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Von wegen zuckerkrank – ein Blog über glückliches Leben, leckere Ernährung und Sport mit Typ-1-Diabetes

Digitaler Insulinpen? Klingt erstmal gut. Warum der Pendiq 2.0 trotzdem keine Option für mich ist.

Ein Kommentar

Vor einer Weile habe ich von Roche Diabetes Care den neuen Pendiq 2.0 zugeschickt bekommen, damit ich ihn einmal im Alltag testen kann. Dieser Insulinpen wird nicht mechanisch, sondern elektronisch gesteuert, kann Insulin in besonders kleinen Schritten (0,1 IE) dosieren und speichert zudem Zeitpunkt und Dosis der Insulininjektion.

Eine feine Sache also, wenn man als Pumpenverweigerer auch ein bisschen bei der Digitalisierung mitmachen möchte, dachte ich mir. Denn immerhin bewirbt Roche Diabetes Care den Pendiq 2.0 schon seit einer ganzen Weile als Teil eines großen entstehenden Ökosystems, in das jeder Nutzer alle Diabetesdaten aus den unterschiedlichsten Geräten einfließen lassen und dort zusammen auswerten kann. Was den Pendiq 2.0 angeht, sehe ich für mich allerdings bis dato keine Möglichkeit, die Daten aus dem Insulinpen heraus in eine brauchbare App zu exportieren, in der ich dann Insulin- und Glukosedaten zusammenführe und auswerten kann.

Roche will aus SmartPix und MySugr ein digitales Ökosystem bauen

Wenn man in Kongress-Symposien und auf Blogger-Events den Vertretern von Roche Diabetes Care lauscht, dann erfährt man in etwa dies: Das besagte entstehende digitale Ökosystem besteht auf Arztseite aus der Software SmartPix und auf der Patientenseite aus der Smartphone-App MySugr. SmartPix gibt es schon länger und diente zunächst dazu, die Blutzucker- und Insulinpumpendaten von Geräten aus dem Hause Roche einzulesen. Die Software verfügt über wirklich gute Analysemöglichkeiten wie etwa eine Mustererkennung, mit der man regelmäßigen Ausreißern im Diabetesmanagement sehr gut auf die Schliche kommen kann. Seit neuestem hat Roche die Schnittstellen von SmartPix auch für Geräte anderer Hersteller geöffnet, sodass Diabetespraxen peux à peux mit dieser Software Daten aus allen möglichen Geräten einlesen können. Voraussetzung ist natürlich, dass die Hersteller anderer Geräte ebenfalls mitspielen – und dass die Diabetespraxis grundsätzlich von SmartPix überzeugt ist und bereit ist, monatliche Lizenzgebühren dafür zu zahlen (in meiner Diabetespraxis wird meines Wissens jedenfalls nicht mit SmartPix gearbeitet).

Offene Schnittstellen und Datenintegration sind ein hochkomplexes Unterfangen

Seitdem Roche MySugr gekauft hat, fungiert diese Smartphone-App als „Gesicht von Roche nach außen zu den Patienten“. Langfristig sollen Anwender – wir Menschen mit Diabetes – also die Möglichkeit haben, alle Diabetesdaten aus allen möglichen Geräten in MySugr einzulesen und dort nach unseren jeweiligen Bedürfnissen auszuwerten. Und beim Termin in der Diabetespraxis werden die Daten dann in SmartPix importiert, sodass die Diabetesberaterin oder der Diadoc wiederum eigene Analysen anstellen können. Grundsätzlich halte ich das für eine tolle Idee (auch wenn ich mir nicht sicher bin, ob die generelle Trennung in eine Arzt- und eine Patientenoberfläche wirklich notwendig und sinnvoll ist, aber das nur am Rande) und gestehe dem Ganzen auch zu, dass es nicht von heute auf morgen umzusetzen ist, weil das nun einmal ein hochkomplexes Unterfangen ist.

