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Diabetesmanagement: Wie lebt es sich in einem digitalen Ökosystem?

4 Kommentare

Schluss mit Kabelsalat und inkompatiblen Schnittstellen beim Diabetesmanagement – für diese Probleme hat Roche Diabetes Care künftig eine Lösung parat: Sie nennt sich „digitales Ökosystem“ und ist eine Cloud, die automatisch alle Daten aus sämtlichen Messsystemen sammelt. Der Arzt kann in Echtzeit darauf zugreifen und Tipps geben. Klingt verlockend. Ich habe dennoch meine Zweifel, dass das im Alltag funktionieren wird – und vielleicht ist das auch besser so.

Langsame Kohlenhydrate, schnelle Kohlenhydrate, Insulinzufuhr, Bewegung, Stress, Krankheit, Menstruationszyklus, Schlafqualität – wir wissen alle, dass diese Dinge unsere Glukosekurven beeinflussen. Und zwar immer alle zusammen. Doch in der Realität lassen sich die Daten aus der Diabetes-App nicht mit Pulsfrequenz, Schrittzähler und Schlaftracker aus dem Fitnessarmband zusammenführen. Und die Zyklus-App hat sowieso keine Schnittstelle mit anderen Programmen. Dabei wäre es doch praktisch, wenn ich meine Glukosekurven anschauen und dabei erkennen könnte, wie mein Menstruationszyklus, meine letzte Sporteinheit oder meine hektische Dienstreise dazwischenfunken.

Chaos bei den Messdaten – bei mir und am Empfangstresen der Diabetespraxis

In der Realität gibt es für jedes einzelne Phänomen eine separate App oder sogar ein eigenes Gerät, das mit einem Kabel an den Rechner angeschlossen wird, wie es sonst in kein anderes Gerät passt. Die vielen Messwerte und Daten laufen nirgendwo zusammen, was die Analyse extrem mühselig macht – für Menschen mit Diabetes ebenso wie für ihre Diabetespraxen, an deren Empfangstresen sich die Mitarbeiterinnen in unzähligen Kabeln für die vielen verschiedenen Geräte verheddern, deren Daten ausgelesen und in die Patientenakte übertragen werden sollen.

Roche will alle Diabetesdaten kompatibel machen und in der Cloud vernetzen

Die Firma Roche Diabetes Care will das ändern. Sie arbeitet an einer Cloud-Plattform, die sämtliche existierende und künftige Diabetes-Produkte und Dienstleistungen integriert und die Menschen mit Diabetes, ihre Behandlungsteams und möglicherweise auch die Kostenträger nahtlos miteinander verbindet. Beim diesjährigen Kongress der Europäischen Diabetesgesellschaft (EASD) in Lissabon stellte Roche dieses geplante „digitale Ökosystem“ erstmals der Öffentlichkeit vor. Wenn alles sich so entwickelt, wie der Konzern es anstrebt, dann könnte in Zukunft die folgende ausgedachte Geschichte tatsächlich passieren, die bei der Roche-Pressekonferenz zur Veranschaulichung des Konzepts erzählt wurde:

Eine junge Frau mit Diabetes – ich nenne sie jetzt einmal Marie – trabt nach Feierabend in ihrem Fitnessstudio auf dem Laufband, als ihr Fitnessarmband eine ungewöhnliche Herzfrequenz misst. Die Daten werden automatisch an die Cloud-Plattform gesendet, auf die auch ihr Diabetologe zugreifen kann. Der Arzt schreckt auf, weil ihn die Plattform über Maries Herzrumpeln informiert. Er studiert die Daten und kontaktiert umgehend einen Kardiologen, der die Stirn runzelt und ein Medikament empfiehlt, das Maries Herz wieder in Takt bringen soll. Gleich am nächsten Morgen fährt vor ihrer Wohnung ein Paketdienst vor und liefert ihr Herztabletten. Marie ist außer Gefahr – und ihr wurde geholfen, ohne dass sie lange auf einen Arzttermin hätte warten und sich mit vielen verschiedenen Geräten oder Apps herumschlagen müssen.

Diese kleine Geschichte, auch wenn sie bislang rein fiktiv ist, gefällt mir aus mehreren Gründen nicht.

  1. Wer stoppt die Datensammler, wenn mein Fitnessarmband Unsinn misst?

Ich weiß von meinem eigenen Fitnessarmband, dass auf die gemessenen Daten nicht immer Verlass ist. Vor einer Weile etwa, ich war gerade ausgeschlafen aus meinem Bett geklettert, meldete mein Fitnessarmband mir, dass es in meinen Bewegungsmustern nachts um 2:31 Uhr 28 Minuten Aerobic-Aktivität erkannt hat. Ich selbst hingegen erinnerte mich weder an unruhige Träume noch an bewegungsintensiven Matratzensport. Ich hatte ganz einfach erholsam geschlummert. In Sachen Schlafmessung scheint mein Fitnessarmband also nicht allzu verlässlich zu sein. Ich war außerordentlich erleichtert, dass es nicht mit einer Plattform vernetzt ist, die ihre Daten automatisch an meinen Diabetologen weiterfunkt. Der wäre aus meinen seltsamen Werten womöglich nicht schlau geworden und hätte sie an einen Neurologen oder Psychiater weitergeleitet, der mir dann überflüssige Medikamente gegen nächtliche Unruhe und übermäßigen Bewegungsdrang verschrieben hätte.

