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Von wegen zuckerkrank – ein Blog über glückliches Leben, leckere Ernährung und Sport mit Typ-1-Diabetes

Heilung von Diabetes: Fake News oder berechtigte Hoffnung?

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Juchu, es ist wieder Diabetes-Blogwoche! Beim heutigen Thema am Tag 1 der DBW2019 geht es um die Heilung von Diabetes. Ist Heilung möglich? Was bedeutet Heilung überhaupt? Und was ist in meinen Augen eben keine Heilung?

Das sind spannende Fragen, mit denen ich mich auch hier in der Vergangenheit schon einmal beschäftigt habe. Und zwar im Zusammenhang mit einer Reise ins Forschungslabor von Novo Nordisk, wo man aus menschlichen Stammzellen neue Betazellen heranzüchtet, die irgendwann mittelfristig einmal für die Therapie des Typ-1-Diabetes eingesetzt werden sollen.

Biomedical research

Foto: Novo Nordisk

Toll und vielversprechend – bis auf den Begriff Heilung

Was ich dort in Kopenhagen erfahren habe, klang wirklich toll und vielversprechend. Doch ein bisschen störte ich mich an dem Begriff Heilung, der in den Diskussionen beständig durch den Raum waberte. Denn stellen wir uns einmal vor, es wäre tatsächlich in zehn bis 15 Jahren möglich, Menschen mit Typ-1-Diabetes ein kleines Implantat einzupflanzen, das aus Stammzellen gezüchtete nagelneue Betazellen enthält, die dann meine Insulinversorgung sicherstellen und auch nicht von meinem fehlgesteuerten Immunsystem plattgemacht werden.

Ohne Therapie würden meine Zuckerwerte wieder Achterbahn fahren

Das wäre toll. Ich könnte mein Diabetestäschchen einmotten, müsste nicht mehr xmal pro Tag meinen Glukosewert messen, Kohlenhydrate berechnen, Angst vor Hypos haben und über den besten Zeitpunkt für Sport nachdenken. Alles beinahe wie früher. Allerdings hätte ich immer noch Typ-1-Diabetes. Wenn die Lebenszeit meines Implantats abgelaufen wäre oder es vorzeitig seinen Geist aufgegeben hätte, dann würden meine Zuckerwerte sich sofort wieder eine Dauerkarte für die Achterbahn besorgen. Nichts wäre dauerhaft repariert. Für mich bedeutet Heilung, dass ich mit der bislang verwendeten Therapie aufhören kann, ohne dass mein Körper wieder in seine lästigen diabetischen Gewohnheiten verfällt. Und damit wäre leider auch bei der allercoolsten Stammzelltherapie nicht zu rechnen. Da müsste schon der Autoimmunmechanismus entschlüsselt und rückgängig gemacht werden, der Typ-1-Diabetes auslöst. Dergleichen ist aber zurzeit überhaupt nicht in Sicht. Es gibt also keine Heilung für Typ-1-Diabetes.

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Bücher mit solchen Titeln haben keine Chance, meine Lieblingslektüre zu werden!

Typ-2-Diabetes – mehr Disziplin – mehr Sport – weniger Essen – Heilung?

Heilung gibt es übrigens auch nicht für Typ-2-Diabetes, auch wenn man sich in letzter Zeit kaum retten kann vor Meldungen oder Buchtiteln, die genau das verheißen. Die verheißungsvolle Botschaft „Diabetes ist heilbar“ geistert zwar schon seit langer Zeit durch die Gazetten und weckt kaum erfüllbare Erwartungen und Hoffnungen. Doch seit 2018 im Fachjournal Lancet die sogenannte DiRECT-Studie erschienen ist, ist eine wahre Flut an Texten hinzugekommen, die genau das suggerieren: Typ-2-Diabetes ist heilbar, wenn man nur diszipliniert genug ist, die Speckröllchen bekämpft und sich eine gesunde Lebensweise angewöhnt.