Daten vom Pendiq 2.0 lassen sich trotz Ankündigung nicht in MySugr importieren

Aber. Klar, jetzt kommt das große Aber. Und damit kommen wir wieder zum eigentlichen Thema – meinem Test des Pendiq 2.0 – zurück: Ich hätte doch erwartet, dass  in Sachen Konnektivität zumindest ein paar Dinge funktionieren, so ein Lichtstreif am Horizont, der schon einmal ins Richtung digitales Ökosystem weist. Stattdessen ist es für mich bislang schlicht unmöglich, die Daten aus dem Pendiq 2.0 herauszubekommen und irgendwie für mich nutzbar zu machen. In den FAQ von Pendiq kann man lesen, man sei „bemüht, Anfang 2018 die Kompatibilität mit der mySugr App anzubieten“. Anfang 2018 ist nach meinem Empfinden inzwischen vorbei, doch bislang hat sich in dieser Angelegenheit noch nichts getan. Ich wäre für den Test durchaus bereit gewesen, noch einmal zu MySugr zurückzukehren, das ich 2017 widerwillig verlassen habe, weil ich meine Glukosedaten aus dem Freestyle Libre (FSL) bis dato nicht mit dem Smartphone (ich nutze ein knapp zwei Jahre altes iPhone SE) auslesen und erst recht nicht in MySugr importieren kann. Ich hätte meine FSL-Daten vielleicht wirklich zumindest für eine Weile wieder manuell in MySugr eingetragen, wenn die App dafür schon automatisch wüsste, wie viel Insulin ich wann gespritzt habe. Doch wie gesagt – die Integration funktioniert noch nicht, ein Termin hierfür ist bis dato auch noch nicht bekannt.

Die zum Pendiq 2.0 gehörende App Dialife ist nur für Android verfügbar

Es bliebe – theoretisch – also die Smartphone-App des Pendiq 2.0 selbst, die allerdings nicht für iOS, sondern nur für Android verfügbar ist und für mich damit ebenfalls nicht in Frage kommt. Damit ich nun überhaupt mal irgendwas testen kann und den Pendiq nicht gleich frustriert in die Ecke werfe, hat mein Mann Christoph sich mit seinem Android-Smartphone im Google-Playstore deshalb die zum Pendiq gehörende App Dialife der Firma Diamesco heruntergeladen. Ich hatte zwischenzeitlich den Pen einmal benutzt, sodass die Daten einer (wohlgemerkt EINER) Injektion (Zeitpunkt, Insulinart, Dosis) in seinem Speicher waren.

Die Dialife-App entpuppte sich als totale Katastrophe

Im Google-Playstore hatten wir schon gesehen, dass die App sehr schlecht bewertet wurde (bei 13 Bewertungen 12x nur einer von fünf möglichen Sternen, 1x zwei Sterne, das ist in Schulnoten eine 5- oder so). Wir waren also vorgewarnt. Tatsächlich entpuppte sich die App als totale Katastrophe. Sie ließ sich zwar via Bluetooth mit dem Pen koppeln, stürzte aber immer wieder ab – und nach jedem Neustart der App war meine eine Insulininjektion ein weiteres Mal importiert worden. So lassen sich mit wenig Aufwand viele Daten sammeln. Spaßeshalber probierten wir, ob man auch manuell Insulininjektionen einfügen kann, obwohl das doch eigentlich widersinnig ist: Denn wenn man für seine Insulininjektionen den Pendiq 2.0 verwendet, speichert er sie ja und es gibt überhaupt keinen Anlass für manuelle Nachträge. Doch man kann beliebig weitere Insulininjektionen (und korrespondierende Glukosedaten) manuell eintragen, ohne dass diese irgendwie als manuelle Einträge gekennzeichnet wären. Sie sind in der App hinterher nicht von den automatisch aus dem Pen importierten Daten zu unterscheiden (was ich schon einmal für einen groben Fehler halte).

