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Warum manche Menschen (mit oder ohne Diabetes) früher gegen Corona geimpft werden

3 Kommentare

Heute schreibe ich über Impfneid. Ich finde, das ist ein ziemlich hässliches Thema. Klar, niemand möchte sich gern mit Corona infizieren. Alle haben mehr oder weniger Angst davor, was die Krankheit mit ihnen anstellen, welche Langzeitfolgen sie nach sich ziehen könnte. Es ist also verständlich, wenn Menschen gern möglichst früh gegen das Virus geimpft werden möchten.

Aber weil Impfstof (noch) knapp ist, haben manche Leute etwas seltsame Vorstellungen davon, wer zuerst geimpft werden sollte und wer sich noch ein wenig gedulden sollte. In den vergangenen Wochen ist mir bei meinen Streifzügen durch’s Netz bzw. durch die sozialen Medien zweierlei aufgefallen: Zum einen scheinen viele die Vorstellung zu haben, dass eine Impfung eine „Belohnung“ für besondere Verdienste ist. Und zum anderen gibt es die Meinung, dass Menschen, die sich in der Vergangenheit vielleicht nicht so gewissenhaft um ihre eigene Gesundheit gekümmert haben, eine frühzeitige Impfung nicht „verdient“ haben.

Da wären zum Beispiel die Posts von Personen, die im Krankenhaus oder in einer Arztpraxis (und damit an vorderster Corona-Front) arbeiten und die deswegen ja schon seit geraumer Zeit gegen Corona geimpft sind. Wie oft habe ich unter den Posts, mit denen sie über ihre Impfung berichteten, Kommentare gelesen wie „Super, das hast du dir so sehr verdient!“. Anfangs war mir gar nicht so bewusst, warum mich so ein Kommentar irritiert. Denn ich freue mich natürlich für sie, weil sie ja – wie gesagt – an vorderster Front gegen die Pandemie kämpfen und besonders gefährdet sind. Aber dann ging mir auf, was mich stört: Die Formulierung „verdient“ suggeriert in meinen Augen, dass manche die Impfung als eine Art Belohnung begreifen. Belohnung dafür, dass sie sich in der Krise besonders verdient machen und den Laden am Laufen halten.

Impfen ist keine Belohnung für wohlfeiles Verhalten

Dabei geht es beim Impfen ja nicht um eine Belohnung für wohlfeiles Verhalten, sondern um den Schutz vor einem gefährlichen Virus. Und dieser Schutz sollte angesichts von Impfstoffknappheit zuerst denjenigen gewährt weden, die besonders gefährdet sind, sich mit Covid-19 anzustecken. Das sind zum einen die Menschen, die von Berufs wegen mit vielen möglicherweise infizierten Personen Kontakt haben, die sich zum Schutz vor dem Virus nicht ins Home Office zurückziehen können und auf deren Arbeitsleistung man gerade in einer Pandemie unmöglich verzichten kann. Und zum anderen diejenigen, bei denen im Falle einer Infektion das Alters eine Vorerkrankung oder ein allgemein schlechter Gesundheitszustands mit viel höherer Wahrscheinlichkeit zu einem schweren oder sogar tödlichen Verlauf führen würde.

Ganz umsonst angestrengt und den HbA1c niedrig gehalten?

Am Anfang der Pandemie gab es ja in der Community große Verunsicherung in der Frage, ob Menschen mit Diabetes per se besonders gefährdet für einen schweren oder tödlichen Verlauf sind – oder ob ihr persönliches Risiko eher mit ihrer Stoffwechsellage und ihrem allgemeinen Gesundheitszustand zusammenhängt. Zum Glück sind die Fachleute inzwischen überzeugt davon, dass Menschen mit Diabetes, die eine stabile Stoffwechsellage aufweisen und ansonsten gesund sind, nicht stärker gefährdet sind als andere. Das ist ja erst einmal eine super Nachricht. Doch das bedeutet natürlich auch, dass Menschen mit Diabetes ohne Komplikationen keinen Anspruch auf eine vorrangige Impfung gegen Corona haben. Und genau da geht leider das große Hauen und Stechen los. In einer früheren Fassung der Impfverordnung der Bundesregierung hieß es noch, dass Menschen mit Diabetes mit einem HbA1c-Wert höher als 7,5% früher geimpft werden sollten als diejenigen mit niedrigeren (und damit gesünderen) Langzeitwerten. Wie oft habe ich dazu wütende oder sarkastische Kommentare gelesen wie „Na toll, da habe ich mich also ganz umsonst angestrengt und meinen HbA1c-Wert unter 7,5% gehalten!“

