilienz, über Leichtigkeit und über kleine Glücksmomente im Diabetesalltag. Und brachte ein wunderbares Bild, das mich im Umgang mit meinem eigenen Diabetes gelassener macht.
Sie begann ihren Vortrag mit einer Frage: „Was war für Sie zuletzt ein prägendes Glücksgefühl?“ Die Antworten im Zoom-Chat hatten eines gemeinsam: Laborwerte kamen so gut wie nicht vor. Genannt wurden die Geburt eines Kindes, die Umarmung einer besten Freundin, eine Wanderung in der Natur. Nun waren bei der Online-Tagung der AG Diabetes und Psychologie Psycholog*innen und Diabetesberater*innen anwesend, von denen nur wenige selbst mit Diabetes leben. Doch ich bin mir ziemlich sicher, dass die Antworten bei Menschen mit Typ-1-Diabetes ähnlich ausfallen würden. Glück lässt sich selten in Zahlen ausdrücken. Natürlich freue ich mich über einen gelungenen Pizza-Bolus oder eine Glukosekurve, in der man das Frühstück mit der Lupe suchen muss, weil sie dank perfekt abgepasstem Spritz-Ess-Abstand ganz gerade verläuft. Tschaka! Auch eine Nacht ohne nervige Alarme ist sehr befriedigend. Das sind Glücksmomente, die Menschen ohne Diabetes gar nicht erleben können.
Glück entsteht aus Leichtigkeit und Freiheit
Aber mindestens genauso oft entsteht Glück aus etwas ganz anderem: aus Leichtigkeit und Freiheit. Als Beispiele nannte Svea, die Insulinpumpe im Urlaub bewusst im Hotelzimmer zu lassen. Oder in einer durchtanzten Nacht einfach mal nicht an den Diabetes zu denken. Oder in einem fremden Land neue Küchen auszuprobieren und dabei in Kauf zu nehmen, dass der Blutzucker Achterbahn fährt. Kenne ich alles. Ich erinnere mich an einen Urlaub in Dänemark, der nicht trotz einer unfreiwilligen Sensorpause, sondern genau deswegen besonders erholsam war. Und an eine wilde Party, die mich erst in dem Moment wieder auf den Boden der Tatsachen holte, als ich widerwillig mal wieder meinen Blutzuckerwert checkte. Glukosewerte im Zielbereich geben Sicherheit, das stimmt. Gleichzeitig kann der ständige Blick auf den Diabetes genau die Leichtigkeit verdrängen, die glücklich macht. Svea brachte es schön mit diesem Satz auf den Punkt: „Time in Range ist nicht Time in Happiness.“
Community, Resilienz und realistischer Optimismus
Svea hatte auch Tipps parat, wie man mit Diabetes für seelische Stabilität sorgen kann. Vernetzung mit der Community hilft: Der Austausch über Erfolge und Misserfolge, Diabetes-Lifehacks und Frustmomente geben einem das Gefühl, ohne lange Erklärungen verstanden zu werden. Ebenfalls unbezahlbar: Bei Präsenztreffen mit der Community hat immer jemand Hyposnacks oder Ersatzutensilien dabei. Der Diabetes hat ihr ebenso wie mir auch viele Freundschaften beschert. Resilienz in Form von Akzeptanz, Selbstwirksamkeit, Lösungsorientierung und sozialer Unterstützung gehört natürlich ebenfalls dazu. Svea warnte vor gutgemeinten Sätzen wie „Du kannst alles schaffen mit Diabetes“. Die klingen nett, erzeugen aber schnell Druck. Ihr Gegenmodell: realistischer Optimismus. Man muss eben nicht alles schaffen. Pausen, ein pragmatisches Erwartungsmanagement und der Mut, den eigenen Weg zu gehen, sind genauso wichtig.
Ein kleines Fenster, keine Panoramafront
Und dann verwendete sie ein Bild, über das ich seither viel nachgedacht habe. Svea sprach über ihre Dankbarkeit, Zugang zu Insulin und Diabetestechnik zu haben. Insbesondere CGM-Sensoren seien quasi „ein Fenster in ihren Körper“, das dabei hilft, Zusammenhänge zu verstehen. Ich glaube, sie betonte es als „ein FENSTER in meinen Körper“. Mir gefiel das Bild, so hatte ich Diabetestechnik noch nie betrachtet. Als ich darüber nachdachte, verschob sich für mich allerdings die Betonung: Ein CGM-Sensor ist „EIN Fenster in meinen Körper“. Tatsächlich ist es sogar nur ein recht kleines, das mir Einblick in ein einziges „Zimmer“ meines Körpers gibt: den Glukosespiegel. Was in den anderen Zimmern meines Körper parallel dazu passiert, bleibt mir weitgehend verborgen. Mein Körper hat keine Panoramaverglasung für den allumfassenden Durchblick. Die Apple Watch zeichnet zwar Schritte, Herzfrequenz und Schlafqualität auf, doch es gibt bis dato keine App, die diese Werte sinnvoll mit meinen Diabetesdaten verknüpft. Außerdem passieren in meinem Körper ja noch viele andere Dinge, die sich auf den Glukosespiegel auswirken, aber nicht so einfach kontinuierlich mit einer Smartwatch gemessen werden können: die Spiegel von Hormonen wie Adrenalin, Cortisol oder Östrogen, Entzündungszeichen bei Infekten, Muskelauffülleffekt nach dem Sport etc. pp. Daher muss ich raten, abwägen, ausprobieren. Und liege manchmal eben daneben. Das ist schlicht unvermeidlich.
Mehr Gelassenheit, wenn mal etwas schiefläuft
Es gab Zeiten, in denen es mich massiv gestresst hat, wenn ich mal nicht verstanden habe, was der Zucker gerade macht. Ich habe nach Erklärungen gesucht und mir Vorwürfe gemacht, wenn mir keine einfielen. Seit meinem Wechsel von der Insulinpumpe zurück zu den Insulinpens bin ich bereits deutlich entspannter geworden. Das liegt an der Erkenntnis, dass selbst der aktuell fortschrittlichste kommerzielle AID-Algorithmus meinen Diabetesalltag nicht sorgenfrei macht. Ich kann seither viel besser akzeptieren, dass der Diabetes nun einmal ist wie er ist: nervig und nicht immer gleich gut vorhersehbar. Ich gebe mir zwar weiter ordentlich Mühe mit meiner Diabetestherapie. Aber wenn mal etwas schiefläuft und ich den Grund dafür nicht sofort begreife, nehme ich es mit deutlich mehr Gelassenheit. Das Bild vom Fenster verstärkt diese Gelassenheit noch einmal. Ich kann nun einmal nicht alles sehen. Ein Raum ist erleuchtet, aber viele andere bleiben im Dunkeln. Da ist es doch nicht verwunderlich, wenn ich – bildlich gesprochen – in diesen Räumen manchmal etwas orientierungslos herumtappe und an ein paar Ecken anstoße. Ich werte das nicht länger als persönliches Versagen, wenn ein Bolus nicht gepasst hat, der Spritz-Ess-Abstand zu kurz oder zu lang geraten ist und die Glukosewerte deswegen aus der Reihe tanzen. Ich sage mir einfach: „Ich hatte halt kein Licht in allen Räumen.“
P.S.: Das Headerbild habe ich mit KI generiert (Prompt: Haus im Dunkeln, von dessen vielen Fenstern nur eines hell erleuchtet ist) 🙂
