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Von wegen zuckerkrank – ein Blog über glückliches Leben, leckere Ernährung und Sport mit Typ-1-Diabetes

Perfekt zum Fondue: Chutney nach einem Originalrezept aus der DDR

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Ein Jahr vor der Maueröffnung war ich zum ersten und gleichzeitig letzten Mal für eine Woche in der DDR. Wir besuchten Verwandte meiner Mutter in Gera. Kulinarisch war es dort damals als Vegetarierin für mich schwierig. Doch ich lernte ein Chutney kennen, dessen Rezept nun etliche Jahrzehnte in meinem Rezeptordner geschlummert hat. Jetzt habe ich es nochmal nachgekocht.

Meine Mutter hat einen Cousin, der in Gera lebt. Zu DDR-Zeiten waren er und seine Familie für mich die Verwandten, denen wir zu Weihnachten Pakete mit Bohnenkaffee, Schokolade und Nylonstrumpfhosen packten. Für mich als Wohlstandsgöre der 80er Jahre war es kaum vorstellbar, dass diese selbstverständlichen Dinge dort so schwer zu beschaffen sein sollten. Erst als ich 18 Jahre alt war, lernte ich den Alltag jenseits der Grenze einmal kurz selbst kennen. Von diesem Besuch stammt das folgende Rezept für ein leckeres Chutney, das ich euch heute ans Herz legen möchte.

Wer es eilig hat und so kurz vor Weihnachten keine Lust auf mein Geschwafel verspürt (in dieser angeblich so besinnlichen und dennoch ungeheuer hektischen Jahreszeit verzeihe ich das durchaus), bekommt jetzt ohne Umschweife das Original-Rezept der Frau meines Großcousins aus Gera. Und wer schon in einem gemütlichen Modus angekommen ist, kann danach ja noch ein paar meiner DDR-Anekdötchen lesen.

Zutaten für das Chutney

  • 3 Pfund Tomaten
  • 1 Pfund Äpfel
  • 1,5 Pfund Zwiebeln
  • 6 Nelken
  • 1,5 TL weißer Pfeffer
  • 1,5 TL roter Pfeffer
  • 1 TL Ingwer (ich habe allerdings frischen Ingwer genommen)
  • 1 TL Muskat
  • Knoblauch
  • 50 Gramm Senfkörner (ganz)
  • 50 Gramm Salz
  • 1 Pfund Zucker (mir reicht die Hälfte dieser Menge dicke)
  • 1/2 Liter Essig (ich habe Apfelessig verwendet)

Zubereitung

Denkbar einfach: Tomaten, Äpfel und Zwiebeln in Stücke schneiden, mit allen anderen Zutaten in einen Topf werfen und ca. 2 Stunden lang kochen, bis daraus ein halbwegs dickes Chutney geworden ist. Mit einem Kartoffelstampfer noch ein bisschen durchmusen. In Gläser füllen. Fertig.

Das Chutney eignet sich beispielsweise als Dip bzw. Sauce zum Fleischfondue. Das war für mich auch der Anlass, es jetzt – gut 30 Jahre danach – hervorzukramen. Denn bei uns gibt es Heiligabend Fleischfondue. Aber auch als Sauce zum Grillen ist das Chutney großartig. Und natürlich auch ein tolles selbstgemachtes Geschenk oder Party-Mitbringsel in letzter Minute: einfach ein hübsches Etikett draufkleben und ein Schleifchen drumbinden.

Blutzuckerwirkung, Zuckermenge und Alternativen

Was das Chutney mit dem Blutzucker macht, kann ich nicht ehrlich beantworten. Als ich das Rezept seinerzeit in der DDR kennen gelernt habe, hatte ich noch keinen Diabetes und musste mich mit so lästigen Dingen wie Blutzuckerwirkung noch nicht herumschlagen. Ich habe dieses Mal allerdings gegenüber dem obigen Original-Rezept den Zucker um die Hälfte reduziert. Und der Geschmackstest ergibt: Das Chutney ist immer noch schön ausgewogen süß-säuerlich. Mehr Süße würde mir definitiv nicht darin gefallen. Ich bin mir sicher, dass man den Zucker auch durch die gängigen zuckerfreien Alternativen ersetzen kann. Allerdings habe ich das nicht selbst ausprobiert.

Meine Erinnerungen an eine Woche DDR

So, und nun wie versprochen ein paar DDR-Anekdoten für die Leselustigen unter euch. Sie haben rein gar nichts mit Typ-1-Diabetes zu tun – nur damit sich hinterher niemand bei mir beschwert. 🙂

Bürokratie, Visum, Überwachung

Unseren Besuch bei unseren Verwandten in Gera mussten wir von langer Hand planen. Meine Mutter, mein Bruder und ich brauchten ein Visum, dessen Bearbeitung ein halbes Jahr Vorlauf erforderte. Nach der Einreise – ich erinnere mich noch gut an die Fahrt durch das gespenstisch anmutende Niemandsland zwischen den beiden deutschen Staaten, in dem von Wachtürmen aus genau beobachtet wurde, ob wir die ständig wechselnden Geschwindigkeitsbegrenzungen auch penibel einhielten – mussten wir uns zunächst bei der Stadtverwaltung registrieren. Als wir dort ankamen, hatte die Behörde allerdings bereits geschlossen. Wir Wessis befanden achselzuckend, dass wir dann doch am Folgetag wiederkommen und uns anmelden könnten. Doch für unsere Verwandten schien dieser Umstand ein großes Problem zu sein: Offenbar befürchteten sie Repressalien oder irgendwelchen sonstigen Ärger, wenn sich ihr West-Besuch nicht am Anreisetag bei der Verwaltung meldet. Ich erinnere mich nicht im Detail daran, wie wir diesen Konflikt letztlich gelöst haben. Doch mir ist gut im Gedächtnis geblieben, wie völlig absurd und unwürdig ich die Situation empfand.