Freut euch lieber, wenn ihr nicht besonders gefährdet seid!

Sorry Leute, da kann ich einfach nur ungläubig mit dem Kopf schütteln. Wenn wir hier überhaupt in den Kategorien „Belohnung“ und „Strafe“ argumentieren wollen, dann werden wir für besonderen Einsatz beim Diabetesmanagement nicht mit einer frühzeitigen Impfung belohnt, sondern mit einem insgesamt besseren Gesundheitszustand, der unseren Körper robuster macht und mit dem nicht nur das Risiko für einen schweren Verlauf von Covid-19, sondern nebenbei auch das Risiko für andere Folge- oder Begleiterkrankungen des Diabetes sinkt. Das ist ein Grund sich zu freuen, nicht ein Grund enttäuscht oder wütend zu sein! Inzwischen orientiert sich die Impfverordnung übrigens nicht mehr am HbA1c als entscheidendem Parameter für die Priorisierung. Stattdessen nennt sie den „Diabetes mit Komplikationen“ als Grund für eine „hohe Impfpriorität“ (Gruppe 2), während Menschen mit Diabetes ohne Komplikationen in Gruppe 3 mit „erhöhter Impfpriorität“ zu finden sind.

Ich muss nochmal aus diesem unsäglichen Twitter-Thread zitieren…

Doch zurück zum eigentlichen Thema. Noch gruseliger finde ich Kommentare, wie ich sie unter einem unsäglichen Thread auf Twitter gelesen habe, an dem ich mich bereits hier und noch ein weiteres Mal hier abgearbeitet habe – Stichwort „der schwer einstellbare Patient, der mit der Colaflasche ins Sprechzimmer kommt“. Erinnern wir uns: Da ging es um einen Patienten mit Diabetes, der offenbar schon seit Längerem hohe Glukosewerte hatte und dem es (aus welchen Gründen auch immer, darüber wurde in dem Thread lediglich wild spekuliert) nicht gelang, sie auf ein verträgliches Level zu drücken. Einer der Kommentatoren schrieb dazu: „Der bekommt wahrscheinlich auch noch eine Priorisierung bei der Covid-Impfung, wogegen andere nicht priorisiert werden, nur weil sie zum Verzicht bereit sind und ihren HbA1c niedrig halten.“ Gefolgt von einem kotzenden Smiley. Als ich diesen Kommentar gelesen habe, hätte ich auch kotzen mögen. Aber nicht wegen des armen anonymen Patienten, der da so vielstimmig kritisiert wurde und sich nicht einmal wehren konnte, sondern wegen der Arroganz und Verachtung, die aus dieser ganzen Diskussion sprach.

Missgunst und Impfneid sind da völlig fehl am Platz

Leute, es ist völlig egal, aus welchem Grund der Typ einen hohen HbA1c-Wert hat. Menschen, die über einen längeren Zeitraum mit hohen Glukosewerte rumlaufen, haben womöglich Schäden an den Gefäßen oder an Organen, die ihr Risiko für einen schweren Verlauf von Covid-19 erhöhen. Sie sollten daher vorrangig mit einer Impfung geschützt werden, damit ihnen dieses Schicksal möglichst erspart bleibt. Dasselbe gilt für stark übergewichtige Menschen, denn bei Adipositas laufen auf Zellebene vermehrt entzündliche Prozesse ab, was die Prognose bei Covid-19 ebenfalls verschlechtert. Deshalb haben Menschen mit einem Body Mass Index von über 40 ebenfalls Anspruch auf eine vorrangige Impfung. Ganz ohne Wenn und Aber. Missgunst und Impfneid sind da völlig fehl am Platz.

