Vor wenigen Tagen ist Bastian Hauck gestorben. Und auch wenn auf Social Media schon viele Menschen mit sehr schönen und bewegenden Worten an ihn erinnern, möchte ich mich auch kurz einreihen… Denn seit ich von seinem Tod erfahren habe, fallen mir ständig Momente ein, in denen sich unsere Wege gekreuzt haben. Und von ein paar davon möchte ich hier erzählen.
Bastians Tod kam nicht ganz überraschend. Er kämpfte seit etlichen Jahren mit einer Krebserkrankung, hatte unzählige Operationen und Chemotherapien hinter sich. Als ich zuletzt Anfang des Jahres mit ihm sprach, war er müde von den Strapazen der vielen Behandlungen und wusste, dass ihm nicht mehr allzu viel Zeit bleibt.
Wenn mich meine Erinnerung nicht täuscht, bin ich Bastian das erste Mal beim Lauf zwischen den Meeren 2013 begegnet. Ich hatte seinerzeit gerade erst begonnen, meine Fühler zur Diabetes-Community auszustrecken und mich einer Gruppe Hamburger Typ-Einser angeschlossen, die sich regelmäßig im Stadtpark für gemeinsame Laufeinheiten traf. Wir hatten uns für den jährlichen „Lauf zwischen den Meeren“ angemeldet, um mit einer Staffel über zehn Etappen von Husum nach Damp (Gesamtlänge von 92,2 Kilometer) zu laufen. Bastian war auch dabei – und weil er damals in Schleswig auf dem Gelände einer früheren Bundeswehr-Kaserne eine Bootswerft betrieb, lud er uns alle ein, nach dem Lauf auf der Werft zu übernachten. Für den nächsten Tag hatte er mit einem Kumpel aus der Nachbarschaft, der einen SUP-Verleih hatte, sogar einen Schnupperkurs im Stand-up-Paddling für uns alle klargemacht. Das Wochenende war super.


An Bastian führte in der Community kein Weg vorbei
Damals hatte ich noch keine Ahnung, wie typisch das für Bastian war. Menschen zusammenbringen, tolle Aktionen organisieren, einfach loslegen und machen – das war genau sein Ding. Nicht nur bei coolen Freizeitaktivitäten, sondern vor allem wenn es um die Sichtbarkeit und den Zusammenhalt der Diabetes-Community ging. Je tiefer ich selbst in die Szene eintauchte, umso häufiger kreuzten sich unsere Wege. Denn an ihm führte im Grunde nirgends ein Weg vorbei, wie diese sehr unvollständige Aufzählung vielleicht zeigt: Er organisierte Aufklärungsaktionen zum Weltdiabetestag, arbeitete in den Gremien verschiedener Diabetesorganisationen wie DiabetesDE oder der Internationalen Diabetesföderation IDF mit, schob Community-Aktionen wie die Blue Balloon Challenge, den Blue Circle-Pin zum Diaversary oder das #dedoc°-Weihnachtswichteln an. Nicht zuletzt etablierte er die erfolgreichen Stipendienprogramme, die es Menschen mit Diabetes (anfangs sogar gegen großen Widerstand von Fachgesellschaften und Kongressorganisationen) möglich machten. Sie konnten als dedoc voices an diversen nationalen wie internationalen Diabeteskongressen teilnehmen und mitdiskutieren, Stichwort #NothingAboutUsWithoutUs. Bastian war hauptberuflicher Aktivist für unser aller Sache, und ich finde, er machte seinen Job wirklich gut. Er hat unglaublich viel dazu beigetragen, Menschen mit Diabetes in der Öffentlichkeit, gegenüber der Fachwelt und der Politik mehr Gehör zu verschaffen.
Auf der Bühne lief Bastian zu Höchstform auf
Doch Bastian hatte nicht nur die Gabe, Menschen zusammenzubringen. Er war auch ein begnadeter Redner, der auf der Bühne zu Höchstform auflief – zur Not auch mit einem in Windeseile zusammengeschusterten Redebeitrag, der dennoch wirkte, als sei er in langen Stunden der Vorbereitung am Schreibtisch entstanden. Eine kleine Anekdote wird mir in diesem Zusammenhang für immer als „typisch Bastian“ in Erinnerung bleiben. Im Dezember 2018 war ich auf Einladung von Novo Nordisk in deren Zentrale in Kopenhagen. Für ihre Reihe „DEEP Talks“ hatte die Firma eine ganze Reihe Menschen mit Typ-1-Diabetes aus ganz Europa eingeladen, einm Publikum vor Ort und im Livestream zu vermitteln, wie es sich anfühlt, mit Diabetes zu leben. Aus Deutschland waren Bastian und ich mit von der Partie. Wir alle hatten im Vorfeld von Novo eine Liste möglicher Themen bekommen, aus denen jede und jeder sich eines aussuchen sollte. Ich hatte mich für das Thema „It wasn’t the carbs“ entschieden und wollte mit meinem kleinen Beitrag veranschaulichen, welche anderen Faktoren außer Kohlenhydraten die Glukosewerte beeinflussen können. Damals fühlte ich mich nicht sonderlich wohl damit, auf einer Bühne vor anderen Menschen zu sprechen und hatte ordentlich Lampenfieber. Ich hatte meine Rede deshalb lange vorbereitet und zu Hause geübt. (Falls sie euch interessiert: Ich habe hier darüber geschrieben und hier über die zweite Auflage des Events im kleineren Maßstab in der Deutschland-Zentrale in Mainz, von dem auch die Screenshots unten stammen.)