Darum ging es in der vielzitierten DiRECT-Studie

Doch ist das wirklich eine zutreffende Aussage? Worum ging es eigentlich in der DiRECT-Studie? Hier die Eckpunkte: An der Studie nahmen 298 übergewichtige Menschen teil, die maximal 6 Jahre zuvor die Diagnose Typ-2-Diabetes erhalten hatten. Sie mussten eine strikte Diät einhalten, bei der sie nur 500 bis 800 Kalorien pro Tag zu sich nehmen durften. Das Essen bestand überwiegend aus Formulanahrung. Ziel war es, mindestens 15 Kilogramm Gewicht abzunehmen. Die Hälfte der Teilnehmenden schafften es, ihren Zuckerstoffwechsel wieder zu normalisieren. Sie erreichten also eine Remission des Diabetes. Denjenigen, die ihr Gewicht um mehr als 15 Kilogramm reduzieren konnten, gelang diese Remission zu etwa 85 Prozent. Wer ’nur‘ etwa 10 Kilogramm abspeckte, hatte eine 50:50 Chance auf eine Diabetes-Remission. Bei denen, die nur etwa 5 Kilogramm abnahmen, lag die Erfolgsquote nur noch bei etwa 20 Prozent.

Nur 500 Kalorien am Tag? Das ist schlimmer als jedes Bootcamp!

In der Fachwelt sorgte die DiRECT-Studie für einiges Aufsehen. Kein Wunder, denn sie zeigte, dass Menschen mit Typ-2-Diabetes ihrem Schicksal nicht ganz ausgeliefert sind. Sie können einiges dafür tun, ihren Blutzucker ohne Insulin oder sogar gänzlich ohne Medikamente in den Griff zu bekommen. Doch wenn man sich die Eckdaten der Studien anschaut, sieht man eben auch, dass dies nicht für alle Betroffenen funktionieren kann und wird. Zum einen ist eine Diät mit nur 500 bis 800 Kalorien pro Tag hart. Also wirklich hart. Schlimmer als jedes Bootcamp. Nur mal zum Vergleich: Ich habe 2018 (ausgehend von nur leicht übergewichtigen 70 Kilogramm Körpergewicht) 8,5 Kilogramm abgenommen, indem ich meine tägliche Kalorienzufuhr um 500 Kalorien gedrosselt habe. Nicht auf 500 Kalorien, sondern um 500 Kalorien. Gegessen habe ich zwischen 1500 und 1800 Kalorien pro Tag, und schon das hat mir manchmal einiges an Willensstärke abverlangt. Aktuell sind leider die Hälfte dieser abgenommenen Kilos schon wieder drauf, weil… weil es halt so passiert ist. Zurzeit wiege ich um die 66 Kilogramm und ärgere mich gelegentlich über diesen klassischen Jojo-Effekt.

Nachhaltig abzunehmen ist nun einmal sehr, sehr schwer

Aber ich weiß eben auch: Es ist nicht leicht, seine Ernährungsgewohnheiten nachhaltig umzustellen. Christoph und ich sind Genießer, testen gern Restaurants und belohnen einander gern mit leckerem Essen. Mein Mann heißt nicht umsonst Mr. Kochunlust. Dieses Denken ist aus unseren Köpfen auch nicht ohne Weiteres herauszubekommen. Genau genommen wollen wir es nicht einmal aus unseren Köpfen herausbekommen. Nun sind wir sportlich aktiv und haben uns im Wesentlichen auch zuvor schon ausgewogen ernährt. Unsere Lebensgewohnheiten waren nie extrem ungesund. Und trotzdem ist es uns sehr schwer gefallen, und unser Abnehmerfolg war nicht nachhaltig. Wie soll es also Menschen ergehen, die über einen sehr langen Zeitraum sehr ungesunde Gewohnheiten entwickelt haben, die einen Typ-2-Diabetes begünstigt haben? Es sagt sich so leicht: Du musst einfach nur weniger essen und dich mehr bewegen! Doch tatsächlich ist das verdammt schwer.

Hallo Vorurteil: Wer Typ-2-Diabetes hat, ist quasi selber schuld

Wenn nun aber alle möglichen Schreiberlinge der Öffentlichkeit vorgaukeln, man könne Typ-2-Diabetes mit einfach ein bisschen mehr Disziplin heilen, dann setzt dies Betroffene enorm unter Druck. Denn wenn es ihnen nicht gelingt, ihren Diabetes zu heilen, dann haben sie versagt und einmal mehr unter Beweis gestellt, was viele ohnehin über Menschen mit Typ-2-Diabetes denken: dick, dumm, Diabetes. So werden Menschen mit Diabetes zu Schuldigen, die sich ihre Erkrankung selbst zuzuschreiben haben. Die man deswegen verachten und drangsalieren darf. Und diese Stigmatisierung finde ich schlimm.