Unser Gesundheitswesen basiert auf dem Solidaritätsgedanken

Es gibt nicht den geringsten Grund, andere Personen wegen eines suboptimalen Gesundheitszustands anzufeinden oder zu stigmatisieren – ganz unabhängig von der Frage, ob sie vielleicht mitverantwortlich für diesen Zustand sind. Schließlich hat jeder Anspruch auf Versorgung, unabhängig von der genetischen Veranlagung, unabhängig von angeborenen oder später aufgetretenen Vorerkrankungen und auch unabhängig davon, ob er sich vorbildlich, so lala oder gar nicht um seine eigene Gesundheit kümmert. Unser Gesundheitswesen – zumindest was den großen Bereich der gesetzlichen Krankenversicherung angeht – basiert zum Glück auf dem Solidaritätsgedanken, nicht auf dem Verursacher- oder Schuldprinzip. Sonst hätte man (nur zum Beispiel) auch der ersten Riege der Corona-Patienten, die das Virus aus dem Skiurlaub mitgebracht haben, den Zugang zu Behandlung erschweren müssen: Das mit dem Skifahren musste ja schließlich nicht sein, oder? Ebenso wenig wie verunfallten Motorradfahrern – das ist ja bekanntlich ein deutlich unfallträchtigeres Hobby als kreislauffreundliches Spazierengehen. Und auch auf Büroangestellte, die ihre Tage am Schreibtisch verbringen und deshalb häufig Rückenschmerzen haben (seit vielen Jahren auf Platz 1 der Gründe für Krankschreibungen!), könnte man nach dieser Logik vorwurfsvoll mit dem Finger zeigen: „Würdest du dich mehr bewegen, einfach regelmäßig Sport treiben, hättest du wahrscheinlich auch keine Rückenschmerzen. Selber schuld, also stell dich mal schön hinten an.“

Moralische Kategorien wie Schuld, Strafe und Belohnung

So funktioniert unser Gesundheitswesen glücklicherweise nicht. Es ist also extrem unsolidarisch zu fordern, dass Menschen mit einer späteren Impfung dafür „bestraft“ werden sollten, dass sie in der Vergangenheit möglicherweise ungesunde Entscheidungen getroffen haben. Genauso wie es unsolidarisch ist, Menschen mit einer früheren Impfung zu „belohnen“, die sich als besonders nützlich für die Gesellschaft oder als auffällig gewissenhaft im Umgang mit ihrer eigenen Gesundheit erwiesen haben. Ich fände es schön, wenn das auch in der Diabetes-Community ankäme. Wer einen superguten HbA1c-Wert und keine Komplikationen hat, der sollte sich einfach freuen und dankbar sein, weil dadurch das Risiko für einen schweren oder tödlichen Verlauf von Covid-19 nicht so hoch ist wie bei Menschen, die gesundheitlich nicht so gut dastehen. Allein darauf kommt es bei der Verteilung von knappem Impfstoff an, nicht auf moralische Kategorien wie Schuld, Strafe und Belohnung.

3 Kommentare zu “Warum manche Menschen (mit oder ohne Diabetes) früher gegen Corona geimpft werden

  1. Sehr geehrte Antje Thiel; sehr guter Bericht! Leider ist die Zeit der Selbshifegruppen Info-Stände vorbei. Denn der Besucher einer Diabetes Selbsthilfegruppe lernt die Unterschiedlichsten Diabetes Typen mit ihren Verläufen kennen!

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  2. Du solltest die Eingruppierung nicht missverständlich formulieren. Mit Diabetes ohne Komplikationen befindet man sich in der Gruppe unter P4 ImpfVO. Gruppe 3 suggeriert P3, was nicht der Fall ist.

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