Hektische Themenfindung zwischen Tür und Angel
Bastian jedenfalls hatte sich aus irgendwelchen Gründen nicht auf das Thema vorbereitet, über das er sprechen sollte. Auf der Bühne wurden bereits die ersten Redebeiträge präsentiert, da suchte Bastian noch fieberhaft nach einem Dreh, wie er sein eigentliches Thema (ich glaube, es sollte um nervige Diabetes-Routinen und mangelnde „Compliance“ gehen) irgendwie anschaulich und unterhaltsam rüberbringen könnte. Er war sichtlich nervös, tigerte durch den Raum, setzte sich hin und skribbelte ein paar Notizen, wandte sich zwischendurch an mich: „Meinst du, das könnte funktionieren?“
Zahnseide nach jeder Mahlzeit – mit dem Zollstock exakt abgemessen
Doch kaum dass er auf der Bühne stand, war ihm keinerlei Nervosität anzumerken. Er hatte sich aus dem Stehgreif überlegt, lästige Diabetesroutinen wie das Schätzen von Kohlenhydraten und Berechnen der passenden Insulindosis mit der Nutzung von Zahnseide zu vergleichen. Und als hätte er den Vortrag gründlich einstudiert, wandte er sich ans Publikum: „Wer von euch nutzt Zahnseide? Wir wissen ja alle, dass es sinnvoll ist, das regelmäßig zu tun – ist ja im Grunde auch nicht schwierig…“ Viele Leute meldeten sich. „Wer von euch macht das wirklich jeden Tag?“ Da hoben sich schon deutlich weniger Hände. „Und wer schafft es nach jeder Mahlzeit?“ Alle lachten und bekamen so langsam eine Ahnung, worauf Bastian abzielte. Er machte weiter: „Nun stellt euch vor, euer Zahnarzt sagt euch, dass ihr eine Woche lang jeden Tag nach jeder Mahlzeit Zahnseide benutzen sollt. Und zwar je nach Art der Mahlzeit ein unterschiedlich langes Stück Zahnseide. Ihr müsst also immer Zahnseide und auch einen Zollstock bei euch tragen, egal wohin ihr geht.“ Schmunzeln im Saal. Ich weiß nicht mehr, ob Bastian auf der Bühne wirklich auf einmal Zahnseide und einen Zollstock oder ein Lineal aus der Hosentasche zauberte oder ob er es irgendwie pantomimisch darstellte. Jedenfalls spielte er vor, welches unbequeme Ritual nun nach jeder Mahlzeit fällig ist und sprach immer wieder einzelne Personen direkt an: „Klingt nervig, oder? Aber für eine Woche kann man es durchhalten, wenn es denn sein muss, oder?“ Die Angesprochenen nickten. „Tja, mit Diabetes muss man vor jeder Mahlzeit den Glukosewert checken, Kohlenhydrate schätzen und die Insulindosis berechnen. Nicht für eine Woche, sondern ein ganzes Leben lang.“
Bastian wussste, wie man Menschen erreichen kann. #PayItForward
Bastians Vortrag war großartig. Mit seinem Zahnseide-Beispiel führte er auch Menschen ohne Diabetes ganz simpel und anschaulich vor Augen, wie nervig und belastend Diabetes-Routinen sein können. Und warum es im Alltag oft so schwer ist, sich an alle Diabetes-Regeln zu halten, auch wenn man sich ihrer Bedeutung und Sinnhaftigkeit sehr wohl bewusst ist. Souverän präsentiert von jemandem, der weiß, wie man Menschen erreichen kann. Für diese Gabe habe ich ihn sehr bewundert. Ich glaube kaum, dass irgendjemand in der Diabetes-Community seinen Platz wird einnehmen können. Aber wir alle können ja versuchen, die Erinnerung an ihn wachzuhalten, an die Chance auf Veränderung und Teilhabe zu glauben, uns weiter zu vernetzen, uns gegenseitig zu unterstützen und für die Rechte von Menschen mit Diabetes einzutreten. Ganz im Sinne von Bastians Motto #PayItForward.
