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Von wegen zuckerkrank – ein Blog über glückliches Leben, leckere Ernährung und Sport mit Typ-1-Diabetes

Kongressbericht: Alltag und Blutzucker auch ohne Augenlicht eigenständig managen

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Welche praktischen Hilfen gibt es für Blinde und Sehbehinderte? Um dieses Thema drehte sich ein Vortrag von Diana Droßel bei der letzten DDG-Herbsttagung. In der aktuellen Ausgabe der „Diabetes Zeitung“ ist nun mein Bericht darüber erschienen.

„Die sind doch selbst Schuld, hätten sie mal ihren Zucker besser gemanagt…“ Vorurteilen wie diesen begegnen blinde und sehbehinderte Menschen mit Diabetes heute zum Glück nur noch selten. Und doch wirft die Diagnose einer schweren Augenschädigung Betroffene erst einmal aus der Bahn. Diana Droßel kennt dieses Gefühl aus eigener Erfahrung: Sie erkrankte bereits als Kleinkind an Typ-1-Diabetes und erblindete 1982 als junge Frau infolge einer Augeninfektion. „Heute wird dank moderner Therapien zum Glück kaum jemand mehr komplett blind. Doch auch eine starke Sehbehinderung macht den Betroffenen große Angst. Schließlich stehen die meisten zu diesem Zeitpunkt mitten im Berufsleben“, berichtete Droßel bei der DDG-Herbsttagung im November 2017 in Mannheim.

Praktische Hilfen für blinde und sehbehinderte Menschen mit Diabetes

Als Vorstandsmitglied von DiabetesDE und Gründungsmitglied einer Arbeitsgruppe zum Thema „Apps und Diabetes“ innerhalb der Arbeitsgemeinschaft Diabetes und Technologie (AGDT) der DDG engagiert sich Droßel insbesondere für Barrierefreiheit und für praktische Hilfen für blinde und sehbehinderte Menschen mit Diabetes. Was diese Zielgruppe braucht, darüber herrschen ihrer Erfahrung nach häufig falsche Vorstellungen.

So bieten etliche Hersteller von Blutzuckermessgeräten zwar mittlerweile Geräte mit Sprachsteuerung an, doch die Handhabung sei für Menschen mit eingeschränkter oder fehlender Sehkraft schwierig: „Die Teststreifen sind meist sehr dünn und wackelig. Es ist schwierig, sie in den vorgesehenen Spalt im Gerät einzuführen“, berichtete Droßel, „und wie bringe ich dann das Blut auf den Teststreifen auf?“

Bei einem Insulinpen ist es ihrer Einschätzung nach für Blinde und Sehbehinderte nicht unbedingt erforderlich, dass die Zahl der eingestellten Einheiten angesagt wird: „Die hörbaren Klicks beim Einrasten reichen aus um zu wissen, wie viele Einheiten am Pen eingestellt wurden.“ Dank der Endabschaltung ließen sich bei einer leeren Insulinampulle auch keine Einheiten mehr am Insulinpen einstellen: „Dann wissen auch Sehbehinderte, dass die Insulinampulle gewechselt werden muss“, sagte Droßel.

„Was mein Smartphone an Unabhängigkeit bedeutet, ist kaum in Worte zu fassen“

Längst nutzen auch Blinde und Sehbehinderte aber auch moderne Diabetestechnologie wie Insulinpumpen und Systeme zur kontinuierlichen Glukosemessung. Die wichtigste Neuerung, die ihnen hierbei die Handhabung erleichtert, sind Smartphone-Apps. „Smartphones verfügen heutzutage über eine Sprachausgabe, mit der alle Inhalte auf dem Bildschirm vorgelesen werden können“, erklärte Droßel, „was das Smartphone auf diese Weise für mich an Unabhängigkeit bedeutet, ist kaum in Worte zu fassen.“

Apple war lange Vorreiter bei den Bedienungshilfen für blinde und sehbehinderte Nutzer. Beim iPhone (Betriebsystem IOS) kann die Vorlesefunktion „VoiceOver“ in den Bedienungshilfen bei den Einstellungen aktiviert werden. Doch auch Android-Smartphones haben bei der Barrierefreiheit mittlerweile aufgeholt: Hier heißt die entsprechende Funktion TalkBack und ist ab Version 4.0 des Betriebssystems vorinstalliert; Nutzer älterer Android-Versionen können sie als App im Playstore herunterladen. Auch Sprachassistenten wie Siri oder Alexa können Inhalte über ihre jeweiligen Endgeräte vorlesen.

