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T1Day: DIY-Closed Loop überzeugt Anwender eher als der Minimed 670G Hybrid Closed Loop

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Wenn der Vertreter eines Medizintechnik-Konzerns und zwei Ärzte vor Patienten auftreten und ihnen erklären, wie ein selbstgebauter Closed Loop bzw. OpenAPS (Open Artificial Pancreas System) funktioniert, dann begeben sie sich in eine rechtliche Grauzone.

Doch mögliche haftungsrechtliche Konsequenzen schrecken nicht jeden davon ab, sich mit der Technologie zu beschäftigen, die derzeit so viele Herzen von Typ-1-Diabetikern höher schlagen lässt. „Ihr verlasst jetzt den sicheren Sektor“, unkte der Diabetologe Dr. Bernhard Gehr (Bad Heilbrunn) zu Beginn seines Vortrags vor rund 500 Menschen mit Typ-1-Diabetes, die am 28. Januar 2018 zum T1Day nach Berlin gekommen waren. Dort ging es wie immer um den neuesten „heißen Scheiß“, den die Diabetestechnologie zu bieten hat.

„Ihr dürft das nicht nachmachen, ich missbillige das zutiefst!“

Auf die Frage, wer bereits einen selbstgebauten Closed Loop trägt, gingen etwa 15 Hände in die Höhe. Diese Zahl fand ich persönlich sehr beeindruckend, denn es zeigt, dass sich die DIY-Bewegung so langsam aus der Nerd-Nische hinausbewegt und mitten in der Diabetesszene angekommen ist. Zum Beispiel bei Dr. Gehr, der selbst Typ-1-Diabetiker ist und als Diabetologe auch im Beirat der Arbeitsgemeinschaft Diabetes und Technologie (AGDT) der Deutschen Diabetesgesellschaft (DDG) aktiv ist: „Ich erzähle euch jetzt, wie man einen DIY-Loop baut. Doch ich muss euch darauf hinweisen, dass ihr das nicht nachmachen dürft. Ich bin zwar Arzt und nutze selbst ein solches System, aber ich missbillige das zutiefst!“ Immerhin kann ein Arzt im Schadensfall in Teufels Küche kommen, wenn er Patienten dabei berät, wie sie zugelassene Medizinprodukte hacken und damit deren Funktionsweise verändern.

Die Insulinpumpe Dana R: „Ein Trabi mit Porsche-Motor“

Doch nach dem juristischen Disclaimer legte Dr. Gehr los und erzählte, was es für die Installation eines Closed Loop Marke Eigenbau alles braucht. Neben einem rtCGM-System sind das eine Insulinpumpe und ein selbstgebautes und -programmiertes Steuerungssystem aus Smartphone und weiteren technischen Komponenten, das die beiden Elemente miteinander vernetzt. „Ich persönlich nutze für meinen Closed Loop eine Dana R Insulinpumpe“, erzählte Dr. Gehr, „die muss man sich in etwa so vorstellen wie einen Trabi mit Porsche-Motor.“ Auch ältere Pumpen von Medtronic wie etwa die Veo-Insulinpumpe sind aufgrund ihrer offenen Schnittstellen in der DIY-Community sehr beliebt.

Man braucht keinen Lötkolben – aber Pumpenexpertise, Steckdosen und Empfang

Auch wenn ein Closed Loop dem Anwender den Alltag mit Diabetes enorm erleichtern kann, warnte Dr. Gehr doch vor übertriebenen Erwartungen: „Man braucht keinen Lötkolben. Aber man muss sich mit seiner Pumpe und seinem rtCGM-System sehr gut auskennen und neben der Hardware auch viel Zeit und Ruhe mitbringen, um einen Closed Loop zu installieren.“ Außerdem brauche man überall Mobilfunknetz für die Datenübertragung in die Cloud, und immer genügend Steckdosen in Reichweite, um jederzeit das Smartphone aufladen zu können. „Nennenswerte Datenschutzbedenken sollte man auch nicht hegen“, meinte Dr. Gehr.