  1. Was geht es meinen Arzt an, was ich nachts im Schlafzimmer treibe?

Doch selbst wenn mein Fitnessarmband mit seiner Analyse richtig gelegen hätte: Geht es meinen Diabetologen und am Ende auch noch meine Krankenkasse wirklich etwas an, wenn ich nachts um halb drei durchs Zimmer tanze oder aufregenden Sex habe? Ich finde nicht, und dabei möchte ich es auch gern belassen.

  1. Welcher Arzt möchte rund um die Uhr über meine Daten wachen?

Welche Ärzte sollen diese lückenlose Fernüberwachung eigentlich übernehmen? Immerhin handelt es sich bei Diabetologen um eine langsam aussterbende Spezies: Es gibt schon jetzt zu wenige von ihnen, und bei jungen Ärzten ist das Fach nicht sonderlich beliebt. Immer weniger Diabetologen müssen also eine ständig wachsende Zahl von Menschen mit Diabetes betreuen. Da wird der einzelne kaum Zeit und Lust haben, sich rund um die Uhr mit echten oder absurden Alarmmeldungen aus meiner persönlichen Datensammlung zu beschäftigen.

Vernetzte Plattform? Tolle Idee! Doch ich will der Boss über meine Daten bleiben!

Damit wir uns nicht falsch verstehen: Eine vernetzte Plattform für all meine diabetesrelevanten Daten wäre wirklich ein Segen. Und wenn all diese Daten irgendwo zentral zusammengeführt werden, dann möchte ich lieber, dass sie von Roche und nicht zum Beispiel von einer Datenkrake wie Google oder Facebook verwaltet werden. Deshalb bin ich der Firma Roche Diabetes Care auch sehr dankbar für ihr Engagement auf diesem Gebiet.

Doch ich möchte selbst immer wieder neu bestimmen können, wer Zugriff auf meine Daten erhält. Mit einer automatischen Weiterleitung an meinen Arzt wäre ich allenfalls gelegentlich einverstanden, wenn meine Werte verrückt spielen und ich tatsächlich zwischen zwei Quartalsterminen vielleicht einmal ungefragt Hilfe benötige. Doch ich möchte immer unbedingt in alle Therapieentscheidungen eingebunden werden. Damit mich nicht eines Tages der Paketdienst mit ungefragt gelieferten Medikamenten beliefert, nur weil mein Fitnessarmband mal wieder Unsinn gemessen hat.

Ich habe den EASD-Kongress in Lissabon auf Einladung von Firma Roche Diabetes Care besucht, die meine Kosten für den Flug und drei Hotelübernachtungen übernommen hat. Mein Blogbeitrag spiegelt meine eigene, vom Gastgeber unbeeinflusste Meinung wider.

4 Kommentare zu “Diabetesmanagement: Wie lebt es sich in einem digitalen Ökosystem?

  1. Also für mein persönliches Diabetestagebuch würde ich so eine Schnittstellenunabhängige Lösung sehr begrüßen. Leider finde ich bis Dato keine App oder Cloud-basierte Lösung dazu:-(
    Dicht dran war mySugr, bis sie sich und ihre Ideale verkauft haben.

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  2. Pingback: Digitaler Insulinpen? Klingt erstmal gut. Warum der Pendiq 2.0 trotzdem keine Option für mich ist. | Süß, happy und fit

  3. Wer heutzutage noch meint er könne „Herr seiner Daten“ sein ist ein Traumtänzer.
    Was geschieht mit den Daten die in die Diabetes Apps eingespeist werden? Der LIBRE z.B. schickt alles absolut ungefragt in die USA, sämtliche Daten können dem jeweiligen Menschen zugeordnet werden.

    Was nützt die gesamte Datenflut wenn der Arzt, oder wer auch immer, diese nicht vernünftig auswerten kann. Wobei ich von den beiden Ärzten ausgehe die ich kennengelernt habe. Wir benötigen also wirklich Experten.

    Davon aber mal abgesehen, es existiert in Deutschland schon eine telemedizinische Betreuung und die Institution macht in meinen Augen Sinn.

    http://www.kadis-online.de

    http://www.kadis-online.de/downloads/presse/170707-pm-kadis.pdf

    Das Karlsburger Diabetes-Management System KADIS®.

    Katsch Institut, Karlsburg, war während der DDR Zeit absolut führend bzgl. Diabetes.

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  4. Hallo,
    interessanter Artikel. Ich bin jedoch ebenfalls der Meinung, daß ich und sonst niemand die relevanten Daten sortiere und gegebenenfalls selektiere. Es gibt viele andere Bereiche, die man kompatibler gestalten sollte.
    Es ist meines Erachtens wichtiger, endlich mehr Energie in die Heilung des Diabetes, sei es nun, wie bei mir Typ 1, oder auch Typ 2 zu investieren.
    Weiterhin muß man auch mal über das umständliche Genehmigungsprocedere bei der Pumpenbehandlung nachdenken. Das grenzt ja fast schon an investigative Detektivarbeit der Krankenkassen. Ich möchte nicht zum gläsernen Patienten werden; wir schlagen uns schon mit genug Datensalat bezüglich des Diabetes rum, jeden f…ing Tag. Irgendwann längst mal. Finde ich :-))

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