„Diese Auswahl macht wählerisch!“

Als wir am nächsten Tag durch Gera schlenderten und nach Möglichkeiten suchten, Ost-Mark aus unserem Zwangsumtausch auszugeben, fiel mein Blick auf das Schaufenster eines Lebensmittelladens. Darin standen eine große aufgetürmte Pyramide aus lauter Konservendosen. Ich weiß nicht mehr, ob es nun Dosenbohnen, -erbsen oder -sonstwas waren – doch sie waren alle gleich. Eine ganze Wand aus immer demselben Dosengemüse. Und im Schaufenster warb ein Schild mit der Aufschrift „Diese Auswahl macht wählerisch!“ für die Dosen. Ganz im Ernst. Leider haben wir kein Foto davon gemacht. Ich wette, das Bild hätte eine fantastische Karriere als Meme in den sozialen Medien hinlegen können.

Schallplatten vom Festival des politischen Liedes

Meine Ost-Mark konnte ich dann in einem Plattenladen verbraten. Ich kaufte mir 3 Schallplatten mit Mitschnitten vom 15., 16. und 17. Festival des politischen Liedes, das seinerzeit jedes Jahr in der DDR stattfand und zu dem Musikerinnen und Musiker aus aller Welt (zumindest den sozialistischen Bruderstaaten) kamen. Und ich kaufte eine Schallplatte mit dem Titel „Canto Latino“ mit spanischen Revolutionsballaden. Diese Platten habe ich bis heute und halte sie für mit die coolsten Exemplare meiner Plattensammlung.

Restaurant-Besuch mit Hindernissen

An einem Abend unseres Besuchs in der DDR gingen wir in einem Restaurant essen. Das war zumindest in der Gegend um Gera offenbar keine Sache, die man einfach so mal spontan machen kann. Unsere Verwandten mussten den Tisch tatsächlich ein halbes Jahr im Voraus, unmittelbar nach Erteilung unseres Visums, reservieren. Nun war es damals, Ende der 1980er Jahre, zumindest in unserer Familie nicht üblich, ständig spontan in Restaurants essen zu gehen. Ich glaube, dass man ganz selbstverständlich häufig und spontan Gastronomiebetriebe aufsucht, ist auch im Westen ein etwas neueres Phänomen. Doch ein halbes Jahr im Voraus? Ich konnte es kaum glauben. Das Essen in dem Restaurant habe ich leider in nicht allzu guter Erinnerung. Damals war ich noch Vegetarierin. Für die Kellnerin in dem Restaurant war mein Wunsch nach einem fleischlosen Essen eine unlösbare Herausforderung, auf die sie zudem pampig-genervt statt hilfsbereit-gastfreundlich reagierte. Ich entschied mich dann für Kartoffelklöße mit Sauce und blendete den Fakt aus, dass die Sauce natürlich eine Fleischbasis hatte.

Go, Trabi, go! Mein erstes Mal am Steuer eines Trabant

Um in das besagte Restaurant zu gelangen, mussten wir ein ganzes Stück mit dem Auto fahren. Irgendwohin über Land. Ich hatte erst kurz zuvor meinen Führerschein gemacht. Der Sohn meines Großcousins war stolzer Besitzer eines Trabis, auf dessen Heckklappe der Aufkleber „Trabantfahrer sind die härtesten!“ prangte. Hans-Jürgen bot mir an, ich könne die Strecke zum Restaurant seinen Trabi fahren. Das ließ ich mir natürlich nicht zweimal sagen. Wir fuhren über Schlagloch-Pisten über Land, und ich fand, dass ich meine Sache ziemlich gut machte. Doch dann musste ich an einer Ampel ein bisschen abrupt bremsen. Und – plopp – sprang der Zündschlüssel aus dem Zündschloss mir direkt in den Schoß. Der Motor des Trabis lief derweil ungerührt weiter. Ich erschrak: Wie man sich in so einem Fall richtig verhält, hatte mir mein Fahrlehrer nicht beigebracht. Hans-Jürgen konnte sich vor Lachen kaum mehr einkriegen. „Steck den Schlüssel einfach wieder rein, das macht gar nichts!“, sagte er. Und behielt recht. Ich schob den Zündschlüssel wieder ins Zündschloss, und wir fuhren weiter.

Auch in einem Unrechtsstaat muss nicht alles schlecht sein

Dieses Jahr ist die DDR seit 30 Jahren Geschichte. Christoph und ich haben in den vergangenen Monaten viel gelesen und auch etliche Dokus, Spielfilme und Serien (Weißensee, Deutschland 83, Tannbach) geschaut, die sich mit dem Leben in der DDR beschäftigen. Das Gefühl von Beklemmung, Misstrauen und Grau-in-Grau, das sie transportieren, deckt sich mit meinen Erinnerungen aus meinem kurzen Besuch hinter der innerdeutschen Grenze. Warum manche Menschen dem Zerfall dieses Systems nachtrauern oder sich weigern, die DDR als Unrechtsstaat zu bezeichnen, ist mir daher ein Rätsel. Natürlich war nicht alles schlecht in der DDR, wo ist es das schon. Und so feiern wir dieses Jahr Heiligabend unter anderem mit einem superleckeren Originalrezept aus der DDR.

Vielleicht habt ihr ja nun auch Lust auf dieses herzhafte Chutney bekommen! Jedenfalls wünsche ich euch noch viel Spaß bei den verbleibenden Weihnachtsvorbereitungen. Lasst euch nicht stressen!

 

2 Kommentare zu “Perfekt zum Fondue: Chutney nach einem Originalrezept aus der DDR

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