Mit selbstgebautem OpenAPS ohne Hypos einen HbA1c-Wert von 4,9 Prozent

Doch das Herumtüfteln und regelmäßige Füttern des Algorithmus mit den aktuellen Basalraten, Korrekturfaktoren und Bolusfaktoren zahlt sich aus, wie der nachfolgende Vortrag von Dr. Frank Best (Essen) zeigte, der ebenfalls Diabetologe und Typ-1-Diabetiker zugleich ist. Auch Dr. Best war sich der haftungsrechtlichen Probleme bewusst, in die ihn sein Auftritt beim T1Day bringen könnte: „Wenn ich euch hier als Arzt über den Loop erzähle, dann stehe ich quasi mit einem Bein im Gefängnis.“ Doch da er selbst dank selbstgebautem OpenAPS ohne Hypoglykämien einen HbA1c-Wert von 4,9 Prozent (!) erreicht, war es ihm wichtig, seine Erfahrungen und Beobachtungen mit dem Publikum zu teilen.

Minimed 670G Hybrid Closed Loop: „Immerhin besser als nichts…“

Wer eine automatisch gesteuerte Insulinzufuhr lieber auf legalem Weg erreichen möchte, für den kommt aktuell nur der Minimed 670G Hybrid Closed Loop von Medtronic in Frage, der in Deutschland demnächst auf den Markt kommen soll. Für Dr. Best ist das Medtronic-System allerdings keine Option: Ihn stört zum Beispiel die fehlende Möglichkeit, temporäre Zielwerte ganz und gar individuell einzustellen. „Das System kommt zwar nicht an ein OpenAPS heran, doch es ist natürlich besser als nichts.“ Der Medtronic-Vertreter Andreas Thomas empfindet die DIY-Bewegung trotz solcher Äußerungen nicht als Bedrohung, im Gegenteil: „Wir finden die OpenAPS-Bewegung toll, denn sie hilft uns möglicherweise, die Zulassung für unsere Produkte zu beschleunigen!“

Mein Fazit: Spannendes Thema, aber ich selbst habe keine Lust auf die Bastelarbeit

Ich finde das Thema OpenAPS ungeheuer spannend und hoffe im Sinne der ganzen Bastler und ihrer Unterstützer an der Industrie- und Ärztefront, dass sich dort bald etwas tut, damit es endlich auch juristisch sichere Varianten gibt, eine künstliche Bauchspeicheldrüse zu betreiben. Dass es auf diesem Gebiet vorangeht, hat Sascha kürzlich auf seinem Blog beschrieben. Persönlich habe ich allerdings keine Lust auf die viele Bastelarbeit, die mit der Installation und dem Betrieb eines OpenAPS verbunden ist. Mir ist es auch lieber, wenn ich mich bei technischen Ausfällen an den Hersteller wenden kann, der dann auch haftbar und zuständig ist.

Mein Leidensdruck ist nicht groß: Never change a winning team!

Allerdings ist mein Leidensdruck auch nicht sonderlich groß. Derzeit erreiche ich mit meiner stinknormalen ICT mit Lantus und Liprolog im Insulinpen in Verbindung mit der Glukosemessung mit dem Freestyle Libre einen HbA1c-Wert zwischen 6,1 und 6,5 Prozent und je nach Tagesform etwa 80 Prozent Zeit im Zielbereich (80 bis 160 mg/dl) und ohne nennenswerte Hypos und nur sehr selten mal einem Wert von über 250 mg/dl. Wieviel Verbesserungspotenzial gäbe es da mit einer Pumpentherapie, einem CGM oder einem Closed Loop? Jedenfalls nicht so viel, als dass ich den erforderlichen Aufwand betreiben möchte. Mein Diabetes ist sicherlich ein paar Klassen pflegeleichter als der vieler anderer Typ-1er, und daher verfahre ich bis auf weiteres eher nach dem Motto: Never change a winning team!

