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Von wegen zuckerkrank – ein Blog über glückliches Leben, leckere Ernährung und Sport mit Typ-1-Diabetes

Laufen gegen den ärztlichen Rat – die Sache mit der „Compliance“

Ein Kommentar

Mindestens sechs Monate lang habe ich meine Laufschuhe nicht genutzt. Habe weder eine kurze Hausrunde gedreht, noch für eine Laufveranstaltung trainiert. Schuld war weniger Corona als meine linke Ferse, die infolge eines Knick-Senkfußes ungefähr seit Sommer 2019 schmerzt.

Natürlich war ich damit irgendwann bei einem Orthopäden. Der verschrieb mir Einlagen und mahnte, ich solle erst wieder mit dem Laufen beginnen, wenn die Ferse überhaupt nicht mehr weh tut. Ich hatte hier schon ein bisschen über diese aktuellen Zipperlein gejammert. So richtig weg sind die Schmerzen immer noch nicht. Doch nun habe ich mich dem Rat dieses Arztes widersetzt und war Laufen. Und Halleluja, mein Fuß scheint mir diese fehlende „Compliance“ zu verzeihen!

Gestern hatte ich nämlich die Nase voll vom Abwarten. Der Orthopäde hatte ursprünglich prognostiziert, dass ich im Laufe des Februar wohl wieder schmerzfrei sein dürfte und wieder mit dem Lauftraining starten könnte. Pustekuchen. Es waren zwar keine Schmerzen, die mich an die Decke gehen ließen. Sie waren noch nicht mal wirklich störend. Doch ich spürte halt, dass da noch etwas ist, das nicht ganz heil ist. Eben nicht komplett symptomfrei. Doch wie lange soll ich mich gedulden?

Bei Fersensporn wird von Lauftraining grundsätzlich abgeraten

Von ärztlicher Seite wird grundsätzlich davon abgeraten, mit Fersensporn oder Plantarfaszitis zu laufen. Und auch in den Läuferforen im Netz findet man keine ermutigenden Fallberichte von Menschen, die ihrem Fersensporn einfach davongelaufen sind. Vielmehr kann man dort Geschichten von Leuten lesen, die ihre Schmerzen ignoriert und ihr Lauftraining durchgezogen haben, sich mit ihren Fußproblemen aber irgendwann auf einen OP-Tisch legen mussten. Bin ich also völlig bescheuert, diese offenbar sinnvollen Ratschläge in den Wind zu schießen?

Ständig Verspannungen im Schulter-Nacken-Bereich

Vielleicht ja. Möglicherweise ist die Gemengelage aber auch ein bisschen komplexer. Es ist ja nicht so, dass ich das Laufen einfach nur vermisst habe und auf Biegen und Brechen diesem liebgewonnenen Hobby nachgehen möchte. Mir fehlen auch die gesundheitlichen Vorteile, die das Laufen mit sich bringt. Seit Beginn meiner erzwungenen Laufpause habe ich ständig mit irgendwelchen Verspannungen im Schulter-Nacken-Bereich oder oberen Rücken zu tun. Und ich erinnere mich sehnsüchtig daran, dass die Schwingbewegungen der Arme beim Laufen früher immer geholfen haben, mich nach einem langen Tag am Schreibtisch zu lockern. Ich hatte immer nur sehr selten mit Rückenschmerzen zu tun. Doch nun scheue ich wegen der Schulterbeschwerden auch vor dem Radfahren zurück.

Laufverzicht schont die Ferse – triggert aber andere Probleme

Auch auf der Waage macht sich das Laufverbot bemerkbar. Eine Joggingrunde verbrennt nun einmal mehr Kalorien als ein Spaziergang von gleicher Dauer. Und so haben sich ein paar Kilos zurück auf meine Hüften geschlichen, die ich eigentlich auf Dauer hatte verbannen wollen. Übergewicht aber belastet bekanntlich den Bewegungsapparat und mithin ist daher auch nicht gut für meinen Fersensporn. Ich hatte also das Gefühl, mich gesundheitlich im Kreis zu drehen: Weil ich Fersenschmerzen habe, laufe ich nicht mehr. Weil ich nicht mehr laufe, habe ich Schulter- und Nackenprobleme. Weil Schulter und Nacken schmerzen, mag ich nicht Radfahren. Weil ich mich insgesamt weniger bewege, verbrenne ich weniger Energie und mein Gewicht steigt. Weil ich schwerer werde, kommt der Fersensporn langsamer zur Ruhe… Irgendwie ein Teufelskreis.