 

Aus einem einzigen echten Insulinwert beliebig wilde Diagramme zaubern

Das Nutzermenü der Dialife-App ist für meine Begriffe nicht wirklich intuitiv bedienbar, dennoch fanden wir irgendwann die Option, mit der man sich Grafiken für die Analyse von Werten anzeigen lassen kann. Wohlgemerkt hatte ich nur eine einzige echte Injektion mit dem Pendiq 2.0 durchgeführt, und mit einem einzigen Messwert hat man ja eigentlich nicht genug Daten für ein Kurvendiagramm. Doch mit der Dialife-App ist das alles kein Problem. Weil wir ein paar Daten manuell nachgetragen und die einzige echte Injektion mit jedem Neustart der App dupliziert hatten, gab es auf einmal eine beachtliche Menge Insulindaten, aus denen die App auch schicke Grafiken bastelte. Wirklich verblüffend, was man alles aus einer einzigen realen Insulininjektion zaubern kann! Dass die Zeitachse nicht proportional angezeigt wird und damit einen verzerrten Eindruck vermittelt – geschenkt! Sind ja sowieso keine echten Daten.

 

Wo bleibt eigentlich das Gütesiegel für medizinische Apps?

Wenn man sich diesen Mist anschaut, kann man eigentlich nur froh sein, dass man diese Daten keinem Arzt zur Auswertung überspielen kann. Aber mal im Ernst: Das ist eine lieblos zusammengezimmerte App, die dem Anspruch an zuverlässige und sichere Medizintechnik nicht im geringsten gerecht wird. Dass es bei Apps nicht immer ganz koscher zugeht, die von irgendwelchen Hobby-Entwicklern mal schnell programmiert, ins Appstore gestellt und dann vergessen werden, das wundert mich nicht. Doch dass ein großer und qualitätsbewusster Konzern wie Roche mit dem Pendiq 2.0 ein Produkt mit an Bord nimmt, dessen begleitende (und aktuell leider alternativlose) App derart grottenschlecht ist, hat mich dann doch enttäuscht und irritiert. Und by the way, wo bleibt eigentlich das Gütesiegel für medizinische Apps?

Der Pendiq 2.0 selbst hat unbestreitbar auch ein paar Vorteile

Auch wenn mich das digitale Beiwerk nicht überzeugen konnte, könnte ich den Pendiq 2.0 prinzipiell natürlich auch ohne die App benutzen und Insulininjektionen wie gehabt per Hand in die App meines Vertrauens eintippen. Immerhin hat der Pen ein paar Vorteile gegenüber manuellen Insulinpens, die eine fehlende App wieder wettmachen könnten:

  • Feine Dosierung. So kann man beim Pendiq 2.0 ab einer Mindestdosis von 0,5 IE die Dosis in Schritten von 0,1 IE einstellen. Das ist für besonders insulinempfindliche Menschen sicherlich eine feine Sache. Mir persönlich reichen allerdings die 0,5er Schritte, die ich mit meinem Humapen Luxura einstellen kann.
  • Datenspeicher. Dann wäre da natürlich der Speicher: Für Leute wie mich, die leicht schusselig sind und sich auch gern mal ablenken lassen, eigentlich toll. Denn es passiert immer wieder mal, dass ich meinen Pen in der Hand halte und mich frage: „Moment mal, habe ich nun schon gespritzt oder nicht?“ Handgriffe wie das Insulinspritzen sind nun einmal so alltäglich, dass man sich nicht an jeden einzelnen bewusst erinnern kann.

Für mich wiegen die Nachteile des Pendiq 2.0 allerdings schwerer

Doch das war’s aus meiner Sicht schon mit den Vorteilen. Daneben gab es nämlich einige Punkte, die mich gestört haben:

  • Der Insulinpen braucht Strom. Der Pen hat einen kleinen Motor für die Insulinabgabe und einen Speicher. Also braucht er auch Strom und muss daher regelmäßig aufgeladen werden. Oh nein, nicht noch ein Gerät, das alle paar Tage an die Steckdose muss! Mir wurde das praktisch erst in dem Moment bewusst, also ich den Pen für die erste Injektion aus der Packung holte und naiv dachte, ich könne einfach sofort loslegen und mir meine 1,5 Einheiten für den Keks spritzen, der mich auf meinem Schreibtisch schon so nett anlachte. Ging aber nicht, der Pendiq musste erst über das USB-Kabel geladen werden – und während des Ladevorgangs kann grundsätzlich kein Insulin abgegeben werden.
  • IMG_9767.jpgGroß und unhandlich. Der Pendiq 2.0 ist ein ganz schöner Klopper. Es ist logisch, dass ein Gerät mit einer digitalen Anzeige und elektronischem Innenleben nicht ganz so schlank daherkommen kann wie ein gewöhnlicher mechanischer Insulinpen. Doch muss das Ding auch so lang sein? Jedenfalls passt er nicht in mein geliebtes Diabetestäschchen – und ihr wisst ja, wie krüsch ich in Sachen Diabetestäschchen bin. Mein Täschchen lässt mit dem Pendiq 2.0 nicht mehr schließen und ich müsste mich ganz von vorn auf die Suche nach einem geeigneten Täschchen begeben, wenn ich ihn in mein Diabetesmanagement integrieren wollte. Hinzu kommt, dass ich bei einem Umstieg auf Pendiq 2.0 ja eigentlich noch ein zweites Exemplar für mein Basalinsulin benötigen würde, also noch so ein Klopper in der Tasche. Darauf habe ich keine Lust.
  • Alles dauert länger. Eine Insulininjektion dauert deutlich länger als mit einem konventionellen mechanischen Insulinpen. Denn bevor man loslegen kann, erscheint auf dem Display erst einmal der Hinweis, dass der Pen entlüftet werden will. Klar, es ist besser, wenn keine Luftbläschen in der Insulinampulle sind. Doch Hand auf’s Herz: Wenn es mal schnellgehen soll, lässt man es eben bleiben und das ist dann auch kein Drama. Der Pendiq 2.0 kennt da aber kein Pardon und besteht auf Entlüftung: ein Klick, ein surrendes Geräusch, dann die Mitteilung im Display, dass es losgehen kann. Man stellt die Zahl der Einheiten ein, sticht zu und betätigt dann das Knöpfchen, das den Motor in Gang setzt, der das Insulin abgibt. Auf dem Display kann man den Prozess verfolgen und bekommt ein Signal, wenn der Vorgang abgeschlossen ist. Bei meinen testhalber abgegebenen 1,5 Einheiten für einen Keks war das keine sehr lange Zeit, doch mit dem mechanischen Pen wäre es definitiv schneller gegangen. Nach der Injektion erscheint im Display des Pendiq 2.0 noch ein Countdown, bis man die Nadel endlich aus dem Bauch rausziehen darf. Auch das kennen wir vom mechanischen Pen, denn wenn man die Nadel sofort wieder rauszieht, kann ein Teil der Insulinmenge aus der Injektionsstelle wieder austreten. Nur hat man es beim mechanischen Pen halt selbst in der Hand, wie gewissenhaft man sein Schulungswissen im Einzelfall anwenden möchte. Summa summarum hatte ich den Eindruck, dass ich mir mit dem Pendiq 2.0 nicht „mal so eben“ einen Schuss setzen kann, sondern für jede Insulingabe ein bisschen mehr Zeit mitbringen sollte, auch wenn die Insulinabgabe damit sicherlich ein bisschen mehr lehrbuchgerecht erfolgt.

Alles zusammen hat mich der Pendiq 2.0 nicht überzeugt. Ich bleibe also bei meinem bewährten mechanischen Insulinpen, der zwar keinen eigenen Grips hat, aber dafür in mein Täschchen passt und auch ohne Stromversorgung jederzeit schnell einsatzbereit ist.

Wenn jemand von euch Interesse an dem Testexemplar hat – bitte einfach melden unter info@antje-thiel.de. Wer zuerst mailt (bitte Adresse mit angeben, damit ich den Pen versenden kann), dem schenke ich mein Testexemplar.

Ich habe den Pendiq 2.0 von Fa. Roche Diabetes Care unentgeltlich für einen Produkttest erhalten. Mein Blogbeitrag spiegelt meine eigene, vom Hersteller unbeeinflusste Meinung wider.

Ein Kommentar zu “Digitaler Insulinpen? Klingt erstmal gut. Warum der Pendiq 2.0 trotzdem keine Option für mich ist.

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