Längst nicht alle Apps genügen den Standards für Barrierefreiheit

Voraussetzung für die Nutzung von Sprachassistenten ist allerdings, dass die genutzten Apps den entsprechenden Standards für Barrierefreiheit genügen. So müssen Reiter, Tabulatoren und Bedienfelder so programmiert sein, dass sie vom jeweiligen Helfern eindeutig identifiziert werden können. Doch an genau diesem Punkt hinken viele Anbieter den Erfordernissen von Blinden und Sehbehinderten und auch den technischen Möglichkeiten hinterher, wie Droßel kritisch anmerkte: „Die Einhaltung von Standards für Barrierefreiheit ist in der Industrie leider nicht selbstverständlich.“

Sie selbst nutzt für die kontinuierliche Glukosemessung das CGM-System Dexcom G5: „Hier hat der Hersteller die Standards für Barrierefreiheit vorbildlich umgesetzt“, lobte Droßel. Hier werde neben dem aktuellen Glukosewert auch der Trend angesagt, sämtliche Menüpunkte der App können per Klick auf das Display vorgelesen werden. Bei den Apps von Medtronic (Guardian Connect), Roche-Senseonics (Eversense) und Abbott (Freestyle Libre) hingegen sei dies – wenn überhaupt – nur eingeschränkt möglich.

Droßel bat die Diabetesprofis aus der Praxis daher, sich bei Pharma- und Medizinprodukteherstellern für die Einhaltung der Standards für Barrierefreiheit einzusetzen: „Hier auf dem Kongress wird so viel über Digitalisierung geredet, doch leider werden Blinde und Sehbehinderte dabei nicht immer mitgenommen.“ Immerhin: Auf ihre Initiative hin ist die Einhaltung der Standards für Barrierefreiheit ein Kriterium für die geplante Zertifizierung von Diabetes-Apps durch die DDG.


Tricks und Kniffe: Wie bekommt man ein Glukosemesssystem zum Reden?

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Bei einem iPhone findet man die Sprachausgabe unter Einstellungen → Allgemein → Bedienungshilfen

Technisch interessierte Mitglieder der Diabetes-Community bauen nicht nur den Closed Loop in Eigenregie, sondern bringen auch Glukosemesssyteme zum Reden, die eigentlich über keine App verfügen und damit herstellerseitig nicht für die Nutzung durch Sprachassistenten vorbereitet sind. Im Folgenden einige ausgewählte Erfahrungsberichte von der Anwenderfront, von mir zusammengesammelt aus diversen Facebook-Gruppen:

Dexcom: Das G5-System verfügt über eine eigene App, die sämtliche Display-Informationen vollständig vorliest. Aber auch das G4-System lässt sich über die App X-Drip mit einem selbstgebauten Transmitter auslesen und dann von einem Sprachassistenten vorlesen.

Medtronic: Der Sprachassistent kann aus der App Guardian Connect immerhin den aktuellen Glukosewert und die Aufforderung zur Kalibrierung des Systems vorlesen. Es fehlen allerdings die Ansagen der Glukosetrends.

Eversense: Der Sprachassistent liest aus der App des implantierten CGM-Sensors die Warngrenzen für zu hohe bzw. zu niedrige Glukosewerte vor, nicht aber den aktuellen Glukosewert.

Freestlye Libre: Mit dem BlueCon Reader, der auf den Freestyle Libre-Sensor aufgesetzt wird, wird aus dem FGM- ein CGM-System, dessen Messwerte mithilfe der App X-Drip auch vorgelesen werden können – allerdings ohne die aktuellen Glukosetrends. Wer zusätzlich zum Sensor die Libre Alarm App nutzt, kann sich neben den Glukosewerten und Trends auch Alarme ansagen lassen.

Blutzuckermesssysteme: Die App Lumind, eine neue Anwendung, die Menschen mit Diabetes diskret an fällige Blutzuckermessungen erinnern soll, empfängt Werte vom Accu Chek Guide, Accu Chek Connect, Beurer GL50 und dem Contour Next One. Sofern Voice Over aktiviert ist, wird beim Starten als erstes der Blutzuckerwert vorgelesen.

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