Nachvollziehbare Gründe, sich nicht „compliant“ zu verhalten

Gestern also habe ich mir gesagt: „Leck mich mal, Fersenschmerz. Ich laufe jetzt, ob es dir passt oder nicht.“ Und auch, wenn mein Orthopäden nun die Hände über dem Kopf zusammenschlagen würde (wenn er denn wüsste, dass ich nicht so folgsam bin wie er es gern hätte). Manchmal gibt es eben nachvollziehbare Gründe, sich nicht „compliant“ zu verhalten, also nicht auf den ärztlichen Rat zu hören. Weil mein Leben nicht nur aus diesem einen Problem besteht, zu dem mir mein Arzt eine Anweisung Therapieempfehlung gibt. Und weil das, was er mir nahelegt, vielleicht an der einen Front hilfreich ist, an einer ganz anderen Front aber sogar Schaden anrichtet.

Laufverbot schadet mir mehr als dass es mir nützt

Das ist ja genau das Kernproblem an Begriffen wie „Compliance“, die ich in meinem Beitrag über sensible Sprache und Diabetes kritisiert habe. Ob man es nun Compliance, Adhärenz oder Therapitreue nennt – die ärztliche Anweisung bezieht sich in der Regel immer auf einen isolierten Aspekt meiner Gesundheit. Für sie ergibt sie möglicherweise ja auch Sinn. Doch mein Körper und mein Leben werden von einem Haufen mehr Aspekten beeinflusst, die mein Arzt mit den Scheuklappen seiner jeweiligen Disziplin gar nicht alle in ihrer Gesamtheit im Blick behalten kann. Ich dafür schon eher. Für mich war gestern deshalb klar: Das Laufverbot schadet mir mehr als dass es mir nützt. Glaube ich zumindest.

Der Fersenschmerz hat sich noch nicht zurückgemeldet

Ich habe also meine Laufklamotten rausgesucht (musste mich dabei erstmal wieder ganz neu in dieser speziellen Schublade meines Kleiderschranks orientieren), Zucker gecheckt (stabile 142 mg/dL waren ein prima Ausgangswert), Traubenzucker und Telefon eingepackt, die obligatorischen Einlagen in die Laufschuhe gelegt und bin mit Christoph zu einer kurzen Laufrunde gestartet. Nicht einmal fünf Kilometer hatten wir uns vorgenommen. Auf den ersten paar hundert Metern hatte ich kurzzeitig Zweifel, ob es eine kluge Entscheidung war. Meine Ferse machte sich bei jedem Schritt leicht bemerkbar, und ich sah mich schon humpeln und einen OP-Termin vereinbaren. Doch nach dem ersten Kilometer wurde es besser. Zum Ende unserer Laufrunde tat der Fuß sogar gar nicht weh – und daran hat sich übrigens bis heute nichts geändert. Dafür sind meine Schultern lockerer als in den Tagen zuvor. Ich habe auch ein etwas größeres Kalorienbudget, das ich verputzen darf. Und ich bin deutlich zuversichtlicher, dass ich wieder ein sportlich aktiver Mensch sein kann – wie habe ich das nur vermisst!

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Gehpause und Sport-KE schon nach zwei Kilometern

Nicht zu leugnen ist allerdings, dass meine Kondition gewaltig unter der Laufpause gelitten hat. Ich konnte mich beim Laufen zwar mit Christoph unterhalten, und auch mein Puls blieb noch in einem akzeptablen Bereich. Doch wir trabten nur sehr langsam. Als die Strecke uns über ein sehr holpriges Wegstück führte, war ich ganz froh über die Gehpause, die Christoph vorschlug „um meinen Fuß zu schonen“. Ein kurzer Blick auf meine Zuckerkurve zeigte mir, dass auch hier eine kleine Pause angebracht war: Nach nur zwei Kilometern war mein Wert auf 104 mit steil fallender Tendenz abgesackt. In trainiertem Zustand kann ich fünf Kilometer laufen, ohne dass ich irgendwelche Sport-KE zu mir nehmen muss. Doch so einen Trainingsstand muss ich mir wohl erst wieder erarbeiten. Macht aber nichts – das Entscheidende ist, dass ich mich getraut habe, die Vor- und Nachteile selbst abzuwägen und einfach wieder mit dem Laufen zu beginnen. Drückt bitte die Daumen, dass ich es nicht in Kürze bereuen muss!


Übrigens: Vielleicht habt ihr euch ja gewundert, warum es hier in den vergangenen Wochen so ruhig war. Das lag dann aber tatsächlich an Corona. Ich habe einerseits in puncto Diabetes gerade nicht so viel zu erzählen, und andererseits führe ich auf meinem Lokal-Blog aktuell ein „Elmshorner Tagebuch gegen den Corona-Blues„, das ich meist mehrmals pro Woche mit Inhalt füttere. Da bleibt dann nicht mehr so viel Zeit für Blogbeiträge in Sachen Diabetes – bitte seht es mir nach! 🙂

Ein Kommentar zu “Laufen gegen den ärztlichen Rat – die Sache mit der „Compliance“

  1. Ich habe auch lang an einem Fersensporn gelitten und konnte nicht laufen…interessant, wie du über dein Leid berichtest.

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