 

 

 

 

 

11 Kommentare zu “T1Day: DIY-Closed Loop überzeugt Anwender eher als der Minimed 670G Hybrid Closed Loop

  1. Pingback: Diabetes-Blog-Woche: Warum ich NICHT loope… | Süß, happy und fit

  2. Pingback: 10 Dinge, die man wissen sollte, wenn man sich eine künstliche Bauchspeicheldrüse selbst bauen will | Süß, happy und fit

  3. „Wieviel Verbesserungspotenzial gäbe es da mit einer Pumpentherapie, einem CGM oder einem Closed Loop?“
    Lebensqualität!!!
    Sich mal zu fühlen als wäre der T1D weg, einfach verschwunden, in Luft aufgelöst …
    Ich liebe meinen Closed Loop mit einer Accu-Chek Combo und dem FreeStyle Libre DIY-CGM.

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    • Danke für deinen Kommentar! Das ist natürlich ein ultrawichtiger Punkt, die Lebensqualität. Dass ich sie versäumt habe zu erwähnen, liegt vermutlich daran, dass meine Lebensqualität mit meiner derzeitigen Therapie ebenfalls völlig in Ordnung ist. Der T1DM beansprucht nicht übermäßig viel Platz in meinem Leben, deshalb ist die Vorstellung von Pumpe, CGM und auch noch einem Loop für mich (persönlich!) eher eine etwas beängstigende Vorstellung, so nach dem Motto: Wenn ich dann derart verkabelt bin, kann ich den Diabetes überhaupt nicht mehr ausblenden. Ist sicher immer eine sehr individuelle und auch emotionale Sache… Aber cool, dass du dich damit so wohl fühlst! 🙂

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  4. Sehr schöne Zusammenfassung! Ich selber könnte mir ein Leben ohne Loop nicht mehr vorstellen. Außer dass das cgm gut zu pflegen ist, tritt der Diabetes damit endlich in den Hintergrund. Habe ich früher um HbA1c-Werte unter 6.5% kämpfen müssen, gehen jetzt Werte unter 5.5% ohne große Mühen. Und die CGM- Alarme habe ich auf 20% reduzieren können.

    Ich loope seit weit über einem Jahr komplett offline. Daten in der Cloud sind nicht notwendig, nur ein Zusatzfeature.
    Das empfinde ich gerade als einen der Vorteile der DIY-Systeme: Meine Daten gehören mir, ich kann komplett selber entscheiden, mit wem ich die teile.

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    • Hallo Adrian, ich höre zum ersten mal, dass der Closed Loop auch offline möglich ist. Ohne Nightscout-Anbindung? Das interessiert mich dann doch sehr! Könntest du mir mal nen Link/ein paar Infos zum offline-closed-loop schicken? Besten Dank, Michael

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      • Mit den Dana-Pumpen und der Combo: http://wiki.androidaps.de – geht schon lange offline.
        Mit alter Veo-Pumpe: https://loopkit.github.io/loopdocs/ – geht schon lange offline.
        Mit alter Veo-Pumpe: http://openaps.readthedocs.io/ – ist üblicherweise online, da man Nightscout zum Monitoring braucht. Man kann sich Nightscout oder eine abgespeckte Version direkt auf seiner lokalen Hardware installieren.

        Bei AndroidAPS und Loop ist Nightscout ein optionales tool. Am Anfang braucht man es einmal im Lernprozess. Da es mittlerweile in 10 bi1 15 Minuten Aufgesetzt ist (http://ns.10be.dd), sollte das aber kein Problem darstellen. Danach kann man „für immer“ offline sein. Die Werte bekommt man über eine lokalen Dexcom G4/G5, Libre mit Aufsatz oder bei AndroidAPS auch vom Eversense.

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      • Danke für die wertvollen Hinweise, Adrian! Sobald ich etwas Luft habe, werde ich mich dem Projekt jetzt endlich mal widmen!

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  5. Dass es Bastelarbeit sei, ist nun schlicht falsch. Man nehme ein CGM (gibt es industriell vorgefertigt, z.B. Dexcom G5), eine Dana-Insulinpumpe und eine Android-Phone (auf dem XDrip+ und AAPS laufen). Fertig ist der Loop. Im Prinzip. Der Rest ist Durchhaltevermögen und Software-Konfigurationsarbeit (da wäre das ‚Basteln‘ allenfalls eine Metapher).

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