Verantwortung? Ja! Schuld? Nein!

Natürlich trägt jeder Mensch Verantwortung für seine Lebensweise und seine Gesundheitsentscheidungen. Viele Menschen mit Typ-2-Diabetes haben über lange Jahre Raubbau an ihrem Körper getrieben, und es wäre wünschenswert, wenn es ihnen gelänge, einen anderen Weg einzuschlagen. Doch das ist nur die eine Seite der Medaille. Denn die Veranlagung für Typ-2-Diabetes wird vererbt. Und für seine Gene kann man nun einmal nichts. Hinzu kommt, dass Typ-2-Diabetes oft erst sehr spät erkannt wird, wenn die Insulinresistenz bereits sehr stark ausgeprägt ist, die Bauchspeicheldrüse schon arg in Mitleidenschaft gezogen wurde ist und zum Teil auch schon Folgeerkrankungen aufgetreten sind. Bei vielen ist das sprichwörtliche Kind leider schon in den Brunnen gefallen, bevor der Diabetes überhaupt diagnostiziert wurde. Nicht alle Menschen mit Typ-2-Diabetes starten also mit den gleichen Chancen auf die vermeintliche Heilung in ihre Therapie. Die Schuldkarte zu spielen ist alles andere als fair.

Was ein Typ-2-Blogger zum Thema Heilung sagt

Überhaupt ist der Begriff Heilung auch hier überhaupt nicht angebracht. Ich empfehle an dieser Stelle einmal einen Blogbeitrag von Jörg Lohse, auf dessen Blog ich erst kürzlich aufmerksam geworden bin. Jörg hat Typ-2-Diabetes und gehört damit zu der seltenen Spezies der Typ-2-Blogger. Zum Thema Heilung schreibt er sehr treffend:

Von einer wirklichen Heilung könnte man sprechen wenn der Betroffene, wie vor seiner Erkrankung z.B. einen Schokoriegel essen könnte ohne dass sein Blutzucker kurzzeitig übermäßig ansteigt bzw. schnell wieder fällt obwohl er auf dem Sofa sitzt und sich nicht bewegt. Dies ist jedoch meistens nicht der Fall. Steigt der Blutzucker häufiger über ein bestimmtes Maß an, so steigt auch der HbA1c-Wert im Laufe der Zeit wieder. Daran hat sich auch nach dem absetzen der Medikamente nichts geändert. Die Folge wäre, dass der Betroffene wieder beginnen muss Medikamente einzunehmen oder Insulin zu spritzen. Deshalb finde ich es sehr gewagt von einer Heilung zu sprechen. Die richtige Wortwahl wäre in diesem Fall wohl eher „Linderung“.

Was die Deutsche Diabetes Gesellschaft zum Thema Heilung sagt

Ähnlich hat sich seinerzeit übrigens auch die Deutsche Diabetes Gesellschaft zur DiRECT-Studie geäußert. Sie betonte, eine Remission sei nicht gleichbedeutend mit einer Heilung. „Von einer Remission sprechen wir, wenn die Symptome einer Erkrankung bis zur Normalisierung abgeschwächt sind – das kann sowohl vorübergehend als auch dauerhaft der Fall sein“, heißt es darin. Es bestehe die Möglichkeit, dass der Typ-2-Diabetes nach einer gewissen Zeit wieder zurückkehrt. Diese Anmerkungen finden sich allerdings erst im sechsten Absatz der Pressemitteilung – also dort, wo der gemeine Boulevard-Journalist längst aufgehört hat zu lesen. Und so sind die unseligen Schlagzeilen in der Welt, finden ihren Weg in die Köpfe. Doof finde ich das.

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Wollt ihr gern wissen, was anderen Bloggerinnen und Bloggern zum Thema Heilung durch den Kopf gegangen ist? Dann klickt euch hier durch ihre Beiträge. Morgen geht es weiter mit der DBW2019, dann mit dem Thema „Was ich bei der Diagnose gern gewusst hätte“. Also stay tuned!

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